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Bericht über die Exkursion nach Aix-en-Provence (30.9. - 6.10.2018)


Douze « détenu[s] très dangéreux par [leur] cynisme » ?

Die Aix-kursion des Lehrstuhls für Angewandte Romanistik im Oktober 2018

Zynisch ist, so erklärt es der Duden, wer „auf grausame, den Anstand beleidigende Weise spöttisch“ ist. Diesen Spott von außen ernteten sieben Studierende der Romanistik zuhauf, als sie Eltern, Partnern und ganz allgemein Neidern zu vermitteln versuchten, ein Aufenthalt in Südfrankreich gegen Ende der Semesterferien diene einzig und allein der Wissenschaft. Was könne man schon forschen, so der Kanon derer, die Linguistik für eine Nudelsorte halten, zum Schriftverhalten französischer Strafgefangener des ausgehenden 19. Jahrhunderts? Schlimm genug, dass jemand ihre Briefe bewahrt, müssen sie auch noch gelesen werden?

Sie müssen, urteilten die Professoren Steffen und Thun, die ein angehendes Digital Humanities-Projekt zum französischen Substandard betreuen. Grausamen Spott bekamen sie dafür nicht zu spüren, eine Machbarkeitsfrage stellte sich dennoch – denn Sprecher des französischen Substandards, wie er bis ins 20. Jahrhundert hinein in breiten Teilen der Bevölkerung üblich gewesen sein muss, erfuhren zu Lebzeiten wenig linguistische Aufmerksamkeit. Wie könnte man dem Sprachverhalten derer auf die Spur kommen, die wenig oder nicht schreiben konnten und deren Äußerungen niemand auf Band bewahrt hat?

Sehr zynisch müsste man sein, um die Strafkolonie in Französisch-Guayana als einen Glücksfall zu bezeichnen, was seit Henry Charrières Papillon auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt ist. Für das Projekt jedoch handelte es sich um eine wahre Goldgrube; weit weg von zuhause, in einem täglichen Kampf gegen Schikanen, Krankheiten und wohl auch die Mitgefangenen, greifen viele der Gefangenen zur Feder und schreiben Briefe voller Abweichungen – an Frauen, Mütter, Freunde oder den Minister für Schifffahrt und Kolonien, damit er ihnen eine Straferleichterung oder eine neue Hose gewährt. Diese Korrespondenz, zusammen mit Steckbriefen der Gefangenen, ärztlichen Attesten und häufig auch Sterbeurkunden, ergeben Dossiers, die, in Hundertergruppen in einzelne cotes verpackt, in den Archives d’Outre-Mer in Aix-en-Provence lagern.

In mehrtägiger Archivarbeit durchpflügten die beiden Professoren und ihre Studierenden, begleitet von den Doktoren Paulikat und Gutiérrez-Maté, insgesamt fast einhundert solcher cotes mit einigem Erfolg. Dank guter Planung, Herrn Paulikats interessantem Kulturprogramm und der hervorragenden Chemie in der Gruppe kam sich dabei zum Glück niemand selbst wie ein Gefangener vor – von einem Stromausfall im Quartier, der das elektronische Zugangstor für einige Stunden lahmlegte, einmal abgesehen. Es war kein Spott übrig für die Mutigen, die mit dem Eigentümer telefonierten – jener verfiel in seiner Not immer mehr ins Okzitanische und zeigte damit einmal mehr, dass es ein Fehler sein könnte, Frankreich für einen einheitlichen Sprachraum zu halten.

Der Widrigkeiten zum Trotz musste sich mit der schriftlichen Warnung eines Wärters, Insasse XY sei „auf gefährlichste Weise zynisch“ letztlich niemand identifizieren. Gerade die gegenseitige Wertschätzung in der Gruppe, aber auch die interessante Arbeit und das Gefühl, ein Stück zur aufgeklärten Betrachtung der französischen Sprache beigetragen zu haben, haben die Exkursion zu einem vollen Erfolg und einem Erlebnis gemacht, das eine Woche Strand und Cocktails so nie hätten bieten können – Semesterferien hin oder her.

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Vor den Archives d'Outre-Mer in Aix-en-Provence.

zzz_Working_hard

Ja, wir haben den Fotografen bemerkt. Aber Forschung geht eben vor.

zzz_Partnerlook

Partnerlook oder partners in crime?

zzz_alles_super

Wie wir die Exkursion bewerten? Daumen hoch!

Bericht von Niklas Schmidt

Fotos von Prof. Dr. Steffen

Meldung vom 11.02.2019