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Deutsches Volkshaus in Czernowitz

                         Beitrag von Alexander Weidle - Fotos von Luisa Hagen

Das Deutsche Volkshaus heute
Das „Deutsche Haus“ in Czernowitz wurde am derzeitigen Standort in den Jahren 1908-1910 errichtet und stellt bis in die heutige Zeit einen der Mittelpunkte deutschsprachiger Kultur in der nördlichen Bukowina dar. Im großen Saal finden zahlreiche kulturelle und politische Veranstaltungen statt. Das Gebäude beherbergt u.a. ein Restaurant und den sog. Verband der „Österreichisch-deutschen Kultur ‚Wiedergeburt‘. Deutsche Volksgruppe in Czernowitz und Bukowina“, der auch eine interessante Facebookseite betreibt: https://www.facebook.com/DeutschesHausCzernowitz/. Aktiv beteiligt an der Pflege der Homepage ist Alexander Schlamp, der im Juli 2017 zum Honorarkonsul der Stadt Czernowitz ernannt wurde.

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Geschichte
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts traten in Czernowitz bei allen Ethnien verstärkt national orientierte Vereinigungen in Erscheinung. Nachdem 1865 der wichtigste Verband der Bukowiner Rumänen, die „Gesellschaft für Rumänische Kultur in der Bukowina“ gegründet wurde, zogen ab den 1890er Jahren zunächst die Ukrainer, anschließend auch die Deutschen nach: Im Frühjahr 1897 kam es zur Gründung des „Vereins der christlichen Deutschen in der Bukowina“. Darin versammelten sich deutschsprachige Katholiken ebenso wie Protestanten und zahlreiche deutschsprachige Angehörige verschiedener gesellschaftlicher Schichten. Besonders erwähnenswert ist dieser Umstand deshalb, weil die Mehrheit der deutschsprachigen Gruppierungen sich zur damaligen Zeit keineswegs als homogene, „deutsche“ Gemeinschaft im heutigen Sinne verstand, sondern durch ihre soziokulturellen Unterschiede geprägt wurde. Vor allem zu Beginn stiegen die Mitgliederzahlen des Vereins rasch an, was mehrere Umzüge in größere Gebäude zur Folge hatte. Im ersten eigenständigen Bau, der neben einem großen Saal auch einen Garten mit Kegelbahn und ab 1900 einen Pavillon mit Gasbeleuchtung vorweisen konnte, fanden zahlreiche Veranstaltungen statt. Diese hatten sowohl unterhaltenden, als auch wirtschaftlichen, politischen, juristischen und bildenden Charakter. Untergebracht waren darin mehrere deutschsprachige Interessensgemeinschaften, Institutionen und Vereinigungen. So beherbergte das Gebäude den „Verband landwirtschaftlicher Genossenschaften“, das „Deutsche Warenhaus“, eine Verlagsgesellschaft und die Raiffeisenbank, ein Restaurant sowie das Schulhaus. Mehrere Feiern richtete auch die studentische Burschenschaft „Arminia“ aus. 1901 wurde diese als „Hoffnung unseres Volkes […]“ beschrieben: Recht deutlich zeigt sich damit ein Selbstverständnis, das – vergleichbar mit ansteigenden nationalistischen Tendenzen in ganz Europa – verstärkt auf der Abgrenzung von anderen ethnischen Gruppen basiert. 1907 verständigten sich die deutschen Vereine auf den Bau eines abermals größeren Gebäudes, das primär durch Spenden der Vereinsmitglieder finanziert werden sollte.

1908 erfolgten nach der kurzfristigen Unterbringung der Schüler des „Deutschen Internats“ auf dem erworbenen Grundstück der Abriss der ursprünglichen Gebäude und die Neukonstruktion des Hauses. Die aufwändigen Verzierungen der Innen- und Außenwände benötigten anschließend fast zwei Jahre, ehe das heutige Gebäude in der Herrengasse im Jahre 1910 bezogen werden konnte. Folgend einige Pressestimmen:

„Die Einweihung des deutschen Nationalhauses ist eine bedeutsame Tatsache, besonders weil es sich gleichzeitig um das Symbol der Nationalzugehörigkeit handelt.“ (Czernowitzer Tagblatt, 5. Juni 1910.)

„Über hundert Jahre haben die Deutschen in der Bukowina gearbeitet und haben dabei sich und das eigene Volk vollkommen vergessen. Sie haben nichts geschafft, was ihrem Volk nützlich sein konnte. Und erst jetzt sind die Bukowinadeutschen dazu gekommen, sich eine eigene Festung zu bauen, äußerlich ihre Existenz und das Recht auf ihr Dasein zu bezeugen.“ (Prof. Scharizer, Vorsitzender des Vereins; ohne exaktes Datum) ­

Im neuen Gebäude untergebracht waren das Deutsche Warenhaus, die Akademische Burschenschaft „Arminia“, der Verein der christlichen Deutschen, der Verband der landwirtschaftlichen Genossenschaften, die Raiffeisenkasse und die Gesellschaft „Prutana“.

Einer der Artikel, der sich mit dem Deutschen Haus in Czernowitz beschäftigt, berichtet ausführlich von der außerordentlich guten Resonanz des Gebäudebaus auch außerhalb der Bukowina. In diesem Zusammenhang wird – ohne den Urheber zu nennen – folgendes (nicht verifiziertes!) Zitat angeführt:

„Wir sind hergekommen, um euch Mut zu bringen, zum Kampf aufzurufen, aber wir, die aus dem Westen gekommen sind, stehen da, als ob wir unter eine kalte Dusche geraten wären. Wir müssen unsere aufrichtige Verwunderung ausdrücken darüber, was ihr in kurzer Zeit erreicht habt. Wie herrlich besteht eure Organisation! Durch alte deutsche Länder durchschritt die Anerkennung, dass die Bukowinadeutschen ein lebensfähiges Zweiglein des deutschen Volkes sind.“

Ein sich stetig steigerndes Nationalbewusstsein, das unterschiedliche deutschsprachige Gruppierungen umfasst, lässt sich auch durch die erste Tagung der Karpathendeutschen nachvollziehen. Diese fand im Sommer 1911 im Deutschen Haus in Czernowitz statt und endete mit der Gründung des „Verbands der Karpathendeutschen“.

Die zunehmende „Rumänisierung“ ab 1918 führte laut Sergej Ossatschuk zunächst zu einer Abnahme der Aktivitäten innerhalb des Deutschen Hauses. Parallel lassen sich im Laufe der 1920er Jahre zunehmend völkische Tendenzen nachweisen. Mit der Umsiedlung 1940 endete vorerst die Rolle als „Hauptvorposten der deutschen Kultur in der Bukowina und sogar im Karpathengebiet“. 2008, so die Internetseite der „Bukowinafreunde“ (einer „Verbindungsplattform für Buchenland-deutsche, deren Nachkommen und an der Bukowina Interessierte weltweit“) trafen sich im Deutschen Haus in Czernowitz anlässlich des 600-jährigen Jubiläums der Stadt erstmalig Angehörige der deutschen Ethnie aus Czernowitz und der Südbukowina (Radautz) mit Buchenlanddeutschen aus der Bundesrepublik Deutschland.

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In zahlreichen Artikeln zum „Deutschen Haus“ verdeutlicht sich die Rolle des Gebäudes als zentraler Ort „deutschsprachiger“ Kultur während der letzten Jahrzehnte. Zumindest in Bezug auf Literatur und (Hoch-)Kultur, so scheint es, führte die Eröffnung des in direkter Nähe gelegenen Paul-Celan-Literaturzentrums zunächst zu einer weiteren Anlaufstelle für die Auseinandersetzung mit der deutschsprachigen Geschichte der Stadt. Erst im Laufe der Zeit wird sich hier zeigen, inwiefern das von zahlreichen namhaften Sponsoren unterstütze Literaturzentrum mit seinem Café, seiner Bibliothek und dem breit gefächerten Kulturprogramm in Zukunft entscheidend(er) sein wird für „Deutsche Kultur“ in Czernowitz.

Literatur
Maren Röger, Gaelle Fisher: Bukowina. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2017. URL: http://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32554 (Stand 07.06.2017).

Otfried Kotzian: Die Umsiedler. Die Deutschen aus Welt-Wolhynien, Galizien, der Bukowina, Bessarabien, der Dobrudscha und in der Karpatenukraine. München 2005 (Vertreibungsgebiete und vertriebene Deutsche 11).

Willi Kosiul, Ortsgeschichten aus der Bukowina. Aachen 2015.

Sergej Ossatschuk, Die Bedeutung des "Deutschen Hauses" in Czernowitz. URL: http://www.ehpes.com/dizzyweb/czernowitz/history/dh/index.html (zuletzt eingesehen 13.07.2017).