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Silvesterwunsch

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Wunsch in den Tagen vor dem 1. Januar (Frage 1c)

Dass man sich zu Silvester einen guten Rutsch ins neue Jahr wünscht (und erst ab Beginn des neuen Jahres ein gutes/frohes/gesundes neues Jahr), hat sich offenbar im ganzen Sprachraum durchgesetzt. Dies ist jedenfalls im Süden anscheinend eine neuere Erscheinung, so heißt es am 31.12.1993 in der österreichischen Zeitung Die Presse noch: „Du liebe Zeit, habe ich gegeifert, als vor Jahren der Gute Rutsch Mode wurde und das gute alte Glückwünschen zum Jahreswechsel abkam. Ist ja auch wirklich nicht gerade geistvoll; sehr salopp, flapsig, um nicht zu sagen schnoddrig.“
Heute ist diese Wendung offenbar im ganzen Sprachraum üblich, fast ohne Variation – rutsch gut (r)über(e) wurde uns nur ganz selten und verstreut (Brandenburg, Sachsen, Bayern, Schweiz) gemeldet. Vermutlich geht der Silvesterwunsch Guten Rutsch auf die verbreitete Verwendung des Worts Rutsch im Sinne von ‘(kurze) Reise’ zurück, die schon das DWB verzeichnet (wohingegen es den Silvesterwunsch noch nicht aufführt). So ist in einer Reihe von Dialekten (vor allem aus dem norddeutschen Raum) auch der Wunsch bzw. Abschiedsgruß Guten Rutsch (z. T. auch Glücklichen Rutsch) im Sinne von ‘Gute Reise’ schon im 19. Jh. belegt1.
Stattdessen wird häufig auch eine Herkunft aus dem hebräischen Rosch haschana angesetzt (Benennung des jüdischen Neujahrsfestes, ‘Kopf des Jahres’ – wobei die traditionellen jüdischen Neujahrsgrüße allerdings das Wort Rosch nicht enthalten, vgl. Wikipedia, 6.1.2012, und das jüdische Neujahr zu einem anderen Termin gefeiert wird als das christliche). Vermittelt worden wäre dies über das Jiddische und Rotwelsche (Rosch ‘Kopf’ – vgl. Wolf), womit auch lautliche Unregelmäßigkeiten zu erklären wären (vgl. Roth). Eine volksetymologische Anlehnung einer solchen Entlehnung an rutschen, wie sie das DUW annimmt (Bd. 7, 3257), ist zwar nicht unplausibel, gegen die Herleitung aus dem Hebräischen (Jiddischen) sprechen aber verschiedene Argumente (vgl. Röll und Neuberg/Röll, zu einer Zusammenfassung s. a. Wikipedia, 6.1.2012). Die Annahme einer Entlehnung als Ursprung erscheint jedenfalls nicht zwingend, wenn man die Existenz des älteren Reisegrußes und auch der – wiewohl selten gemeldeten – Variante Rutsch gut rüber/nüber bedenkt; hinzu kommt der Reiz des Spiels mit der übertragenen und wörtlichen Bedeutung von Rutsch im Bezug auf das Wetter zum Jahreswechsel. Als Grund für eine plötzliche Verbreitung dieses Neujahrswunsches Anfang des 20. Jahrhunderts vermuten Neuberg/Röll eine Glückwunschpostkarte – ein entsprechendes altes Motiv ist zwar bislang nicht gefunden worden, aber gut vorstellbar.

1 Hamburgisches Wb. Bd. 3, Sp. 1144: Abschiedsformel Goden Rutsch (zuerst 1825); vgl. a. Wossidlo-Teuchert, Mecklenburg. Wb. Bd. 5, Sp. 1117 (Beleg von 1861), Mensing, Schleswig-Hosteinisches Wb. Bd. 4, Sp. 216, Teut, Hadeler Wb. Bd. 3, S. 488