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Der Czernowitzer Stadtteil Rosch

                                                                                              von Alexander Weidle

 

Im heutigen Stadtteil Rosch (ukr. Роша/ Roša; in österreichischer Zeit auch als „Deutsche Vorstadt“ bezeichnet) siedelten vornehmlich sogenannte „Schwaben“, (vgl. 1. Etappe der Besiedelung), die aus Südwestdeutschland stammten und das Bild der gesamten ‚Czernowitzer Deutschen‘ nachhaltig prägten. Ehemals als Dorf vor den Stadtgrenzen liegend, wird Rosch 1782 zur „ersten Deutschen Siedlung in der Bukowina“. In Ego-Dokumenten oder populärwissenschaftlichen Aufsätzen werden die ‚Roscher Schwaben‘ bis heute als das „ethnisch stabilste Element der Deutschen in der Stadt“ erinnert.

Die Geschichte der Besiedelung des Vorortes Rosch beginnt als „Verlegenheitslösung“. Nur wenige Jahre nach der Eingliederung der Bukowina 1775 als Teil der Habsburgermonarchie erreichen die ersten Siedler, die aus dem Banat oder Galizien, der Pfalz, Baden-Württemberg, Oberschwaben oder Hessen stammten, die nordbukowinische Stadt Czernowitz. Die dortige Verwaltung, augenscheinlich überfordert mit der frühen Ankunft deutscher Kolonisten, siedelte die Ankömmlinge zunächst außerhalb der Stadtgrenzen an. Dort organisierten sich die überwiegend deutschsprachigen Siedler rasch selbst: Den frühen, provisorischen Unterkünften zur Unterbringung der Neuankömmlinge folgten gemauerte Gebäude; der „Notgottesdienst“, anfangs in Czernowitz abgehalten, wurde bald in christliche Gemeinden nach Rosch verlegt. Als Motivation zur Umsiedlung wurde von Seiten der österreichischen Krone Bau- und Ackerland ebenso kostenfrei zur Verfügung gestellt, wie eine Grundausstattung zur Bewirtschaftung von Bauland. Aufgrund der geographischen Lage des Dorfes gedieh besonders Gemüse ausgesprochen gut. Dies führte, gemeinsam mit der Lage außerhalb und dem erhöhten Bedarf an Lebensmitteln innerhalb der Stadtgrenzen, zu einer Spezialisierung der Dorfbewohner, von denen sich viele ihren Unterhalt auf den Czernowitzer Märkten als Gemüsebauern verdienten. Artikel zu Rosch betonen (wie generell zur Bukowina) vor allem den multiethnischen Charakter des Vororts, in dem sich innerhalb weniger Jahre ein eigenständiger und charakteristischer Dialekt herausgebildet hat. Die Bezeichnung „Schwäbisch“, die weniger mit der Herkunft der ersten Siedler, sondern viel eher mit der Klassifizierung durch Wiener Beamte als „westlich von Österreich gelegen“ zusammenhängt, wurde im Laufe der Zeit zur Selbstbezeichnung deutschsprachiger Siedler vieler ost- und ostmitteleuropäischer Regionen. Begründet auf der Heirat der verschiedenen (deutsch-)sprachigen Bewohner und der entsprechenden Sozialisation des Nachwuchses entstanden so verschiedene, regional differenzierte Dialekte, wie das „Bukowiner-“, das „Banater-“ oder das „Roscher-Schwäbisch“. Letzteres, das Komponenten des Deutsch-Österreichischen („durchsetzt mit ukrainischen, polnischen oder romanischen Sprachbrocken“), des Rheinischen und des Hessischen, des Badischen und des Schwäbischen miteinander verbindet, war letztlich ein ausgesprochen variationsreicher Dialekt, der bis zur Umsiedlung 1940 „zahlreiche Abweichungen“ aufwies und entsprechend von Sprachwissenschaftlern als „noch nicht abgeschlossen ausgeglichen“ klassifiziert wird. Parallel zur Gründung von Interessensgemeinschaften in der Stadt Czernowitz bildeten sich auch in Rosch bald eine Freiwillige Feuerwehr, Gesangs- und Musikvereine, ein Männer-, Frauen-, Mädchen- und Jugendbund und ein Sparkassenverein. Ganz maßgeblich waren diese Zusammenschlüsse verantwortlich für die Weitergabe der mitgebrachten und überlieferten Traditionen, wie Neujahrstanz, Dreikönigssingen, Maitanz, Sonnwendfeier, der Verzehr bestimmter Speisen um Ostern etc.

Noch vor der Eröffnung des heutigen „Deutschen Hauses“ in Czernowitz kam es in Rosch bereits 1902 zur Eröffnung eines eigenen „Deutschen Hauses“. Auch hier avancierte die Bürgerinitiative bis zur Umsiedlung 1940 zum Zentrum deutschsprachigen Lebens. Ausgestattet mit Fest- und Tanzsaal, Bühne und Empore, Kegelbahn, Kindergarten, Jugend-, und Versammlungsräumen, einer Gaststätte mit Biergarten, einem Lebensmittelgeschäft und einer Schneiderei spielt das Gebäude innerhalb der Erinnerung ehemaliger Bewohner des Dorfes eine große Rolle. Mit Blick auf kollektive Erinnerungsmuster ehemaliger Dorfbewohner verdeutlicht sich vor allem der vielfach angebrachte Aspekt eines explizit ländlichen Lebens. Dieser spiegelt sich zunächst in den Beschreibungen zu Acker- und Feldarbeit, zur Tradition des Gemüseanbaus und -verkaufs und in Darstellungen des dörflichen Freizeitlebens wieder. Gleichzeitig dient er jedoch (ähnlich wie die Betonung eines „eigenen“ Roscher Dialektes) zur sozialen und kulturellen Abgrenzung von den in direkter Nähe lebenden Stadtbewohnern.

Dem „Deutschen Haus“ in Rosch kam eine wichtige Rolle besonders ab der sowjetischen Besatzung der Nordbukowina im Juni 1940 zu. Um das Haus herum, so ein Bericht, „scharten“ sich ab diesem Zeitpunkt „alle Deutschen“. Die eingerichtete Gemeinschaftsküche versorgte bedürftige Landsleute, Lebensmittel „wurden von der Jugend freiwillig und mit Zustimmung der Besitzer aus den Gärten geholt und in der Gemeinschaftsküche abgeliefert.“ An der Arbeit der Umsiedlungskommission, die ab Mitte September 1940 ihre Tätigkeit aufnahm und u.a. im Großen Saal des Deutschen Hauses in Rosch tagte, beteiligten sich auch mehrere Roscher Bewohner. Von Ende September bis Mitte November 1940 erfolgte die vornehmlich in Eisenbahnwaggons realisierte Umsiedlung der Buchenland-Deutschen über Galizien nach Westen. Insgesamt betraf die Umsiedlung aus Rosch 4.650 Menschen (Nordbukowina insgesamt 43.641). Seinen Bericht „Umsiedlung der Roscher“ beendet Johann Bäcker mit folgendem Zitat: „Nach deren Abreise gab es keine deutschen Aktivitäten mehr in jenem Gebiet.“

 

Literatur
Kurt Rein: Einleitung zur Roscher Chronik, in: Reinhold Weiser (Hrsg.), Roscher Heimatbuch, o.A. 2001.

Kurt Rein: Zur Sprache der Roscher Schwaben, in: Reinhold Weiser (Hrsg.), Roscher Heimatbuch, o.A. 2001.

Reinhold Weiser: Besiedlung der Bukowina, in: Reinhold Weiser (Hrsg.), Roscher Heimatbuch, o.A. 2001.

Reinhold Weiser: Das schneeweiße Kopfduch der Roscher Gemüsebäuerinnen, in: in: Reinhold Weiser (Hrsg.), Roscher Heimatbuch, o.A. 2001.

Reinhold Weiser: Bericht eines Buchenlanddeutschen, in: Lebendiges Museum online, URL: https://www.dhm.de/lemo/zeitzeugen/reinhold-weiser-bericht-eines-buchenlanddeutschen.html (zuletzt eingesehen 16.07.2017).

Willi Kosiul: Ortsgeschichten aus der Bukowina. Aachen 2015.

Maren Röger, Gaelle Fisher: Bukowina. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2017. URL: http://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32554 (Stand 07.06.2017).