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Die Nationalsprache der Juden oder eine jüdische Sprache?


Kulturnationen im Vielvölkerstaat? Zur Bedeutung des deutschen Idealismus für die Nationalbewegungen in Österreich-Ungarn

Tagungsbericht

7. – 9. November 2018: Workshop 1 in Tscherniwzi (Czernowitz)

Jüdische Nationalbewegungen haben, wie andere Nationalismen in Mittel- und Osteuropa, Theoreme, literarische Formen und Argumente aus dem deutschen Idealismus adaptiert und transformiert. Trotz offensichtlicher Parallelitäten werden die jeweiligen Nationalismen jedoch meist sprachenintern und nicht vergleichend diskutiert. Ziel des Projekts „Die Nationalsprache der Juden oder eine jüdische Sprache? Die Fragen der Czernowitzer Sprachkonferenz in ihrem zeitgeschichtlichen und räumlichen Kontext“, im Rahmen dessen der Workshop stattfand, ist es, der historischen Realität des engen Kulturkontakts und -austausches der österreich-ungarrischen Nationalismen durch eine internationale und interdisziplinäre Zusammenarbeit näherzukommen.

PETRO RYCHLOs (Czernowitz) Einführungsvortrag zum Thema „Mehrsprachigkeit und Multikulturalität in der Donaumonarchie 1848-1918“ führte in das breite Spektrum der deutschsprachigen Literatur in dem genannten Zeitraum ein. Im Anschluss an den Vortrag entspann sich u. a. eine Debatte darüber, welche Realitäten dem in den literarischen Texten vertretenen Ideal der Mehrsprachigkeit entsprachen und inwieweit und mit welchen Argumenten in der aktuellen Literatur, wie etwa in Arbeiten von Robert Menasse u.a., die Europäische Union als Fortsetzung des Vielvölkerstaats der K.u.K-Monarchie gedeutet wird.

Während in vielen Quellen und häufig auch in der Forschung  das Herder’sche Ideal einer Einsprachigkeit, die das jeweilige Volk in Literatur und Leben bestimmt, eine zentrale Rolle spielt, stellte JURKO PROCHASKO (Lemberg) in seinem Vortrag über Deutsche Philosophie und die von ihm begrifflich eingeführte „galizische Romantik“ frühromantische folkloristische Sammlungen aus Galizien vor, die polnische und ruthenische Volkslieder als gemeinsames Gut des galizischen Volkes präsentieren. Diese Sammlungen verstand Prochasko auch als Ergebnis einer vom deutschen Idealismus getragenen Politik, die sich selbst als Trägerin der Aufklärung inszeniert.

Die (Wieder-)Entdeckung der Volksliteratur war auch ein zentrales Element jüdischer Erneuerungsbewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die KATHARINA BAUR  (Augsburg) und THERESIA DINGELMAIER (Augsburg) in ihren Vorträgen zu Idealismus bei Paula und Martin  Buber und zu deutschen Ma‘asebuchbearbeitungen thematisierten. Die Dichotomien Judentum und Christentum, Weiblichkeit und Männlichkeit, religiöse und literarische Erneuerung bestimmten die Publikationen Paula und Martin Bubers. Wie die Buber’schen Chassidischen Erzählungen dienten auch die Bearbeitungen der altjiddischen Erzählungssammlung „Ma’asebuch“ von Micha Josef Berdyczewski, Bertha Pappenheim und Ludwig Strauß im kulturzionistischen Kontext dazu, unter Rückgriff auf Herder das in Volkserzählungen mitschwingende volksliterarische – und für die Ausbildung einer jüdischen Identität fruchtbare – Potenzial einer breiteren jüdischen Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Jüdische Witzanthologien aus Wien, Pressburg und Budapest zur Zeit der Jahrhundertwende, die BORIS BLAHAK (Pilsen) in seinem Vortrag vorstellte, stellen ebenfalls einen Versuch dar, kollektive Identität zu stiften. Hier kommt der regional bereits nahezu ausgestorbenen Sprache des Jiddischen die soziologische Funktion eines ,Erinnerungsortes‘  für die Gruppe ihrer (ehemaligen) Sprecher zu. Im Mittelpunkt der Untersuchung stand zum einen die linguistische Gestalt konzeptioneller Jiddisch-Varietäten, zum anderen deren literarische Funktionalisierung.

Während die deutschen Kulturzionisten die Volksliteratur als Inspiration für eine neue deutsch-jüdische Literatur entdeckten, arbeiteten die jiddischen Literatinnen und Literaten daran, aus dem Jiddischen, der manchen noch als „Jargon“ galt, eine Kultur- und Literatursprache zu entwickeln. CARMEN REICHERT (Augsburg) stellte in ihrem Vortrag zwei Versuche einander gegenüber, auf die „Lächerlichkeit“ der jiddischen Sprache zu reagieren: Nathan Birnbaums Engagement für Jiddisch auf der Czernowitzer Sprachkonferenz und in seinen eigenen jiddischen Dichtungen, die versuchen, eine jiddische Klassik „nachzuholen“ und Y. Y. Trunks Einführung zu seinem Buch „idealizm un naturalizm in der yidisher literatur“, in der er eine Poetologie des „payatsentums“ (etwa: der Clownerie) entwirft, die zugleich Geschichtsdeutung ist.

SEBASTIAN FRANZ und ALFRED WILDFEUER (Augsburg) zeigten in ihrem Vortrag, dass die Ideologisierung von Sprache insbesondere Konzepte von „Standardsprachen“ betrifft. Auch hier stehen Konzepte von vermeintlicher Einsprachigkeit im Gegensatz zu einer Sprachwirklichkeit, die durch das Dialekt-Standard-Kontinuum konstituiert wird und die nicht einer idealisierten Vorstellung einer homogenen Standardsprache entspricht. In diesem Kontext wurden unterschiedliche Sprachnormbegriffe vorgestellt und auf Basis von Kartenmaterial zur deutschen Alltagssprache diskutiert.

BETTINA BANNASCH (Augsburg) vollzog in ihrem Vortrag zum Werk Samuel Agnons den zeit- und geistesgeschichtlichen Kontext nach, in dem die Verhandlungen über eine Nationalsprache der Juden und um Mehrsprachigkeit um 1900 zu verstehen sind. Ausgehend von Agnons nachgelassenem Roman „Schira“, der als das poetologische Vermächtnis Agnons verstanden werden kann, zeigte der Vortrag, in welcher Weise sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in den Debatten um das Neuhebräische der Versuch erkennen lässt, jüdisches Selbstbewusstsein wiederzubeleben oder überhaupt erst zu generieren, indem es über das Hebräische in seiner religiösen und kulturellen Tradition verankert wird. In „Shira“ überantwortet Agnon diese Bemühungen einer in Palästina lebenden Generation junger Juden, die in einer nun schon vom Holocaust gezeichneten Welt an diese Auffassungen anknüpft und sie fortschreibt.

Das Projekt „Die Nationalsprache der Juden oder eine jüdische Sprache? Die Fragen der Czernowitzer Sprachkonferenz in ihrem zeitgeschichtlichen und räumlichen Kontext“ wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Vorträge

PETRO RYCHLO: Mehrsprachigkeit und Multikulturalität in der Donaumonarchie 1848-1918

JURKO PROCHASKO: Deutsche Philosophie und die "galizische Frühromantik". Eine Vormärzquelle

CARMEN REICHERT: Jiddischer Idealismus und Jiddisch

ALFRED WILDFEUER UND SEBASTIAN FRANZ: Sprachliche Normen und Ideologien

KATHARINA BAUR: Zeitgeist oder Zeitkritik? Idealismus bei Paula und Martin Buber

THERESIA DINGELMAIER: Eine neue alte Volksliteratur? Das Ma'assebuch als Quelle einer neuen deutschsprachig-jüdischen Volksliteratur im 19. und 20. Jahrhundert

BORIS BLAHAK: „Für unsere Leit". Jiddisch als deutsch-jüdischer Erinnerungsort in ostmitteleuropäischen Witz- und Anekdotensammlungen

BETTINA BANNASCH: Konzeptionen des Neuhebräischen als 'säkularer Sakralsprache‘ im Werk Samuel Agnons



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