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Proseminar: Geschichte und Geschichten. 'Literatur' als Quelle für das 19. Jahrhundert


Titel: Geschichte und Geschichten. 'Literatur' als Quelle für das 19. Jahrhundert
Dozent(in): Jakob Baur, M.A.
Termin: Di 10.00 - 11.30, Raum D 1087
Gebäude/Raum: D 1087
Anmeldung: Digicampus


Inhalt der Lehrveranstaltung:

Geschichte und Geschichten sind sprachbasierte, auf narrativen Konstruktionen beruhende, kulturelle Phänomene. Spätestens seit dem ‚linguistic turn‘ in den Geisteswissenschaften reflektieren diese Ihre eigene sprachliche Konstitution. Für die Neue Kulturgeschichte ist dieser Ansatz seit den 1980er Jahren zur Selbstverständlichkeit geworden. Entscheidend ist, dass mit dem ‚cultural turn‘ innerhalb der Geschichtswissenschaften unter dem Schlagwort ‚weiter Quellenbegriff‘ auch Sprachartefakte zum Forschungsgegenstand wurden, für die sich die Historikerzunft zuvor wenig zuständig fühlte: ‚literarische‘ Quellen. „Dafür haben wir doch die Literaturwissenschaft“, könnte man einwenden. Doch wenn obige These zutreffen sollte, dass sowohl Literatur als auch Geschichte Diskurse des Erzählens markieren, ist auch von Historikern die Frage nach deren Unterscheidung und zugleich nach den Dimensionen und Momenten der Verflechtung und wechselseitigen Durchdringung beider Konzepte zu stellen. Wie ist die Literarizität ‚der Geschichte‘ und wie die Historizität ‚der Literatur‘ vorstellbar? Was vermag ein literarischer Diskurs einem Historiker über die spezifische Zeit mitzuteilen in der er stattfindet? Welchen Erkenntnisgewinn hinsichtlich historischer Realität können etwa vor allem fiktionale Texte überhaupt erbringen? Wo liegen theoretische und methodische Zugänge zu diesem Komplex an scheinbar nicht enden wollenden Verwicklungen?
Das Proseminar nähert sich diesen Fragen zunächst über theoretische Grundlagen von Geschichte und Literatur. Als Jahrhundert des Historismus und Entstehungszusammenhang eines literarischen Massenmarktes bietet das 19. Jahrhundert hierzu nicht nur zahlreiche Perspektiven und Untersuchungsgegenstände. Auch schafft das enorm expandierende Themenspektrum literarischer Textproduktion eine Fülle an unterschiedlichen Darstellungen historischer Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünften, welche in ihrem geschichtlichen Zusammenhang ein kaum zu überblickendes Korpus an Texten konstituieren, die sich nicht in ihrem künstlerisch-ästhetischen Gehalt erschöpfen. Literarische Artefakte werden mit Hilfe anderer Quellen in ihrem historischen Kontext nicht nur in ihrer Zeit verortet, sondern werden selbst – im Sinne einer „starken Historisierung“ (D. Fulda) – als Zeugnisse ihrer Zeit untersucht. Welche Einblicke z.B. in die Lebenswelt der Industrialisierung können etwa Romane geben, die aus anderen Quellentypen nicht hervorgehen? Was unterscheidet Fakt und Fiktion? Was hat es in diesem Zusammenhang eigentlich mit dem Historischen Roman auf sich, der im 19. Jahrhundert eine enorme Popularität genießt? Diese Fragen erfordern ein entsprechendes methodisches Instrumentarium zur Quellenkritik literarischer Texte, das es sich im Verlauf des Semesters anzueignen gilt.


weitere Informationen zu der Lehrveranstaltung:

empfohlenes Studiensemester der Lehrveranstaltung: ab dem 2. Semester
Fachrichtung Lehrveranstaltung: Europäische Kulturgeschichte
Beginn der Lehrveranstaltung: 1. Semesterwoche
Dauer der Lehrveranstaltung: 2 SWS
Typ der Lehrveranstaltung: PS - Proseminar
Semester: SS 2017