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Historische Bildwissenschaft


Historische Bildwissenschaften (Kunstgeschichte)

I.

Im Zentrum der historischen Bildwissenschaften stehen Bildbegriff, Formen der Bildlichkeit und Bildgebrauch. „Bild“ ist hierbei nicht mit „Kunst“ im Sinne der ästhetischen und gattungsspezifischen Eingrenzung des 19. Jahrhunderts zu verstehen: also weder im Sinne von „Meisterwerk“ noch beschränkt auf die klassischen Kunstgattungen Malerei, Skulptur und Architektur. Unter „Bildern“ sind vielmehr künstlerische und kunsthandwerkliche Arbeiten in einem breiten Spektrum zu verstehen, die der visuellen Repräsentation und Kommunikation dienen, d.h. Gemälde und Handzeichnungen genauso wie Wandteppiche, Gebrauchsgraphiken oder Dokumentarfotos; Freiplastiken und Reliefs genauso wie Wachsfiguren, Medaillen und Porzellan, Möbel und Tafelgeschirr. Eine enthierarchisierte Betrachtung umfaßt außerdem neben den klassischen Bildtypen von Historie, Porträt, Landschaft, Stilleben, Genre etc. auch literarische und wissenschaftliche Illustrationen, Presse, Propaganda und Werbung – um nur einige Punkte zu nennen. Zum Material der historischen Bildwissenschaft gehören also neben den bildlichen Darstellungen ebenfalls alle Formen plastischer Objekte. Eine gewichtige Rolle spielen in den historischen Bildwissenschaften die technisch reproduzierbaren Bilder und ihre Medien: die Fotografien in allen ihren Anwendungsbereichen, Film- und Fernsehaufnahmen, Videos sowie die digitalen Bilder.

Über den engeren Definitionsbereich der „Bilder“ hinaus ist die Architektur wesentlicher Bestandteil einer kulturhistorisch verfahrenden Kunstgeschichte. Architektur definiert wie kaum eine andere Kulturleistung in täglich schon physisch erfahrbarer Weise gestaltete Umwelt: in den Bauten, in denen sämtliche Lebensprozesse angesiedelt sind, aber auch in der städtebaulichen Organisation sozialen Lebens. Im Gegensatz zu den anderen bildenden Künsten ist Architektur stets an konkrete Funktionen gebunden gewesen, die aber zugleich mit symbolischen Formen in einer dechiffrierbaren Architektursprache verbunden sind. Teil einer kulturhistorisch orientierten Architekturgeschichte sind damit gleichermaßen die herausragenden Monumente wie Tempel, Theater, Bibliotheken, Kirchen, Klöster, Paläste, Schlösser, Gartenanlagen und Rathäuser wie die urbanen Strukturen von Straßenzügen und Platzanlagen, Bebauungsdichte und Fassadengestaltung, die Durchdringung und Separation öffentlicher und privater Bereiche, Bühnen für Auftritte, Wege mit Wegmarken für Prozessionen und Umzüge, Foren der Begegnung und Zurschaustellung, aber auch der Feste mit fixer und ephemerer Ausstattung. Architektur ist sowohl physisch als Handlungsraum erfahrbar als auch visuell-bildhaft, wobei durch die Abfolge der Bewegungen im Raum sich ebenfalls Bildfolgen ergeben.

II.

Methodisch bauen die historischen Bildwissenschaften auf den klassischen formkritischen und ikonografischen Verfahren der Kunstgeschichte auf, erweitern aber die Perspektive ganz entscheidend in zwei Richtungen. Sie isolieren nicht länger über den Kunstbegriff die ästhetischen Höhenkämme vom den breiten Strömen der Bildproduktion, sondern historisieren den Kunstbegriff selbst und begreifen ihn in seinen Wandlungen selbst als ein spezifisch europäisches Kulturphänomen. Zum anderen verbinden die historischen Bildwissenschaften die aktuelle Alltagserfahrung der Bilderflut mit dem historisch und kulturell kodierten Bildverständnis und garantieren damit ein Verfahren, das – in Abgrenzung zu entsprechenden medientheoretischen Ansätzen – methodisch der historischen Tiefendimension visueller Wahrnehmung gerecht wird.

Theoretisch baut die historische Bildwissenschaft auf der Ikonologie von Aby Warburg auf, der sie als „Laboratorium kulturwissenschaftlicher Bildgeschichte“ verstand und für seine Untersuchungen, die gleichermaßen Gemälde Botticellis wie Briefmarken und Reklamebilder umfassten, das Arbeitsinstrument des Bilderatlasses MNEMOSYNE entwickelte. Es war ebenfalls Warburg, der den Begriff des „Bildergedächtnisses“ als zentralen Gegenstand einer kulturhistorisch verfahrenden Kunstwissenschaft „ohne grenzpolizeiliche Bestimmungen“ definierte. Die aktuelle Form der historischen Bildwissenschaft reagiert auf den Erfahrungsdruck eines zunehmend durch Bilder bestimmten Alltags, der international mit dem „Iconic turn“ bwz. „Pictorial turn“ in den Geisteswissenschaften von 1994 (Boehm, Mitchell) beantwortet wurde. Zugleich eröffnet ein medienhistorischer Blickwinkel Perspektiven, in denen funktionale Bezüge in Prozessen von Kommunikation und Repräsentation, von Sinnstiftung und Orientierung wieder erkennbar werden, die durch die museale Präsentation der Objekte außerhalb ihres Entstehungs- und Rezeptionskontextes einer spontanen Wahrnehmung verloren gegangen sind. Sie lässt aber auch den Eigensinn des jeweiligen Mediums erkennbar werden, dessen visueller Aussage- und Reflexionsgehalt nicht über andere Medien, wie z.B. Texte, gewonnen werden kann. In der jüngsten internationalen Forschung ist die historische Bildwissenschaft eng mit den Cultural Studies verbunden.

Im Fächerkanon der Europäischen Kulturgeschichte bieten die Disziplinen der historischen Bildwissenschaften den fachwissenschaftlich fundierten Zugang zur sinnlich erfahrbaren Überlieferung mit ihren Räumen der gestalteten Umwelt, mit ihrer das jeweilige Weltbild konstituierenden Bildwelt und ihren ästhetischen Objekten. Im Gegensatz zu den nationalen Philologien behandelt die Kunstgeschichte immer schon ganz Europa in seiner jeweiligen historischen Erstreckung und analysieren in diesem Rahmen regionale Differenzierungen ebenso wie die Schübe in der Ausbildung gesamteuropäischer Formsprachen. Darüber hinaus ermöglicht die Kunstgeschichte – anders als die epochengebundenen Disziplinen der Geschichte – epochenübergreifende Betrachtungen.