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Forschung am Lehrstuhl für Kunstgeschichte/Bildwissenschaft


Photo Grabmal für homepage

© Otto Grothe

Die Bronze, der Tod und die Erinnerung.

Das Grabmal des Wolfhard von Roth im Augsburger Dom

Interdisziplinäres Projekt 2017/2018, gefördert durch die Gerda Henkel Stiftung, die Gesellschaft der Freunde der Universität Augsburg e.V. und die altaugsburggesellschaft.

Die Grabplatte des Augsburger Bischofs Wolfhard von Roth (amtierte 1288 bis 1302) gehört zu den außergewöhnlichsten Bildwerken des 14. Jahrhunderts. Umso überraschender ist es, daß das Werk in der bisherigen Forschung nur vergleichsweise geringe Beachtung gefunden hat. Das in einer Kapelle des Chorumgangs des Augsburger Doms aufgestellte Grabmal fällt aus den gängigen kunsthistorischen Entwicklungsschemata heraus und wirft zahlreiche Fragen auf. In der Gattung der mittelalterlichen Grabbilder handelt es sich um die offenbar früheste Wiedergabe des Verstorbenen als im Ornat bekleidetem Toten im deutschsprachigen Raum. Die Platte wurde geschaffen aus dem anspruchsvollen und konnotationsreichen Material Bronze. Die Materialwahl ist unter den Grabmälern im Augsburger Dom ohne Parallele und blieb generell auch unter hochrangigen Klerikern und Herrschern eine Ausnahme. Zur Person des Bischofs und seiner Familie ist nur wenig bekannt, und so gibt es bislang keinen Anhaltspunkt dafür, weshalb gerade er durch ein herausragendes Monument geehrt wurde, das schon für die Zeitgenossen unter den Bischofsgräbern herausstechen mußte. Damit verbindet sich die Frage, wo genau das Grabmal stand und inwieweit es in die Liturgie eingebunden war.

Auch die Künstlersignatur, die das Grabmal neben der eigentlichen Grabinschrift trägt (OTTO ME CERA FECIT CVNRATQUE PER ERA – Otto hat mich in Wachs gemacht, Cunrat durch Bronze), ist ungewöhnlich: Sie gibt sowohl über die arbeitsteilige Entstehung als auch über den Entstehungsprozess, das Wachsausschmelzverfahren, Auskunft. Fragen wirft die Grabplatte auch aus gußtechnischer Sicht auf: Sie ist von besonderer künstlerischer Qualität, gleichzeitig läßt bereits eine oberflächliche Beobachtung auf Probleme während des Gusses schließen (Risse, Blasen, poröse Oberfläche, Nachgüsse?). Unterschiedliche Spuren, die spätere mechanische Einwirkung vermuten lassen, lenken den Blick auf das Schicksal der Grabplatte in nachmittelalterlicher Zeit.

Die Signatur des Gießers führt zu einer weiteren Augsburger Bronze: Den Namen „Konrad“ trägt auch die 1299 datierte Kirchenglocke von St. Moritz. Lässt sich aus epigraphischem Blickwinkel eine Beziehung der beiden Bronzen herstellen? Was bedeutet es für das handwerkliche Vorgehen, das Produktionsspektrum und den Status eines Gießers, wenn er zwei aus heutiger Sicht so unterschiedliche Werke wie eine Grabplatte und eine Glocke arbeitet? Oder sind zwei namensidentische Meister, die beide gleichzeitig in Augsburg Großbronzen herstellen konnten, zu postulieren?

In dem Projekt wird das Grabmal erstmals aus der Perspektive geistes- wie naturwissenschaftlicher Disziplinen diskutiert, um seine Stellung als herausragendes Werk mittelalterlicher Kunst zu präzisieren. Ein besonderes Augenmerk gilt den Methoden, die die einzelnen Fächer einbringen, und, konzentriert auf das Objekt, ihren Anwendungsmöglichkeiten. Neben der Kunstgeschichte sind folgende Disziplinen und Fachrichtungen beteiligt: die Archäometrie, die Metallrestaurierung, die Mittelalterliche Geschichte, die Epigraphik und die Theologie/Liturgiewissenschaft.

Projekt Roth Seewald 2

Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege konnte dafür gewonnen werden, erstmals Materialanalysen an der Grabplatte und an der Glocke durchzuführen. Grundlegend ist der optische Befund (insbesondere auch in der eingehenden lichtmikroskopischen Betrachtung), der Hinweise auf den Entstehungsprozess, etwa das Gelingen des Gusses bzw. Gussfehler, Nachgüsse, die Zusammensetzung der Legierung geben kann, aber auch Veränderungen des Materials und andere Aspekte des Zustands (Patinabildung, Beschädigungen) notiert.

Darüber hinaus wurde die Röntgen-fluoreszenzanalyse (XRF) angewandt, die grundsätzlich Aussagen zur chemischen Zusammensetzung von Bronze erlaubt und daher sowohl zu einem besseren Verständnis des Entstehungsprozesses von Bronzen als auch für die Frage nach der Herkunft der verwendeten Metalle herangezogen wird. Die Vorteile dieser Methode liegen in dem zerstörungsfreien Vorgehen und einem vergleichsweise geringen zeitlichen wie gerätetechnischen Aufwand: Mithilfe eines mobilen Geräts sowie einer Analysesoftware werden die Hauptbestandteile der Legierung Bronze (Kupfer, Zinn, Zink, Blei) und die Spurenelemente (z.B. Arsen, Antimon) ermittelt. Die Nachteile ergeben sich aus der Anwendung an historischen Materialien, die besonders in ihrer Oberfläche und den oberen Schichten uneinheitlich, aber auch bereits herstellungstechnisch bedingt nicht homogen sind. Die chemische Zusammensetzung der Bronze verändert sich mit zunehmender Tiefe und kann auch an ein und demselben Objekt erheblich variieren. Ein besonderes Problem stellt die (in ihrer Schichtenstärke oft sehr unterschiedlich ausgeprägte) Patina dar, in der sich bestimmte Bestandteile (Zinn, Blei) anreichern, während andere leichter korrodieren (Kupfer), woraus sich verfälschte Messwerte ergeben können. Diesen für die Auswertung gravierenden Faktoren kann entgegengewirkt werden, indem möglichst patinafreie und auch ansonsten unverschmutzte blanke Stellen für die Analyse gesucht werden (wie sie an der Grabplatte dem Augenschein nach vorhanden sind); außerdem sind jeweils mehrere Messungen in unterschiedlichen Bereichen der Objekte durchzuführen, gegebenenfalls mit unterschiedlichen Messzeiten. Gleichwohl sind Kontaminationen des Materials, Schichtenveränderungen und die bereichsweise unterschiedliche Patinaentwicklung als Unsicherheitsfaktoren zu berücksichtigen (im Abgleich mit dem visuellen Befund) und offenzulegen, indem für die ermittelten Bestandteile auf mögliche spezifische Fehlerquellen und die tatsächliche Belastbarkeit der Ergebnisse hingewiesen wird. Angesichts der zunächst schmalen Ausgangsbasis von zwei untersuchten Objekten wurden mehrere Vergleichsobjekte im Diözesanmuseum St. Afra mit einbezogen.

Das Vorhaben hat aufgrund der Bedeutung, die der interdisziplinären Arbeit und einem Austausch über das Objekt zugemessen wird, einen besonderen Zuschnitt. Zunächst haben sich die Vertreter der genannten Disziplinen und Fachrichtungen in einer Diskussionsrunde in der Konradkapelle unmittelbar mit dem Grabmal auseinandergesetzt. Dabei wurden ausgehend von den oben umrissenen Fragestellungen unterschiedliche Ansätze und methodische Probleme aus der Sicht der Beteiligten diskutiert. Basierend auf den dabei im Bereich der Metallforschung und Metallrestaurierung gemachten Beobachtungen wurden im Dezember 2017 und im Januar 2018 die Materialanalysen durchgeführt. Am 9. März 2018 wird in Augsburg ein Studientag stattfinden, bei dem Ergebnisse und weiterführende Fragestellungen aus den unterschiedlichen Perspektiven vorgestellt werden. Das Programm finden Sie hier.

Für die Möglichkeit, die Bronzeobjekte zu untersuchen, gilt unser Dank dem Hohen Dom zu Augsburg, der Pfarrei St. Moritz und dem Diözesanmuseum St. Afra Augsburg.

Wissenschaftliche Konzeption: Dr. Gerhard Lutz (Diözesanmuseum Hildesheim), Prof. Dr. Rebecca Müller (Universität Augsburg, Lehrstuhl für Kunstgeschichte/Bildwissenschaft).

Prof. Dr. Jürgen Bärsch, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Theologischen Fakultät, Liturgiewissenschaft; Dr. Franz-Albrecht Bornschlegel, LMU München, Historische Grundwissenschaften und Historische Medienkunde/Wiss. Betreuer des Epigraphischen Forschungs- und Dokumentationszentrum; Kerstin Brendel, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Metallrestaurierung; Dr. Jens Brückner, Tübingen; PD Dr. Dorothea Diemer, München/Universität Augsburg, Lehrstuhl für Kunstgeschichte/Bildwissenschaft; Prof. Dr. Thomas Krüger, Universität Augsburg, Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte; Dipl.-Chem. Martin Mach, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, München, Leiter des Referats Zentrallabor; Dr. Dominique Olariu, Philipps-Universität Marburg, Kunstgeschichtliches Institut/Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt; Dr. Michael Schmid, Bistum Augsburg, Diözesankonservator; Dipl.-Ing. Björn Seewald, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, München, Materialkundliches Labor.

Wiss. Hilfskraft: Kristina Hurr, Universität Augsburg, Lehrstuhl für Kunstgeschichte/Bildwissenschaft


Die Kunstgeschichte nimmt am Promotionsprogramm "Kunst- und Kulturgeschichte" im Rahmen der Graduiertenschule für Geistes- und Sozialwissenschaften teil.

Nähere Informationen zu aktuellen Dissertationsprojekten finden Sie daher außerdem auf den Seiten der Graduiertenschule für Geistes- und Sozialwissenschaften.