Suche

Die Systemfunktion der Gemeinden im NS-Regime


Kommunale Verwaltung und politische Herrschaft im bayerischen Regierungsbezirk Schwaben/Neuburg 1933-1945

Projektträger:

Ansprechpartner

Zusammenfassung

Das von der Volkswagenstiftung geförderte Forschungsvorhaben läuft seit Juli 2001. Es zielt in Form eines verwaltungs- und finanzgeschichtlichen Zugriffs darauf, die Struktur, die Funktionalität, aber auch die immanenten Widersprüche und Blockaden des nationalsozialistischen Herrschafts-systems in exemplarischer Weise aus einer bislang unzureichend erforschten Perspektive zu untersuchen. Im Vordergrund stehen dabei weniger die „großen“ und spektakulären Ereignisse und Tendenzen der NS-Herrschaft wie der Aufstieg der NSDAP, die (kommunale) Machtergreifung, der Terror gegen Systemgegner, die Diskriminierung und Verfolgung der Juden, widerständiges Handeln u.a.m., die in vielen Lokalstudien zum Nationalsozialismus den hauptsächlichen Gegenstand bilden. Auch geht es nicht primär um die lokale Sozial-, Milieu- und Kulturgeschichte, wie sie einige neuere Studien zu verschiedenen Städten und Regionen herausgearbeitet haben In einem strikt problemorientierten Zugriff soll vielmehr das erfaßt werden, was man, zugespitzt formuliert, die administrative „Normalität“ des Regimes nennen könnte, ein Bereich also, der zunächst nicht unerhebliche Kontinuitäten zur Weimarer Republik aufwies. Mit den nationalsozialistischen Verordnungen, „Gesetzen“ und „Maßnahmen“ wurde er zwar auf eine neue Grundlage gestellt und systemspezifisch verändert bzw. deformiert, ehe er dann im Zweiten Weltkrieg einem fortschreitenden Zerfall unterlag. Andererseits aber kann der durch die institutionalisierte Ämterkonkurrenz zusätzlich angetriebene „vorauseilende Gehorsam“ der zahllosen Unterführer sowie der unteren Verwaltungseinheiten und Parteidienststellen nicht ausschließlich kontraproduktiv gewirkt haben. Es ist daher eine offene Frage, ob in der „polykratischen“ Zersetzung der Verwaltung nicht zugleich auch eine Quelle für die erhebliche Ressourcenmobilisierung des Regimes lag. Mit Blick auf die Systemfunktion der Gemeinden bemüht sich das Projekt gerade in dieser Hinsicht um neue Antworten.

Ausgehend von diesem weitgespannten Fragehorizont, konzentriert sich das hier vorgestellte Vorhaben zunächst auf zwei zentrale Bereiche, nämlich die kommunale Verwaltungsstruktur und die kommunalen Finanzen, deren Entwicklung in den Städten Augsburg und (teilweise) Memmingen jeweils exemplarisch erforscht werden. Darüber hinaus aber setzt sich das Vorhaben zum Ziel, die empirisch gewonnenen, lokalgeschichtlichen Ergebnisse in eine systematische Perspektive zu setzen. Konkret bedeutet dies, daß mit der lokalgeschichtlichen Erforschung drei weitere Schritte analytisch verknüpft werden müssen. Erstens werden die bereits in der Weimarer Republik bestehenden, sich im NS-Regime deutlich verstärkenden, vertikalen Abhängigkeiten der Gemeinden zu den vorgesetzten Länder-, Reichs- und Sonderbehörden am konkreten Beispiel aufgewiesen. Im einzelnen geht es also darum, die sich in der nationalsozialistischen Polykratie häufig überschneidenden Kompetenzen und die entsprechenden Anordnungswege in ihrer für die untersuchten Gemeinden spezifischen Relevanz von „unten nach oben“ zu rekonstruieren und sie transparent zu machen. Dem entspricht als zweite Aufgabe, soweit wie möglich die horizontalen Abhängigkeiten und Einflußlinien herauszuarbeiten, die vom politischen Anspruch der Parteiinstanzen ausgingen. Dies betrifft sowohl die örtlichen (Ortsgruppen, Kreisleitung) wie die regionalen (Gauleitung) und schließlich zentralen Parteidienststellen (Hauptamt für Kommunalpolitik, Parteikanzlei etc.). In einem dritten Arbeitsschritt werden die andernorts vorliegenden lokalgeschichtlichen Forschungen unter der genannten Problemstellung inventarisiert. Damit wird es möglich, die am Beispiel Augsburgs und Memmingens gewonnenen Ergebnisse interregional zu vergleichen und lokalspezifische Besonderheiten zumindest ansatzweise festzustellen. Erst vor diesem Hintergrund kann dann die eingangs genannte, leitende Fragestellung nach der spezifischen Funktion der Gemeinden im NS-Herrschaftssystem präziser gefaßt und exemplarisch beantwortet werden.

Links: