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Interkultureller Stadtplan Augsburg. Ein Projekt des Stadtjugendrings Augsburg in Zusammenarbeit mit der Europäischen Ethnologie/Volkskunde

Im WS 2002/2003 begann im Rahmen einer Übung die Recherche für einen Interkulturellen Stadtplan für die Stadt Augsburg. Frau Christiane Lembert-Dobler, Ethnologin und Volkskundlerin, hatte vom Stadtjugendring Augsburg den Auftrag zur Konzeption und Realisation bekommen und angeregt, das Projekt mit interessierten StudentInnen umzusetzen.

Das Konzept sah vor, nach Herkunftsländern geordnet verschiedenste Orte aufzusuchen und zu beschreiben. Die Orte gliederten sich in Vereine, religiöse Stätten, Restaurants, Kneipen, Cafés, Discos, Geschäfte und Dienstleistungen, Bildung und muttersprachlicher Unterricht und Interkulturelle Institutionen. Zwischen den einzelnen Beschreibungen sollten Biographien von Jugendlichen eingeflochten und so eine Verknüpfung mit den Orten hergestellt werden.

Sowohl der zeitliche Rahmen als auch die inhaltliche Vorgehensweise erwiesen sich schnell als illusorisch bzw. als ungeeignet. Die Biographien waren wenig aussagekräftig und ließen sich nur marginal mit den Orten in Beziehung setzen. Die Vielzahl und Vielfältigkeit der Orte machten es unmöglich, in der angepeilten Zeit (Wintersemester) fertig zu werden, so dass sich das Projekt bis in den Spätsommer 2003 hinzog und die Gruppe auf wenige Personen zusammenschmolz. Eine einfache Beschreibung eines Lokals mit Adresse, Telefonnummer und Speisekarte erschien zudem langweilig und hatte den Charakter eines Branchenbuchs. Warum also nicht die ursprünglich geplante biographische Komponente auf die Repräsentanten der Orte direkt übertragen und ihre Lebensgeschichte in Kurzform präsentieren? Das erforderte zwar wesentlich mehr Aufwand, garantierte jedoch eine sehr authentische Beziehung zwischen Information über eine Örtlichkeit, Information über die Lebenssituation von Migranten und Information über das jeweilige Herkunftsland. Durch diese Vorgehensweise entstand zu dem Stadtplan mit eingezeichneten Ortsmarkierungen ein umfangreiches Begleitheft, das nicht nur der räumlichen Orientierung dient sondern auch als eigenständiges Buch über Augsburger Migranten zu lesen ist.

Das Projekt bot den StudentInnen die Möglichkeit, die Migrationsforschung nicht nur in der Theorie sondern auch in der Praxis kennenzulernen. Für die meisten bedeutete dies, Orte und Menschen aufzusuchen, mit denen man normalerweise nicht in Berührung kommt, Hemmungen zu überwinden, Sprachbarrieren in Kauf zu nehmen, oder vor verschlossenen Türen zu stehen - z.B. weil der Verein längst in andere Räumlichkeiten umgezogen war oder der Laden, die Kneipe, gerade geschlossen hatten. Einige StudentInnen knüpften freundschaftliche Beziehungen, wurden zum Essen oder zu Veranstaltungen eingeladen oder gar zu einem Besuch in der Heimat. Insgesamt bekamen die Studenten mit diesem Projekt einen lebendigen Einblick in das "Fremde vor der Haustür" und konnten auf diese Weise und je nach persönlichem Engagement ihr theoretisches Wissen über Migrationsforschung durch eigene Erfahrungen erweitern. Die Arbeit am Stadtplan erforderte ein Einlassen auf die multiethnische Realität. Der persönliche Kontakt mit Vereinsvorsitzenden, Kneipen- oder Geschäftsbetreibern gab Einblick in das umfangreiche Beziehungsgeflecht innerhalb der einzelnen Migrantencommunities in Augsburg. Fast alle Gesprächspartner waren von der Idee des Stadtplans begeistert und empfanden es als außergewöhnlich, dass sich jemand für ihre persönliche Situation und die ihrer community interessiert.

Die Intention des "Interkulturellen Stadtplans" ist, der Tatsache der ethnischen Vielfalt Rechnung zu tragen und die multiethnische Bevölkerung in Augsburg auf eine anschauliche Art und Weise sichtbar und erlebbar zu machen. Die multiethnische Bevölkerungsstruktur prägt das Erscheinungsbild und das kulturelle Leben in der Stadt. Trotzdem ist dies für den Einzelnen je nach seinem Wohnort, seinem Arbeitsplatz und seinem persönlichem Umfeld nicht ohne weiteres offensichtlich, wahrnehmbar und durchschaubar.

Die Bandbreite der Verortung kultureller Einflüsse ist entsprechend groß und spiegelt die Prozesse von Aneignung und Abgrenzung wider. Das betrifft sowohl die MigrantInnen selbst als auch die ansässige Bevölkerung. So sind spezifisch ethnisch geprägte Orte, also Treffpunkte, die fast ausschließlich Angehörige einer bestimmten Ethnie, einer Sprachgruppe oder eines "Kulturkreises" wahrnehmen, genauso vorhanden wie Orte, an denen sich Menschen unterschiedlichster Herkunft treffen bzw., die sie nutzen. Sicher werden sich in einer Moschee ausschließlich Muslime einfinden, ihre Herkunft ist aber nicht auf die Mehrzahl der türkischstämmigen Muslime beschränkt. Läden mit einem Angebot an russischer, griechischer, italienischer oder türkischer Feinkostware haben nicht nur Kunden aus den entsprechenden Ländern. Die Orte besitzen überdies multifunktionale Bedeutung. Was für den deutschen Augsburger als ein Stück Exotik gelten mag, verbindet den Migranten/ die Migrantin mit einem Stück Heimat. Fakt ist, dass die Orte jedem zugänglich sind und jeder die Möglichkeit hat, sie kennenzulernen und zu nutzen.

Der „Interkulturelle Stadtplan Augsburg“ wurde sowohl in Augsburg als auch überregional mit großem Interesse aufgenommen. Der Stadtjugendring Augsburg hat damit ein Projekt realisiert, das bis dato in dieser Form noch nicht existierte.

Seit 2005 ist der Stadtplan im Internet veröffentlicht.

Projektteam: Meltem Acartürk, Vera Bogenschütz, Alma Durán-Merk, Gabriele Faßnacht, Tillman Graach, Ina Jeske, Kathrin Lichtenberg, Kathrin Michaelis, Diana Moraru, Lars Pamler, Geraldine Raabe, Claudia Ried, Kristina Scholich, Christine Schurr, Katharina Seidl, Andrea Wagner, Mutherem Yilmaz, Reinhard Zulehner.

Der Interkulturelle Stadtplan ist in der Geschäftsstelle des Stadtjugendring Augsburg, Schwibbogenplatz 1, 86153 Augsburg (Tel. 0821-4502620) oder im Büro der Europäischen Ethnologie/ Volkskunde gegen eine Schutzgebühr von Euro 2,- erhältlich.