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Der Beginn des Sabbats an der Klagemauer

Beitrag von Angelika Hannich

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Abb. 1: Blick auf die Westmauer.

Die Klagemauer wird von Juden Westmauer, „ha-Kotel hama’avari“, oder auch umgangssprachlich „Kotel“ genannt (Abb. 1). Da der religiöse Schwerpunkt der Mauer für Juden auf der Zugehörigkeit zum Salomonischen bzw. Herodianischen Tempel liegt und das Beten an der Mauer nicht als Klagen gesehen wird, gebrauchen Juden nicht den Begriff der Klagemauer. Seit die Westmauer durch den Sechstagekrieg wieder in israelisch-jüdischer Hand ist, zählt sie mit dem davorliegenden Platz als Freiluft-Synagoge. Ein Rabbiner ist mit einem Team für diese zuständig und kümmert sich dabei auch um die Gebetszettel, die von vielen Menschen zwischen die Steine der Westmauer geschoben werden. Als Synagoge stellt sie einen religiösen Raum dar, in dem von Touristen erwartet wird, dass diese sich dort respektvoll benehmen. Bevor man diesen Platz betritt und der Mauer näherkommt, sollten Schultern und Knie bedeckt sein, bei Männern auch der Kopf, ebenso muss man durch eine Sicherheitsschleuse mit Ganzkörperscannern und Taschenkontrollen. Die Trennung von Frauen und Männern auf dem Platz vor der Westmauer hat sich erst mit der Zeit entwickelt. Auch wenn man sich als nicht-jüdischer Besucher der Westmauer immer respektvoll und sehr bedacht verhalten sollte, wird darum gebeten, während des gesamten Sabbats die Gebote des Judentums zu respektieren und auf diese Rücksicht zu nehmen, indem man die Betenden an der Westmauer weder filmt noch fotografiert und generell auf dem Platz vor der Westmauer keinerlei elektronische Geräte benutzt. Auch wenn die Westmauer als einer der heiligsten Orte im Judentum zählt, gibt es keinerlei jüdische Riten, die speziell an der Westmauer vollzogen werden.

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Abb. 2: Gebetszettel, die in der Mauer stecken.

Denkt man an die Klagemauer, so wird man an die vielen Zettel denken, die zwischen die großen Steine der Westmauer gesteckt werden (Abb. 2). Auf jedem dieser Zettel steht eine Bitte, die der Absender durch das Stecken in die Wand direkt zu Gott bringen möchte. Als letzte Mauer des zweiten Tempels auf dem Tempelberg zählt die Westmauer als das Gebilde, dass dem ehemaligen Standplatz der beiden Tempel am nächsten ist und somit eine direkte und intensive Verbindung zu Gott darstellt. Daher teilen die Juden diesen heiligen Ort auch mit allen anderen Menschen auf der Welt, ungeachtet der Religionszugehörigkeit, da sie es nicht in ihrer Macht stehend empfinden, so eine intensive Verbindung zu Gott anderen Menschen vorzuenthalten. Daher kommen Menschen aus der ganzen Welt und schieben einen Zettel zwischen die alten Steine.

Dieser Brauch hat sich angeblich vor ungefähr 300 Jahren entwickelt, als ein Rabbi zu gebrechlich war, um selbst zur Westmauer zu reisen und dort zu beten. Deshalb schrieb er seine Bitte auf einen Zettel und ließ ihn von einem seiner Schüler zur Westmauer bringen. Inzwischen schreiben nicht nur Menschen einen Zettel, die nicht an die Westmauer gelangen, sondern auch die, die dort vor der Mauer stehen. Aufgrund der Entstehung dieses Brauches gibt es auch heutzutage Menschen auf der ganzen Welt, die einen Brief, ein Fax oder eine E-Mail an die Westmauer, den Tempel, oder Gott adressieren. Alle Sendungen werden vom Rabbiner, der für die Westmauer zuständig ist, und seinem Team natürlich ungelesen zur Westmauer gebracht. Damit weiterhin die Möglichkeit besteht, Zettel in die Mauerritzen zu stecken, wird die Mauer zwei Mal im Jahr von allen Zetteln befreit. Da alles, was einmal die Mauer berührt hat, als gesegnet zählt, darf es nicht verbrannt werden, sondern muss bestattet werden. Deswegen werden die Zettel aus der Westmauer nach der Entfernung auf dem Ölberg beerdigt.

Viele Staatsoberhäupter und Prominente besuchen die Westmauer und stecken ebenfalls einen Zettel zwischen die Steine. So auch der Verteidigungsminister Mosche Deyan nach der Rückgewinnung der Westmauer im Sechstagekrieg. Angeblich hatte sein Zettel die Aufschrift: „Möge der Frieden dem ganzen Haus Israel zu Teil werden.“

Das wichtigste Gebot im Alten Testament für das Judentum ist das Sabbatgebot. Religiöse Juden glauben, dass man mit der Todesstrafe rechnen muss, wenn man sich wissentlich und bewusst nicht daran hält. Denn der Sabbat ist der Ruhetag, wie es Gott schon immer wollte, an dem der Wille Gottes im Himmel und auf Erden geschieht. Er vereinigt also die himmlische und die irdische Welt für einen Tag. Theologisch basiert der Sabbat auf dem siebten Tag der göttlichen Schöpfung, an dem selbst Gott ruhte. Durch das Ruhen am siebten Tag der Woche erinnert das jüdische Volk an die Schöpfung und ehrt Gottes Werke. Historisch und anthropologisch gesehen brauchten die Sklaven nach der Befreiung aus Ägypten einen Ruhetag. In Erinnerung an den Auszug aus Ägypten sollen sich daher alle Menschen des Volkes Israel einen Tag in der Woche von den Anstrengungen im Alltag erholen. Um vor sämtlicher Anstrengung zu schützen gibt es ein Arbeitsverbot. In der Halacha wird der Begriff der Arbeit, also „Melacha“, in 39 Kategorien unterteilt. Orthodoxe Juden legen den Begriff der Arbeit so aus, dass nichts Neues erschaffen oder etwas geschafft werden darf. Deswegen ist auch beispielsweise das Fotografieren verboten, oder etwa das Drücken eines Aufzugknopfes, weswegen es sogenannte Sabbat-Aufzüge gibt, die automatisch in jedem Stockwerk halten. Essentielle Tätigkeiten des Glaubens sind allerdings auch am Sabbat erlaubt, so etwa das Opfer bringen im Tempel oder an anderen Heiligtümern. Auch Beschneidungen dürfen am Sabbat durchgeführt werden, da diese traditionell am achten Lebenstag eines Jungen durchgeführt werden. Eine andere Ausnahme hat Jesus in der Bibel genannt, nämlich die Rettung von Leben (Mk 3,1-6). Das Arbeitsverbot zählt dabei nicht nur für die jüdische Familie an sich, sondern für den ganzen Haushalt. So durften früher am Sabbat auch Sklaven und Bedienstete, sowie sämtliche Tiere, die eine Familie besaß, sich ausruhen. Zu den Sabbatverboten gehört auch das Verlassen des Wohnortes. Dabei ist die Entfernung vom Wohnhaus auf einen so genannten Sabbatweg beschränkt, der je nach Auslegung des zugehörigen Rabbis 200 Ellen, oder 1.000 Schritte, oder 1.000 Meter beträgt. Sollte es sich dennoch nicht vermeiden lassen, dass man an einem Sabbat einen längeren Weg in eine andere Stadt gehen muss, so gibt es eine Ausnahmeregel, bei der man bereits vor dem Sabbat nach der Strecke eines Sabbatweges ein rituelles Wohnhaus aufschlägt, sodass man von dort aus erneut einen Sabbatweg gehen kann. 

Tätigkeiten, die verboten sind, sind landwirtschaftliches Arbeiten, kochen und backen, Verarbeitung von Materialien, schreiben, Feuer anzünden oder löschen, Lasten tragen, debattieren, kaufen und verkaufen, aber auch etwas geben oder erhalten. Auch der Gebrauch von Kunstinstrumenten oder Werkzeugen ist untersagt, genauso wie das Spielen von Musikinstrumenten. Streng gläubigen Juden ist es auch untersagt sich zu waschen oder einzuölen. Aufgrund all dieser Verbote deckt man sich bereits vor dem Sabbat mit allem ein, was man während des Sabbats braucht. Man verteilt auch am Freitag vor Beginn des Sabbats großzügig Geld, engagiert sich persönlich und beginnt mit keiner Aufgabe, die man nicht vor dem Sabbat abschließen kann. Eine Stunde vor dem Sabbatbeginn werden dann die letzten Vorbereitungen getroffen, man stellt das Essen für den Sabbat auf einer Heizplatte warm, man deckt den Tisch und badet oder duscht noch einmal, bevor man sich besonders schöne Kleidung anzieht. Um bei den letzten Vorbereitungen nicht den Beginn des Sabbats zu verpassen, gibt es meist eine Person, die eine halbe Stunde circa vor Sonnenuntergang auf den Beginn des Sabbats aufmerksam macht. Denn noch vor dem Sabbat muss die Frau des Hauses zwei Sabbatleuchten anzünden, die die ganze Nacht hindurch brennen. Diese symbolisieren Licht und Freunde, die beim Sabbat anwesend sein sollen. Der Tisch ist speziell für den Sabbat gedeckt. Während die Frauen zuhause alles herrichten, geht der Rest der Familie in die Synagoge, oder eben an die Westmauer. Der Synagogengottesdienst am Freitagabend beginnt mit dem „Empfang des Sabbats“ durch einen gesungenen Psalm und das traditionelle Sabbatlied „Lecha Dodi“. Das anschließende Abendgebet „Maariw“ ist am Sabbat um einige Teile gekürzt und um Sabbattexte erweitert. Alle Riten variieren je nach Glaubensintensität und Rabbiner, nach dem man sich richtet. Daher kann es auch sein, dass es für das Gebet an der Westmauer spezielle Riten gibt, jedoch sind diese nicht kanonisiert und können stark voneinander abweichen.

 

Literatur
Fohrer, Georg: Glaube und Leben im Judentum. In: Uni-Taschenbücher (= Bd. 885), Heidelberg 1979.
Grimm, Werner: Der Ruhetag. Sinngehalte einer fast vergessenen Gottesgabe, in: Otto Betz (Hg.), Arbeiten zum Neuen Testament und Judentum (=Band 4), Frankfurt am Main 1980.
Modena, Leone Jüdische Riten, Sitten und Gebräuche. Wiesbaden 2007.
Montefiore, Simon Sebag: Jerusalem. Die Biographie, Frankfurt am Main 2011.

Abbildungen
Abbildung 1 und 2: © Angelika Hannich, 2018.