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Zusammenfassung zum Habilitationsprojekt von Dr. Jenny Pleinen

"Die politische Ökonomie der Umverteilung in Großbritannien seit den 1880er Jahren"


Das Verständnis davon, was der Staat leisten kann und soll hat sich seit dem späten 19. Jahrhundert ebenso verändert wie die Vorstellung darüber, wie eine sozial gerechte Gesellschaft aussehen sollte. Das Habilitationsprojekt erforscht die Beziehung zwischen Staat, Gesellschaft und Kapitalismus in Großbritannien, das als Pionier der industriellen Revolution auch zum Experimentierfeld der Moderne wurde. Es kombiniert dabei sozial- und kulturgeschichtliche Ansätze mit denen einer neuen Politikgeschichte und verfolgt vier Leitfragen:


Erstens, wie hat der britische Staat Markteinkommen und akkumulierten
Wohlstand in der longue durée umverteilt. Berücksichtigt werden dabei zum einenStaatseinnahmen wie Steuern (insbesondere Erbschaftssteuern) und Zölle, die vor allem die Einkommen von Grundbesitzern und den Lebensstandard der städtischen Unterschichten beeinflussten. Der Staat griff aber nicht nur in die Sozialstruktur ein, indem er Kapital abschöpfte, sondern auch durch seine Ausgaben. Dabei wird ein breiter Ansatz von Staatsausgaben operationalisiert, der neben dem Sozialstaat, dem Bildungssystem und direkten Subventionen auch Ausnahmen von der Besteuerung und akzeptierte Steuerhinterziehung umfasst. Hinzu kommen staatliche Regulierungen wie Preis- und Lohnkontrollen sowie der Leitzins.

Die zweite Leitfrage zielt auf die Entwicklung des politischen Feldes: Welche politischen Interessen und öffentliche Debatten führten zu den beschriebenen Interventionen des Staates. Der Fokus der Analyse liegt dabei auf Wahlkämpfen und Reformversuchen, sowohl erfolgreichen als auch steckengebliebenen. In solchen Konflikten über Steuern und Staatsausgaben kamen sowohl differierende Gerechtigkeitsideen als auch unterschiedliche Interpretationen sozialer Wirklichkeit. Der Ansatz des Projekts zielt dabei nicht wie meist üblich auf die Konstruktion einer kohärenten Gerechtigkeitsphilosophie ab, sondern analysiert Konjunkturen populärer Vorstellungen von Angemessenheit, die die Akzeptanz von Umverteilung und sozialer Ungleichheit beeinflussten. Bei diesen Aushandlungsprozessen spielten – so eine These des Projekts – Sozialfiguren wie die des dekadenten Adligen oder der alleinerziehenden "welfare queen" eine zentrale Rolle.


Die dritte Leitfrage des Habilitationsprojekts lautet: Auf der Grundlage welcher Vorstellungen über die britische Gesellschaft wurde über diese Staatsinterventionen entschieden? Damit rücken Prozesse der Verwissenschaftlichung des Sozialen und die Rolle der Experten in den Blick, da staatliches Handeln im Untersuchungszeitraum seinem Selbstverständnis nach zunehmend eine rationale Reaktion auf objektives Wissen sein sollte. Das Projekt untersucht den Einfluss von Sozialwissenschaftlern auf politische Entscheidungsprozesse, erweitert diesen Blick aber um andere Experten wie Think Tanks und Ministerialbeamte. Wichtige Fallbeispiele für die Untersuchung sind neben den Nachlässen wichtiger Soziologen vor allem die Unterlagen von Royal Commissions und verwaltungsinterner Komitees. Während Verwissenschaftlichungs-prozesse zweifellos vor allem die Nachkriegsgeschichte geprägt haben, so zeigen die bisherigen Ergebnisse doch auch Einschränkungen dieser These: Nicht nur war Verwissenschaftlichung häufig selektiv, sondern es lassen sich auch gegenläufige Tendenzen einer Politisierung von Wissen sowie einer Fundamentalkritik am Deutungsanspruch wissenschaftlichen Wissens feststellen.


Die vierte Leitfrage des Forschungsprojekt bezieht sich auf die Entwicklung sozialer Ungleichheit in der britischen Gesellschaft. Prozesse sozialer Mobilität
werden dabei sowohl aufwärts als auch abwärts beobachtet. Diese sozialgeschichtliche Perspektive zeigt auf, welche Ungleichverteilung gerade nicht Gegenstand politischer Debatten wurde. Im Fokus steht dabei besonders
Konfigurationen von Intersektionalität (Armut, Ethnizität, Gender) und räumlicher Ungleichheit (Ansatz der Sozialgeographie).