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Einladung zum Vortrag am 11.12.2018


Zum Vortrag "Jiddisch für ,Westjuden‘. Franz Kafkas Spracherwerbstheorie des Jiddischen – ein sprachbiographisches Experiment" begrüßen wir Dr. Boris Blahak (Westböhmische Universität, Pilsen) am Dienstag, 11.12.2018

Öffentlicher Vortrag im Rahmen der Vorlesung "Variation im Deutschen"

Dienstag, 11.12.2018, um 18:00 Uhr in Hörsaal I (Geb. C)

Zum Vortrag:

Angesichts des im 19. Jh. in Mitteleuropa verbreiteten sprachnationalen Denkmusters, das Muttersprache und ethnische Herkunft aufs Engste miteinander verknüpfte, betrachtete Franz Kafka, wie andere Mitglieder seiner sozialen Gruppe, sein persönliches Nicht-Verfügen über ,jüdische Sprachen‘ (Jiddisch, Hebräisch) als widersprüchliches Defizit, das sogar seine Literatursprache zu beeinträchtigen schien. So kolportierte er selbst die zeittypische antisemitische Unterstellung, das assimilierte mitteleuropäische Judentum bediene sich nur ,geliehener Sprachen‘, und sah die Legitimität jüdischen Schreibens auf Deutsch permanent in Zweifel gezogen. Aus diesem imaginierten Dilemma schien ihm an der Jahreswende 1911/12 die Begegnung mit einer Lemberger Theatergruppe, die in Prager Cafés ostjiddische Schauspiele aufführte, einen Ausweg zu eröffnen. Hier glaubte Kafka erstmals Juden vor sich zu haben, die ihre ,eigene Sprache‘ verwendeten, und dies noch dazu im literarischen Kontext. Im Zuge dieses intensiven, ihn affektiv berührenden jüdischen Erweckungserlebnisses versuchte er in der Folge fieberhaft, sich das Jiddische als fehlenden Baustein (s)einer ,hypothetischen jüdischen Sprachbiographie‘ verfügbar zu machen, um die scheinbare Divergenz zwischen ethnischer Herkunft und Muttersprache aufzulösen. Bei diesem Sprachlernexperiment glaubte sich Kafka die Zielsprache allein aufgrund seiner jüdischen Herkunft in einem dem kindlichen Erstspracherwerb nachgeahmten Lernprozess ungesteuert aneignen zu können – eine Theorie, die er auch in seinem Einleitungsvortrag über Jargon niederlegte. Mittels eines Vergleichs der von Kafka gehörten jiddischen Spieltexte mit den von ihm ins Tagebuch notierten zugehörigen Handlungsparaphrasen, die explizite Zitate enthalten, versucht der Vortrag, Kafkas Spracherwerbsstrategie, bei der Deutsch, Jiddisch und Hebräisch in einer markanten Wechselwirkung standen, zu rekonstruieren, Ausmaß und Grenzen seines Lernerfolges zu bestimmen und die Gründe zu ermitteln, die letztendlich zum Abbruch des Versuchs führten, sich eine ,jüdische Sprache‘ durch bloßes Zuhören anzueignen.

Es laden ein

Forschungs- und Kooperationszentrum FORUMOST
Professur für Variationslinguistik und DaF/DaZ (Prof. Dr. Wildfeuer)

Meldung vom 05.12.2018