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Poesie- und Lyrikfestival: Meridian Czernowitz

                                                                                             von Ann-Marie Struck

Geschichte und Bedeutung für die Stadt        
Die multiethnische Stadt Czernowitz ist die heimliche vergessene literarische Hauptstadt Europas, denn in ihr lebten beispielsweise Größen, wie Olha Kobylanska, Josef Burg, Gregor von Rezzori und Mihai Eminescu. Auf ebendiesem kulturellen Erbe baut das 2010 gegründete Poesie- und Lyrikfestival „Meridian Czernowitz“ auf. Der Name des Festivals spielt auf Celans Metapher „Meridian“ an, mit welcher der aus Czernowitz stammende Literat seine bekannte Georg- Büchner-Preis-Rede 1960 betitelte. Das Motiv des Meridians, eine gedachte, die Erde von Pol zu Pol umspannende Linie, steht für die Verbindung, die durch Poesie entsteht. Der Meridian soll zur Begegnung führen, die Celan, wie er sagt, „[…] mit unruhigen Fingern nach dem Ort seiner eigenen Herkunft suchend auf einer Kinder-Landkarte findet.“ Die Verbindung, ein Zeichen für die Begegnung, die im Fokus von Celans poetologischem Manifest steht, wird im Gedicht hergestellt. Auf der Suche nach einem Gegenüber findet Celan in der Poesie etwas „[…] wie die Sprache – Immaterielles, aber Irdisches, Terrestrisches, etwas Kreisförmiges, über die beiden Pole in sich selbst Zurückkehrendes und dabei – heitererweise – sogar die Tropen Durchkreuzendes – ich finde…einen Meridian.“

Celans Poetologie der Individuation des Künstlers, als auch des Lesers durch das Sprechen in der Poesie, steht in Verbindung mit dem Konzept des Festivals, welches versucht, die zeitge-nössische, ukrainische Literaturszene ins rechte Licht zu rücken und sich wieder innerhalb der europäischen Literaturszene zu etablieren. Ziel von „Meridian Czernowitz“ ist der Dialog zwischen ukrainischen und internationalen Künstlern und die Etablierung Czernowitz’ in der Kulturlandschaft Europas. Dabei greift das Festival auf das vielfältige kulturelle Erbe der Stadt und das historische Gedächtnis seiner Einwohner zurück. In Anlehnung an den geographischen Terminus kann „Meridian Czernowitz“ als Metapher sowohl für Celans Poetologie als auch Czernowitz selbst gelesen werden. Die von Celan erwähnten Tropen symbolisieren die Mehrsprachigkeit der Bukowina vor dem Zweiten Weltkrieg, in dem das Jiddische, das Deutsche, das Rumänische und das Russische gesprochen wurden. Die daraus resultierende außergewöhnliche, vielsprachige Literaturtradition spiegelt sich in der Veranstaltung „Czernowitz Meridian“ wieder, wobei dabei der Fokus auf die Rückkehr zur Amtssprache Ukrainisch in die Sprache der Poesie liegt. Demzufolge ist es eine ukrainische Veranstaltung mit überwiegend ukrainischen Autoren, Lyrikern, Übersetzern, Essayisten und Künstlern, die versuchen, trotz der Problematik der Sprachbarriere, international wahrgenommen zu werden.

Konzept
Das Ziel des Festivals ist neben der literarischen Renaissance in Czernowitz eine Neuintegration der ukrainischen Literatur in die Kulturlandschaft Europas. Im Fokus steht der Dialog zwischen den internationalen Dichtern der Gegenwart. Das Konzept der Begegnung überschneidet sich mit der Arbeit des 2014 im Zuge des Lyrikfestivals eröffneten Paul-Celan-Literaturzentrums. Beide Institutionen widmen sich der Popularisierung der multinationalen und vielsprachigen Literatur der Bukowina, wobei das Celan Zentrum vor allem vergessene rumänische, polnische oder jüdische (überwiegend jiddischsprachige) Autoren der Bukowina untersucht. Die im Westen bereits geschätzten Literaten, wie Karl Emil Franzos, Alexander Morgenbesser, Alfred Margul-Sperber, Georg Drozdowski, Rose Ausländer, Moses Rosenkranz, Alfred Kittner, Paul Celan, Gregor von Rezzori, Selma Meerbaum-Eisinger, Manfred Winkler, Ilana Shmueli, Itzig Manger, Moshe Altmann, Josef Burg, Aharon Appelfeld und andere, sind in ihrer Heimat weiterhin unbekannt, da sie aus ideologischen Gründen oftmals nicht publiziert wurden. Ziel ist es, diese historische Ungerechtigkeit auszugleichen, weshalb das Celan Zentrum als Sammel- und Forschungsstelle agiert. Zudem organisiert das Zentrum das Festival mit und seine Räumlichkeiten dienen ebenso als Hauptbühne.

Die Dichterlesungen, Vorlesungen, Diskussionen und Buchpräsentationen finden aber ebenfalls in der Nationalen Jurii-Fedkowytsch Universität Czernowitz und dem Kulturpalast statt. Doch auch die Stadt selbst wird zum Hauptakteur des Festivals, indem literarische Spaziergänge, Musik-Poesie-Abende, Wein-Zigarren-Abende, Theatervorstellung, Konzerte und Buchvor-stellungen überall in der Stadt verteilt stattfinden.

Meridian Czernowitz ist durch den für bestimmte Projekte des Festivals extra gegründeten Verlag mehr als nur ein Poesiefest. Dieser publiziert im Laufe eines Jahres fünf bis sieben Bücher von teilnehmenden Autoren in allen Sprachen.

Gäste
Neben zahlreichen bekannten Dichtern aus der Ukraine sind internationale Dichter, Schriftsteller, Musiker, Übersetzer, Literaturwissenschaftler und Kulturträger auf dem Festival vertreten. In den letzten sieben Jahren nahmen Poeten aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, Großbritannien, Frankreich, den USA, Dänemark, den Niederlanden, Polen, Rumänien, Russland, Moldawien, Israel, Serbien und Weißrussland teil. Zu den bekanntesten Teilnehmern zählt beispielsweise der bedeutendste ukrainische Intellektuelle Jurij Andruchowytsch, aber auch der mit seiner Band „Sobaki v kosmose“ – zu Deutsch: „Hunde des Weltalls“ – bekannte Sänger und Dichter Serhij Zhada gehört zu den nationalen Teilnehmern. Im vergangenen Jahr war zum Beispiel auch der für den deutschen Buchpreis nominierte Autor Gerhard Falkner zugegen. Natürlich darf das internationale Publikum, das sich für die Festivitäten in der Stadt tummelt, nicht vergessen werden.

 

Literatur
„Meridian CZ“ http://www.meridiancz.com/de/uber-das-festival/         
[10.07.2017].  

„Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung“         
https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/paul-celan/dankrede [10.07.2017].

Celan, Paul. Der Meridian: Endfassung, Vorstufen, Materialien. Hrsg. Bernhard Böschenstein und Heino Schmull. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005.  

May, Markus. Celan-Handbuch: Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart: Metzler, 2012.         

Sieber, Mirijam. Paul Celans „Gespräch im Gebirg“: Erinnerungen an eine „versäumte Begegnung.“ Tübingen: Niemeyer, 2007.         

Ulbrich, Christoph. Aufbau, Stilistik und Intertextualität des >Meridian<: Eine Untersuchung von Paul Celans Büchner-Preis-Rede. Wien, 2003.