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Erfahrungsbericht - Cadiz 1


Erasmusbericht: ein Auslandssemester in Cádiz (22. Februar- 23. Juni 2006)

Kommt man nach einem Auslandsaufenthalt wieder nach Hause, wird man sogleich von allen möglichen Leuten gefragt: „Wie war’s denn?“ Ja, wie war’s denn? Egal wie es gewesen ist, diese Frage lässt sich dann doch nur schwer mit einem Satz beantworten und antwortet man dann nicht schnell und strahlend: „Super, geil, schön, echt riesig…“, kann leicht der Eindruck entstehen, man hätte rein gar nichts erlebt und die so wichtige Erfahrung einmal länger als nur für einen Urlaub im Ausland zu sein, nicht richtig genutzt. Ich weiß nicht, ob ich alles richtig gemacht habe, denn im Nachhinein ist man immer schlauer, aber die Zeit in Spanien war auf alle Fälle eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte und die mir in manch trüben und grauen Deutschland-kein-Wintermärchen-Tagen ein wärmendes Lächeln auf das Gesicht zaubern wird. So viel ist sicher.

1. Wohnungssuche / Altstadt / Neustadt: Ich oder besser gesagt wir (denn wir hatten nicht den Mut allein in den Süden zu fliegen) starteten nicht ganz planlos unsere Reise ins sonnige Spanien. Die meisten Erasmusstudenten fliegen erst einmal nach Cádiz und suchen sich dann vor Ort von einem Hostal aus eine passende Wohnung, meistens eine WG, denn wer ist schon gern allein, in der Fremde. Man kann auf diese Weise gleich internationale Kontakte knüpfen, vielleicht gehört man auch zu den wenigen Auserwählten, die sich sogar eine/n spanische/n Mitbewohner/in schnappen können. Aber das ist eher unwahrscheinlich, denn die spanischen Studenten wohnen gern ewig bei Mama und Papa. Das ist bequemer.
Was ich eigentlich schreiben wollte: Wir (Daniela und ich) waren korrekt, untypisch und langweilig und suchten uns deshalb ein Zimmer von Deutschland aus. Von einer Freundin, die das Jahr zuvor in Cádiz gewesen war, wußten wir von einer geeigneten Wohnung und bekamen per Mail auch heraus, dass noch zwei Zimmer frei wären: Das einzige Problem: unser zukünftiger Mitbewohner kam aus Nürnberg und wir hätten damit eine reine deutsche WG. Aber noch in Deutschland und etwas unsicher, was uns in Spanien alles erwarten würde, waren wir froh schon eine Wohnung zu haben. In der ersten Zeit war die WG eine Erleichterung, das Wetter noch schlecht und alles neu: aber zwei Leute, denen es ebenso ging und mit denen man sich ohne sprachliche Hürden meistern zu müssen, unterhalten konnte. Aber jetzt würde ich sagen, dass man Deutsche in Cádiz auch so genügend um sich hat und ich kann jedem nur raten sich von einem Hostal aus entweder eine internationale WG zu suchen, am besten noch mit einem netten spanischen Mitbewohner.
Was die Lage angeht, war unsere Wohnung perfekt: drei Minuten zur Caleta, dem kleinen Stadtstrand, fünf Minuten zur Uni und in unserem Haus war sogar ein Supermarkt. Mit der Lage in der Altstadt hatten wir nichts verkehrt gemacht. Aber auch in der Neustadt lässt es sich wohnen. Man hat dort als Ausgleich für einen längeren Weg zur Uni, einen kilometerlangen Strand, das Stadion, das Krankenhaus und deutsches Brot (Lidl) in Reichweite. Cádiz ist mit seinen 120 000 Einwohnern nicht so riesig, dass man unüberbrückbare Strecken zurücklegen müsste
Die Altstadt ist romantisch klein und überschaubar, mit ihren engen Gässchen, heruntergekommenen Häusern und vielen Plätzen. Hier fühlt man sich ein wenig an Kuba erinnert, was die Filmindustrie auch schon erkannt hat und den kleinen Caletastrand deshalb als Filmkulisse für kubanische Schauplätze nutzt. (Schaut mal den James Bond „Die another Day“ an: dort seht ihr außer der Caleta auch den Mark und die Kathedrale von Cádiz)

2. Uni/Tandem Mein erster Eindruck von der Uni: leer. Zunächst schob ich diese Beobachtung auf die fünfte Jahreszeit, die Cádiz wohl zum Kölle Alaaf Andalusiens, oder gar Spaniens macht. Aber die Uni sollte sich auch später nicht auf die aus Deutschland gewohnte Weise füllen. Ein bisschen leblos…kam sie mir vor. Und nicht so furchteinflößend weise, wie mir die Uni Augsburg im ersten unwissenden Semester erschienen war . Man meldet sich nach der Ankunft im Auslandsamt der Uni, die sich seit März im Gebäude neben der Uni ( Filosofía y Letras) befindet. Dort wird ein Studentenausweis angefertigt und man bekommt auch Infomaterial, wie Stadtplan oder Kinoprogramm und dergleichen. Außerdem einen Coordinador, der nie da ist, wenn man ihn braucht und deshalb macht man seinen Stundenplan lieber selbst. Den muss man aber doch bei ihm abgeben und man begegnet ihm doch einmal.
Mein Stundenplan war nicht besonders voll: erstens hatte ich nicht vor viele Credits zu sammeln; zweitens stellten sich die Kurse, mit einer Ausnahme, als nicht so zeitintensiv und interessant heraus. Das einzige lohnende Seminar hieß Filosofía y Literatura. Dass dieses Seminar für mich interessant war, lag nicht zuletzt an unserem sehr motivierten und engagierten Dozenten José Luis Moreno Pestaña, der es schaffte, die gemischte internationale Mannschaft aus GB, USA, Belgien, Deutschland und nicht zuletzt aus Spanien gleichermaßen zu Diskussionen über die Merkmale guter Literatur, Beobachtungen zur Gesellschaft und philosophische Betrachtungen anzuregen. Dieses Seminar versuchte ich, nach Überwindung der ersten Schüchternheit, zum Üben meines mündlichen Spanisch zu nutzen und mir durch Schreiben einer Hausarbeit auf Spanisch das Gelernte noch einmal zu vergegenwärtigen. Müßiggang ist aller Laster Anfang!
Da ich von Erasmusstudenten , die vor mir in Cádiz gewesen waren, über den geringen Nutzen des Sprachkurses in Kenntnis gesetzt worden war, meldete ich mich stattdessen in der Calle Guatemala (dort kann man sich auch für etliche Sportkurse der Uni anmelden), um mir ein spanisches Tandem organisieren zu lassen. Leider waren wir Deutsche aber nicht allzu gefragt und ich ging leer aus. Dafür lernte ich dann jedoch in der Erasmus-Kneipe schlechthin, dem Nahu, Jesu kennen, dessen Gaditano-Spanisch mir helfen sollte, die Ureinwohner meines vorübergehenden Zuhauses besser zu verstehen. Außerdem traf ich hin und wieder den Tandempartner von Daniela, dessen witzige Art auch etwas zur Verbesserung meines Konversationsspanisch beitragen konnte. Alles in allem, hab ich jedoch zu wenig Spanisch gesprochen, um nachts auf spanisch zu träumen. Tja, so war das eben.

3. Kultur, Freizeit und Nachtleben: Die folgenden Punkte handle ich der Einfachheit halber alphabetisch ab und kann hoffentlich auf diese Weise einen kurzen Abriss eines Kulturlexikons a la Cádiz geben:
AUSGEHMÖGLICHKEITEN: Ob Pay-Pay, Candela, Botellones, La Perla, Discos, Macrofiesta in der riesen WG, für jeden Geschmack ist was dabei. Da die Nacht in Spanien etwas später beginnt und damit auch das Nachtleben, kann man am frühen Freitagabend seine erste Station in der Perla machen und bei Flamenco und einem Schwätzchen die spanische Lebensart hautnah miterleben. Danach begebe man sich zum Botellón (Plaza San Francisco) und trinke mitgebrachte alkoholische Getränke bis man in der richtigen Stimmung ist, um das Nahu aufzusuchen, sich dort zwischen all den Erasmus-Studenten zu langweilen, weiter ins Medussa zu eilen und irgendwann gen Tanzschuppen aufzubrechen. Man lasse sich zwischen den einzelnen Stationen viel, viel Zeit, denn in den Discos geht’s erst ab drei, vier Uhr richtig ab. Ich hab das Discoleben leider fast gänzlich verschlafen. Eine Kneipentour ist eh geselliger und man kann früher damit anfangen. Vorsicht!: Es besteht die Gefahr zu Hause zu versumpfen, wenn man nicht früh genug aufbricht und sich verschiedene Stationen einbaut!
ESSEN: Die billigste Möglichkeit gut und reichlich zu schlemmen, beginnt mit einem Rundgang auf dem Markt: dort werden Obst, Gemüse, Gewürze, Fleisch und natürlich Fisch und Meeresfrüchte frisch verkauft und man kann sie nach Belieben selbst zubereiten. Leckere Snacks gibt’s auch an allen Ecken zu kaufen: Bocadillos (die besten in der Calle Sacramento). Mit den typischen Tapas, den spanische Appetithappen kann man sich am leckersten im Arte Serrano (Neustadt ) voll essen. Die Preise sind auch sehr studentenfreundlich. Im Asia de Cuba, einem Café nahe des Theaters, gibt es leckere Falafel und verschiedene Crepes.Das sind nur ein paar Anregungen, um es sich richtig schmecken zu lassen. In den vielen süßen Frutos-Secos-Läden kann sich die Naschkatze allerlei Ungesundes zum Verzehr für zwischendurch besorgen: ob „Vogelfutter“, frutos secos oder die obligatorischen Schnüre, … alles da und man darf es selbst portionieren.
KARNEVAL: Zwei Wochen Party und Regen. ALLE waren verkleidet und nutzten den „Carnaval“ für ausschweifende feuchtfröhliche Besäufnisse und die Vermüllung der Stadt. Auch Umzüge waren geboten, wenn der andauernde Regen sie nicht verhinderte. Ich selbst bin kein Karnevalliebhaber, und trotzdem kamen wir uns mit unserer sehr auffälligen Erasmusstudenten-(Nicht-) Verkleidung etwas dumm und spaßbremsend vor.
KINO: Das Kino in der Innenstadt zeigt jeden Donnerstag internationale Filme im Originalton mit spanischem Untertitel. Nur zu empfehlen, man wird zum Cineasten. Die Themen der Filme sind allerdings sehr unterschiedlich, manches nicht ganz über der Gürtellinie… und nichts für schwache Nerven. Das Kino ist natürlich auch zum Ausbau des Hörverständnisses zu empfehlen. Die Handlung und das Agieren der Schauspieler lässt den Sinn unbekannter Vokabeln erahnen und Zusammenhänge auf Spanisch besser erkennen und bietet eine willkommene Abwechslung zum anfänglich schwer verständlichen Gaditano der Einheimischen.
Land und LEUTE: Unsere Nachbarn, die Gaditanos. Die Andalusier sind ein gemütliches Völkchen: viele Fiestas, viel Musik, Gesang und Tanz, viel Strand, temperamentvolle Diskussionen ohne Ergebnis prägen ihr Leben. So hab ich es wenigstens in meinem Zimmer in der Calle San Rafael empfunden: Ich erwache von lautem Gebrüll in verschiedenen Tonlagen: Kind, Mutter und Oma unterhalten sich bis das Alma-Kind anfängt zu schreien. Darauf Mutter und Großmutter: “Nena, ¿qué pasa?“ Das Geschrei geht weiter und steigert sich: “Eres una mala nena.” Gitarrenklänge aus der anderen Wohnung sind zu hören. Doch irgendwann werden sowohl die Gitarren, als auch Almas Gebrüll von der Rammstein-Musik unseres Oberbarn übertönt. Ein ganz normaler spanischer Tag beginnt.
REISEN: siehe letzter Punkt.
SEMANA SANTA: Pasos, Weihrauch, Menschenmengen, Ku- Klux- Klan-Gewänder und Kerzenschein waren die ersten Eindrücke, die sich zu Beginn der Semana Santa einstellten.Der Weihrauch, die vermummten Kapuzenmänner: und die traurigen Melodien der Kapellen, die Umzüge und die unter der Last der schweren Pasos mit den Jesus und Mariastatuen sich langsam bewegenden anonymen Beteiligten passten nicht so ganz zu der lauten, temperamentvollen und ungeduldigen Art der Andalusier. Bei mir kam bald der Verdacht auf: Entweder man liebt diese christliche Tradition oder man hasst sie. Ich stand etwas befremdet dazwischen und war zwischendurch auch tief beeindruckt von der Stimmung, die sich dann und wann auf den Straßen breit machte und die manchmal sogar die ununterbrochene Redelust der Spanier unterbrach. Eines ist auf jeden Fall gewiss: Den Duft von Weihrauch werde ich noch eine Weile mit der Semana Santa verbinden.
SEVILLANA-KURS: Ein langer Rock, hochhackige Flamencoschuhe und los geht’s! Irgendwie ein Stück andalusisches Feuer mit nach Deutschland bringen, etwas spanische Kultur herüberretten ins vergleichbar kühle Deutschland. Uns rauchten auf jeden Fall die Köpfe beim Versuch ein bisschen von der Kunst des Sevillana auf die Beine zu stellen. Wir waren anfangs sechs, dann nur noch vier eifrige Tänzerinnen, drei Deutsche und eine Französin und wenn uns auch das nötige fuego und Temperament fehlte, man konnte am Ende erkennen, was wir da tanzten und der Kurs war eine wunderbare Gelegenheit tänzelnd der andalusischen Kultur, aber auch unserer Bilderbuchlehrerin ein wenig näher zu kommen.(Calle Virgili)
THEATER: War in meinem Fall gleich um die Ecke, man sitzt im Paraíso auf den billigen Plätzen, aber vom Himmel aus hat man einen guten Blick auf das Bühnengeschehen. Ich war zweimal im Theater: einmal war’s ein Konzert für Kinder, das eine halbe Stunde dauerte, damit die armen Kleinen nicht überfordert werden: aber die schafften nicht einmal fünf Minuten ruhig zu sein. Das zweite Mal war es für Erwachsene, was sich an viel nackter Haut bemerkbar machte. Das Stück war sehr avantgardistisch, experimentell,…bla, na geht einfach mal ins Theater: es kommt jedes Mal was anderes: man kommt zwar etwas verwirrt wieder raus, aber was macht das schon.
VAMOS A LA PLAYA: Sonne, Strand, und Meer: Wer diese Kombination liebt, der ist in Cádiz richtig! Wellen, himmelblaues Wasser und ein endloser Strand machen Cádiz zum Strand und Surfparadies. Ich startete gleich mein privates morgendliches Yoga-Schwimm-Programm mit Blick auf das Castillo. Herrlich, wie aus dem Bilderbuch. Erst am Ende unseres Aufenthalts entwickelte sich der Strand zu einem mit Rimini vergleichbaren Ameisenhaufen, dem man jedoch auch entkommen konnte: einfach unter der Woche baden gehen! Oder Rimini am Wochenende in Kauf nehmen und Leute beobachten. Mein erster Badetermin war der 31. März, ha, da saßen die Daheimgebliebenen noch unter einer zwei Meter hohen Schneeschicht fest.
REISEN: Meine Reise ins beschauliche Cádiz sollte der Anfang für viele verschiedene kleine Ausflüge und Reisen werden. Es ging nach Jerez, um die Feria mitzuerleben, mit dem Boot nach Puerto de Santa María auf den Spuren von Rafael Alberti wandelnd oder nach Sevilla, Stadtleben schnuppern. Ob Ronda, Vejer, oder Arcos, mit ihren weißen Häusern im strahlend blauen Spanienhimmel, ob Córdoba oder auch Granada, wo man die Spuren der Symbiose und des Kampfes der Religionen immer noch lebendig vor sich hat, als auch in der Metropole Madrid, überall war etwas geboten, das sich lohnte näher kennen gelernt zu werden. Diese Reisen füllten mein sonstiges Alltagsleben in Cádiz und machten es bunter. Nach dem Motto der Weg ist das Ziel: Auf Wanderschaft, um mit Kerouac zu sprechen: „On the road“. Reisen bildet und lässt uns das Vertraute aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Also, viel Spaß auf Eurer Reise und ich hoffe ihr werdet ankommen, irgendwann.

Mit den Reisen beende ich meine geistige retrospektive Spanienreise und begebe mich auf die Heimreise: Deutschland ich komme! Was kann ich mitnehmen aus meiner Zeit im unbeschwerten Spanien: das beruhigende Rauschen der Wellen, die (Aus)Gelassenheit der Spanier, die wunderbare Urlaubskulisse, die meinen Auslandsaufenthalt verschönerte, die Kontakte mit Studenten aus Frankreich, Italien, Polen, Finnland, Amerika, Großbritannien,… die Chance die eigene Welt einmal aus einer anderen Perspektive sehen zu können und sich gleichzeitig Unbekanntes vertraut zu machen. All das und vieles mehr. Und nun die Antwort zu haben, wenn jemand fragt: „Na, wie war’s?“ Die Antwort begegnete mir während meines Cádiz-Aufenthalts zufällig auf einem Stück Papier und darauf war zu lesen: Viajar es marcharse de la casa, es dejar a los amigos, es intentar volar. Volar conociendo otras ramas, recorriendo caminos. Es intentar cambiar. Viajar es vestirse de loco, es decir «no me importa». Es querer regresar, regresar valorando lo poco, saboreando una copa, es desear empezar. Viajar es sentirse poeta, escribir una carta, es querer abrazar, es abrazar al llegar a una puerta, añorando la calma. Es dejarse besar. Viajar es volverse mundano, es conocer a otra gente, es volver a empezar, empezar extendiendo la mano, aprendiendo del fuerte, es sentir soledad. Viajar es marcharse de la casa, es vestirse de loco, diciendo todo y nada con una postal, es dormir en otra cama, sentir que el tiempo es corto. Viajar es regresar.