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navigare in terram incognitam - Die Seefahrtsmetapher als erzählerisches Erkenntnismodell


Dissertationsprojekt von Tobias Krüger


Wie kann der Mensch – der potentielle Entdecker – ein Ziel ansteuern, von dessen Existenz er nichts weiß? Wie kann er erahnen, dass es etwas zu entdecken gebe? Ihn treibt die Ahnung der Unvollständigkeit: Es ist die Vernunft, das Vermögen der Prinzipien, die aus dem Bekannten auf das Bestehen des Unbekannten schließt. Die Annahme einer terra incognita bringt ein Handeln hervor, als ob das neue Land bereits bekannt wäre, und macht die Entdeckungsreise erst möglich. Für die erzählende Prosa ist die Entdeckungsreise per Schiff jedoch mehr als ein bloßer Topos. Sie ist ein literarisiertes Strukturmodell des Erzählens und des menschlichen Erkenntnisprozesses: Die Seefahrtsnarration spiegelt den Prozess literarischer Produktion und Rezeption wider; die Reise des Autors, von welcher er dem Leser kündet. Ferner symbolisiert sie den menschlichen Erkenntnisprozess zwischen Erdenken, Entdecken und Benennen, in dem Schöpfung und Entdeckung nicht mehr voneinander zu scheiden sind. Schließlich ist ihre Form als Indikator für den Wandel literarischer Gestaltung auf dem Weg ins 20. Jahrhundert zu sehen: Mit der Vollendung der tatsächlichen topographisch-geographischen Erkundung der Welt und dem Verschwinden der weißen Flecken von der Landkarte geht in der erzählenden Literatur eine verstärkte Hinwendung zur Selbstbezüglichkeit einher.


Projektbetreuung:
Prof. Dr. Mathias Mayer