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Der Schwerpunkt Europäische Kulturgeschichte an der Philologisch-Historischen Fakultät der Universität Augsburg


Der Begriff „Kulturgeschichte“ bezeichnet ein grundsätzlich bereits seit den Anfängen methodischer Geschichtsbefassung bekanntes (Herodot), entscheidend jedoch in der Renaissance und Aufklärung (u.a. Voltaire) entwickeltes Feld wissenschaftlicher Erforschung von Geschichte. Je nach Definition der Schlüsselkategorie „Kultur“ und der mit ihr verknüpften Erkenntnisperspektiven war und ist dieses Feld im Gefüge der Disziplinen jedoch unterschiedlich angesiedelt. Einer Auffassung, die Kultur als neben Gesellschaft, Wirtschaft und Politik/Staat angesiedelten Sektor menschlichen Zusammenlebens ansieht und Kulturgeschichte deshalb als entsprechendes geschichtswissenschaftliches Teilfach betrachtet, steht die Konzeptualisierung der Kultur als universaler Referenzkomplex gegenüber, der den Vorgängerbegriff „Gesellschaft“ ablöst und nicht nur die dieser Kategorie zugeordneten Wissenschaften, sondern auch die traditionellen Geisteswissenschaften unter der Bezeichnung „Kulturwissenschaften“ neu ordnet und zusammenfasst.

 

1. Theoretische Grundlagen

1.1. Europa

EUROPÄISCHE KULTURGESCHICHTE beschränkt sich nicht auf die wissenschaftliche Betrachtung von jeweils nationen- oder kulturspezifischen Manifestationen. Zu Beginn des 21. Jahrhundert zeigt sie vielmehr in explizit interdisziplinärer Ausrichtung, dass das Nationale als Ordnungsmuster für kulturelle Artefakte und deren historische Verortung nicht mehr fraglos gilt. Im Kräftefeld von Internationalisierung, kultureller Neuverhandlung, gesellschaftlichem Umbruch und Globalisierung wird die Erfindung der Nation nicht nur in einem postkolonialen Kontext selbst zum Gegenstand des Fragens und des Nachforschens nach ihren historischen Wurzeln und aktuellen Wirkungen.

Unter Europa soll hier primär der von seinen historischen Verdichtungs-, Kommunikations- und Expansionsprozessen erfasste und geprägte, Asien vorgelagerte Halbkontinent verstanden werden; sekundär sind auch die Weltregionen einbezogen, die von diesem Europa erfasst und maßgeblich beeinflusst wurden. Konkret geht es zum einen darum, Europa nicht als zufällige Ansammlung tendenziell autochthoner politischer, ethnischer oder kultureller Einheiten, sondern als kulturellen ‚Kommunikationsraum’ zu verstehen, der ungeachtet seiner offenkundigen Heterogenität durch ein dichtes Netz von Berührungen, gegenseitigen Wahrnehmungen und Einflussnahmen gekennzeichnet ist. Das Augenmerk richtet sich in diesem Zusammenhang auf die europäische Kultur wesentlich konstituierenden historisch spezifischen Formen kulturellen Transfers innerhalb Europas. Zum anderen dürfen jene historischen Erfahrungen nicht ausgeblendet bleiben, die sich mit der Expansion Europas verbinden. Die Perzeption außereuropäischer Kulturen und die gleichzeitige Vermittlung europäischer Denk- und Handlungsmuster in andere kontinentale Räume, welche die europäische Selbst- und Fremdwahrnehmung in entscheidender Weise geprägt haben, sind ebenfalls in den Blick zu nehmen.

1.2. Kultur

Im Gegensatz zu einem älteren qualitativen Kulturverständnis („hohe“ im Gegensatz zu „niederer“ Kultur, „Kultur“ versus (bloß materielle) „Zivilisation“, (europäische) „Kultur“ versus (außereuropäische) „Halb-„ oder gar „Unkultur“) wird der Begriff „Kultur“ heute überwiegend wertneutral gebraucht. Mit ihm verbindet sich die Vorstellung eines zusammenhängenden Ganzen variabler Größe (von der Kultur einer Weltregion oder Nation bis zur Kultur einer Kleingruppe oder sogar des Individuums) und eines Vorrangs nichtmaterieller, nämlich emotionaler, psychischer, reflexiver, kommunikativer und praktischer Faktoren. Vor diesem Hintergrund erscheint Kultur im umfassenden Sinne als derjenige Komplex aus (kurz- oder langfristiger, situationsbezogen-einmaliger, ritualisierter oder institutionalisierter) Wahrnehmung, Aneignung, Deutung, Wertzuschreibung und Praxisbegleitung, der den Individuen und Gruppen dazu dient, kontinuierlich die für ihren Zusammenhalt und ihr Fortleben erforderlichen typischen Ideen, Normen, Regeln, Zeichen und Praktiken zu entwickeln. Spezifischere Definitionen wie diejenige Max Webers, für den Kultur „ein vom Standpunkt des Menschen aus mit Sinn und Bedeutung bedachter Ausschnitt aus der sinnlosen Unendlichkeit des Weltgeschehens“ ist, umschreiben diesen Komplex mit anderen Worten oder perspektivieren ihn durch Betonung bestimmter Einzelelemente neu.

Theorien, die — ausgehend von einem je spezifischen Kulturbegriff — die Faktoren und Zusammenhänge der Kultur und von deren historischer Entwicklung systematisch zu bestimmen suchen, liegen — der Geschichte des Kulturbegriffs und der Kulturgeschichte entsprechend — heute in großer Zahl und hoher Variabilität vor. Zu nennen sind z.B. die Zivilisationstheorie, das semiotische/symbolische Kulturmodell, die Kulturtheorie des Bildergedächtnisses, die ethnologische Kulturtheorie, die Machtkulturtheorie, die um den Begriff Habitus kreisende Kultursoziologie und die mit verschiedenen Autoren verbundenen Kulturtheorien der kulturellen Alltags- und der Mentalitätengeschichte.

1.3. Geschichte

Zu den Grundproblemen der EUROPÄISCHEN KULTURGESCHICHTE gehört die Frage nach den Bewegungskräften historischer Prozesse. Sie lässt sich sowohl geschichtsphilosophisch als auch empirisch-konkret stellen und bearbeiten. Je nach Gegenstand, Fragestellung und gewählter Methode können mehrere Erkenntnisinteressen im Mittelpunkt stehen. Besondere Bedeutung kommt dabei den jeweils unterschiedlichen Auffassungen zu, die in verschiedenen Epochen über die Formen oder möglicherweise auch Gesetzmäßigkeiten des historischen Verlaufs bestanden. Versuche und Traditionen, das historische Geschehen im Sinne eines linearen oder zyklischen Entwicklungsmodells zu begreifen, verschränkten sich häufig mit Modellen, in denen Geschichte linear und final konzipiert und als Fortschritts- oder Dekadenzgeschichte verstanden wurde. Dem stehen Auffassungen gegenüber, welche die Kontingenz historischer Prozesse hervorheben. Indem sich die EUROPÄISCHE KULTURGESCHICHTE kritisch mit solchen Konzeptionen beschäftigt, weist sie zugleich auf die historisch wandelbaren Vorstellungen und Wahrnehmungen von Zeit hin. Hierzu gehören Probleme, die sich aus der „Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen“ ergeben, aber auch Ansätze, die Phasen historischer Rückbezüge (Klassizismen, Rezeptionsschübe) benennen oder eine „longue durée“ als historischen Untersuchungszeitraum konstituieren. Damit ist zugleich das Problem historischer Periodisierung aufgeworfen, das die historischen Grundlagen der EUROPÄISCHEN KULTURGESCHICHTE berührt. Aufgrund welcher Kriterien kann oder soll die Geschichte der europäischen Kultur in mehr oder minder autonome Epochen gegliedert werden? Inwiefern lassen sich Grundmuster der Entstehung und Entwicklung der europäischen Kultur beschreiben, die es ermöglichen, die geschichtlichen Erfahrungen Europas seit der Antike zu strukturieren? Derartige Fragen differenziert und kritisch zu reflektieren und zu beantworten, ist ein erklärtes Ziel der EUROPÄISCHEN KULTURGESCHICHTE.

 

2.Methodische Grundlagen

2.1. Quellen: Text, Bild, Objekt, Ensemble

Ihrer interdisziplinären Anlage entsprechend, stützt sich die EUROPÄISCHE KULTURGESCHICHTE auf eine Mehrzahl von möglichst unmittelbar am zu untersuchenden kulturhistorischen Phänomen angesiedelten Informationsträgern. Mit der Literaturwissenschaft gemeinsam hat sie ihre Orientierung am Text, also der schriftlichen Überlieferung. Mit der Kunstgeschichte teilt sie die Heranziehung des Bildes im weitesten Sinne. Wie (Klassische) Archäologie, Museumswissenschaft und Volkskunde bezieht sie aber auch das Objekt, also die Sachüberlieferung, mit ein. Schließlich greift sie wie Ethnologie und Anthropologie auf Ensembles, über sowohl durch Texte, Bilder und Objekte als auch durch Rekonstruktion zu erschließende Konfigurationen vergangener Lebenswelten zurück.

2.2. Verfahren: Textanalyse, Bildanalyse, Objektanalyse, ethnologisch-anthropologische Methoden

Die Unterschiedlichkeit der Quellen erfordert entsprechend unterschiedliche Auswertungsverfahren. EUROPÄISCHE KULTURGESCHICHTE vermittelt deshalb sowohl verschiedene Verfahren der Text-, Bild- sowie Objektanalyse als auch ethnologisch-anthropologische Methoden wie ‚teilnehmende Beobachtung’ bzw. ‚dichte Beschreibung’ und reflektiert sie hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit.

a) Das Vorgehen der Literaturwissenschaft  stützt sich methodisch auf eine Vielzahl von erprobten Verfahren der Textanalyse, die Erträge der Gattungsgeschichte und die Einsichten der literar- und kulturhistorischen und geistesgeschichtlichen Forschung. Hier sind insbesondere historische Anthropologie, Kulturanthropologie, Gender Studies, Mythen- und Erinnerungsforschung sowie aktuelle Fragestellungen im Bereich der Medienkultur und der Neuen Medien und ethnologischen Fragestellungen im Kontext des postcolonial turn zu nennen.

Literaturwissenschaftliche Forschung bezieht sich in zunehmenden Maß auf ein breites Spektrum von Kulturthemen, die in zahlreiche Texte eingeschrieben sind. Der traditionelle, vorwiegend auf den überlieferten Kanon beschränkte Textbegriff ist im Rahmen der Analyse solcher Kulturthemen erheblich erweitert worden, so dass sowohl vordem marginalisierte Textformen wie z. B. Gebrauchstexte als auch audiovisuelle Repräsentationen wie Film und Fernsehen in die Materialbasis eingegliedert worden sind. Zu den zentralen Kulturthemen literaturwissenschaftlicher Forschung zählen der Zusammenhang von (Kultur-)Geschichte, Erinnerung und Identität, die mediale Bedingtheit des kulturellen Gedächtnisses, die Konstruktion von Fremd- und Feindbildern, das  Zusammenleben in multikulturellen Gesellschaften, die Auseinandersetzung mit tradierten Geschlechterrollen, Aspekte postkolonialer Mentalität sowie Konzepte nationaler oder regionaler Identität und des Kosmopolitismus. Dabei bleibt die literaturwissenschaftliche Kulturwissenschaft eine Textwissenschaft, freilich mit wesentlich erweiterten Fragestellungen und einem neuen Textbegriff. Als Texte gelten alle Formen von Repräsentationen der Wirklichkeit in Zeichensystemen. All diese Texte werden in den verschiedenen Phasen ihrer Existenz untersucht: Bei der Erforschung von Textproduktion und Textverbreitung gilt das Interesse den technisch möglichen Produktions- und Publikationsformen ebenso wie der Rolle der Textproduzenten und Medienbetreiber; bei der Untersuchung der Textrezeption stehen die Fragen im Vordergrund, ob und wie sich Einstellungen, Wertesysteme und Erfahrungsmodalitäten der Textkonsumenten unter dem Eindruck des Rezipierten ändern und ob und wie die unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft im medialen Angebot berücksichtigt werden.

b) Im Zentrum der historischen Bildwissenschaften (Kunstgeschichte, Archäologie) stehen Bildbegriff, Formen der Bildlichkeit und Bildgebrauch. „Bild“ ist hierbei nicht mit „Kunst“ im Sinne der ästhetischen und gattungsspezifischen Eingrenzung des 19. Jahrhunderts zu verstehen: also weder im Sinne von „Meisterwerk“ noch beschränkt auf die klassischen Kunstgattungen Malerei, Skulptur und Architektur. Unter „Bildern“ sind vielmehr künstlerische und kunsthandwerkliche Arbeiten in einem breiten Spektrum zu verstehen, die der visuellen Repräsentation und Kommunikation dienen. Eine enthierarchisierte Betrachtung umfasst außerdem neben den klassischen Bildtypen von Historie, Porträt, Landschaft, Stillleben, Genre etc. auch literarische und wissenschaftliche Illustrationen, Presse, Propaganda und Werbung — um nur einige Punkte zu nennen. Zum Material der historischen Bildwissenschaft gehören also neben den bildlichen Darstellungen ebenfalls alle Formen plastischer Objekte. Eine gewichtige Rolle spielen in den historischen Bildwissenschaften die technisch reproduzierbaren Bilder und ihre Medien: die Fotografien in allen ihren Anwendungsbereichen, Film- und Fernsehaufnahmen, Videos sowie die digitalen Bilder.

Über den engeren Definitionsbereich der „Bilder“ hinaus ist die Architektur wesentlicher Bestandteil einer kulturhistorisch verfahrenden Archäologie und Kunstgeschichte. Im Gegensatz zu den anderen bildenden Künsten ist Architektur stets an konkrete Funktionen gebunden gewesen, die aber zugleich mit symbolischen Formen in einer dechiffrierbaren Architektursprache verbunden sind. Teil einer kulturhistorisch orientierten Architekturgeschichte sind damit gleichermaßen die herausragenden Monumente wie urbane Strukturen, die Durchdringung und Separation öffentlicher und privater Bereiche, Bühnen für Auftritte, Foren der Begegnung und Zurschaustellung, aber auch der Feste mit fixer und ephemerer Ausstattung. Architektur ist sowohl physisch als Handlungsraum erfahrbar als auch visuell-bildhaft, wobei durch die Abfolge der Bewegungen im Raum sich ebenfalls Bildfolgen ergeben.

Methodisch bauen die historischen Bildwissenschaften auf den klassischen formkritischen und ikonografischen Verfahren von Archäologie und Kunstgeschichte auf, erweitern aber die Perspektive ganz entscheidend in zwei Richtungen. Sie isolieren nicht länger über den Kunstbegriff die ästhetischen Höhenkämme von den breiten Strömen der Bildproduktion, sondern historisieren den Kunstbegriff selbst und begreifen ihn in seinen Wandlungen selbst als ein spezifisch europäisches Kulturphänomen. Zum anderen verbinden die historischen Bildwissenschaften die aktuelle Alltagserfahrung der Bilderflut mit dem historisch und kulturell kodierten Bildverständnis und garantieren damit ein Verfahren, das — in Abgrenzung zu entsprechenden medientheoretischen Ansätzen — methodisch der historischen Tiefendimension visueller Wahrnehmung gerecht wird. Der aktuelle Erfahrungsdruck durch einen zunehmend von Bildern bestimmten Alltag, auf den die Geisteswissenschaften mit dem pictorial turn bzw. iconic turn reagiert haben, wird von den historischen Bildwissenschaften dadurch beantwortet, dass sie das europäische ‚Bildergedächtnis’ in das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit rücken.

Im Gegensatz zu den nationalen Philologien behandeln Archäologie und Kunstgeschichte immer schon ganz Europa in seiner jeweiligen historischen Erstreckung und analysieren in diesem Rahmen regionale Differenzierungen ebenso wie die Schübe in der Ausbildung gesamteuropäischer Formsprachen. Darüber hinaus ermöglicht die Kunstgeschichte — anders als die epochengebundenen Disziplinen der Geschichte — epochenübergreifende Betrachtungen.

2.3. Analyseeinheiten: Personen, Räume, Faktoren

EUROPÄISCHE KULTURGESCHICHTE kann sich analytisch sowohl auf einzelne oder viele Individuen und Gruppen als auch auf durch Kommunikation oder äußere Verhältnisse (Geographie) vorgegebene oder zu rekonstruierende Räume sowie auf einzelne oder mehrere kulturelle Faktoren (z.B. Sinne, Gefühle, Normen, Ideen, Institutionen, Ereignisse, historische Konstellationen) beziehen und diese in der Mikro- oder Makroperspektive struktur- oder ereignisgeschichtlich erklären und deuten.

 

3.Arbeitsfelder

3.1. Gender- und Körpergeschichte

In Anknüpfung an moderne gendergeschichtliche Fragestellungen sollen die biologischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen, Erscheinungsformen, Dynamiken und Widersprüche der Genderkonstitutionierung in ihren gegenseitigen Bezügen entfaltet und kritisch hinterfragt werden.

3.2. Mentalitätsgeschichte und Historische Anthropologie

Die Erforschung derjenigen soziokulturell und historisch bedingten mentalen Dispositionen, die über das Glauben, Denken und Fühlen der Individuen und Gruppen mit entschieden und deren Verhalten vorstrukturiert und begleitet haben, stellt nicht nur einen frühen und bewährten Ansatz der Kulturgeschichte dar, sondern bringt auch besonders interessante interdisziplinäre Erkenntnis- und Methodenperspektiven mit sich. Dies gilt ebenso für die Historische Anthropologie, der es darum geht, alltägliche menschliche Eigenschaften und Verhaltensweisen als durchaus veränderliche und ihrerseits verändernde Momente der historischen Prozesse zu untersuchen und darzustellen.

3.3. Medien- und Kommunikationsgeschichte

Medien kommt als Trägern und Vermittlern von Wissen fundamentale Bedeutung zu. Zu den Aufgaben der EUROPÄISCHE KULTURGESCHICHTE gehört es deshalb auch, unterschiedliche Medien hinsichtlich ihrer spezifischen Erscheinungsformen und ihrer Leistungsfähigkeit zu reflektieren und die Entwicklung des europäischen Kommunikationssystems (Buchdruck, publizistisch-literarischer Markt, Postwesen, elektronische Medien, World Wide Web usw.) zu rekonstruieren.

3.4. Wissens- und Wissenschaftsgeschichte

Die zunehmend deutlichere Selbstbezeichnung unserer gegenwärtigen Gesellschaft als „Wissensgesellschaft“ legt nahe, diese Selbstauffassung kritisch zu überprüfen bzw. nach der kulturhistorischen Entwicklung hin zu dieser „Wissensgesellschaft“ zu fragen. Dabei sind sowohl spezifische Perspektiven wie z.B. die Universitätsgeschichte und die Geschichte der Medien als Wissensträger zu beachten als auch eine Makroperspektive zu erproben, die einerseits den „Wissensgehalt“ der Gegenwartsgesellschaft bestimmt als auch komparative Bezüge erlaubt.

 

4.Themenschwerpunkte

4.1. Volkskultur und Elitenkultur

Ungeachtet der Tatsache, dass die polare Trennung und Gegenüberstellung von „Volk“ und „Eliten“ mittlerweile als historisch unhaltbar erkannt und überwunden worden ist, bildet die Beobachtung der beidseitigen Wahrnehmung, Kommunikation, der jeweiligen kulturellen Reproduktion, der gegenseitigen Beeinflussung und gemeinsamen Veränderung der beide Schichten bzw. Kräfte umgebenden Gesamtkultur ein wesentliches Arbeitsfeld auch der aktuellen EUROPÄISCHEN KULTURGESCHICHTE.

4.2. Gruppenkulturen

Die Untersuchung von Exklusions-, Inklusions- und Reproduktions- bzw. Veränderungsprozessen geschlechts-, alters- und tätigkeits-/berufsspezifischer oder durch geschichtliche Erfahrungen (z.B. Krieg) geprägter Gruppierungen gehört zu den zentralen Arbeitsfeldern aller an der EUROPÄISCHEN KULTURGESCHICHTE beteiligten Disziplinen. Konkret geht es um die Auseinandersetzung mit Gruppenkulturen (Gender-Kulturen‚ Gelehrtenkulturen, Jugendkulturen etc.) und den sie begründenden Legitimations- und Formationsprinzipien.

4.3. Geschichte der Individualisierung

In Wiederaufnahme der These Jakob Burckhardts von der Individualisierung als dem bestimmenden Prozess der neuzeitlichen europäischen Geschichte sollen die ideengeschichtlichen Grundlagen und empirischen Erscheinungsformen, die literarischen und künstlerischen Spiegelungen und die politischen, ökonomischen, sozialen und religiösen Folgen dieses angenommenen langfristigen Vorgangs untersucht werden.

4.4. ‚Kulturbereiche’

In diesem Feld richtet sich das Augenmerk auf Regional- bzw. Nationalkulturen, auf die Bereiche der ‚Politischen Kultur’, der ‚Ökonomischen Kultur’ und der ‚Ästhetischen Kultur’ sowie auf meist geographisch definierte Kulturräume. Zu reflektieren gilt es aus kulturhistorischer Perspektive insbesondere die Frage nach der Eigenidentität, nach den Gemeinsamkeiten einer jeweiligen kulturellen Entität sowie nach dem, was sie von anderen kulturellen Entitäten unterscheidet. Von Belang sind in diesem Zusammenhang nicht nur die empirisch nachweisbaren Merkmale einer Kultur, sondern auch und vor allem deren Selbstverständnis und deren Wahrnehmung durch andere Kulturen.

4.5. Kulturelle Institutionen

Konstitutiv für die kulturelle Entwicklung Europas sind Institutionen wie Bildungsinstitutionen (z.B. Schule, Universität, Akademie, Gelehrte Gesellschaft usw.), Kunstinstitutionen (z.B. Theater, Konzerthaus, Galerie/Museum, Kino), politische Institutionen (z.B. Hof, Parlament), Institutionen der Kommunikation (z.B. elektronische Medien, Presse, Verlagswesen), Institutionen der Überlieferung (z.B. Archiv, Bibliothek, Museum) oder religiöse Institutionen (z.B. Kirchen, Klöster). Die kulturhistorische Perspektive bezieht sich mit Blick auf kulturelle Institutionen weniger auf deren Entstehungsbedingungen, deren rechtliche Verfasstheit, deren Erscheinungsformen oder soziale Aspekte wie z.B. den Beitrag der jeweiligen Institution zu sozialem Auf- oder Abstieg, sondern rückt die Kommunikationsprozesse, die jeweiligen Formen des Umgangs der Institutsangehörigen miteinander und der Selbstdarstellung nach außen, der Wissensvermittlung usw. ins Zentrum ihrer Betrachtung.

4.6. Formen sozialer Interaktion

Zur Untersuchung kommen auf diesem Feld nicht nur die konkreten Erscheinungsformen der diversen Beziehungsarten zwischen Menschen, etwa Verwandtschaft, Freundschaft oder Sexualität, sondern auch deren ästhetische Spiegelungen in Literatur, Kunst und Musik.

4.7. Formen performativer und ästhetischer Interaktion (Zeremoniell, Ritual, Gestik)

In diesem Feld soll die zeichenbezogene Kommunikation mit Blick auf Formen performativer und ästhetischer Interaktion (Gestik, Ritual, Zeremoniell) reflektiert und vermittelt werden. Rekurrierende Handlungsmuster im politischen, religiösen, sozialen oder künstlerischen Bereich sind dabei auf ihre symbolische Funktion zu befragen.

4.8. Kulturtransfer und Akkulturation innerhalb Europas und Europas mit der außereuropäischen Welt

Die in diesem Rahmen zu untersuchenden Probleme erhalten ihre Relevanz aus der Konzeption der europäischen Geschichte als eines komplexen Kommunikations- und Verdichtungsprozesses, an den sich in der Begegnung und im Austausch mit der außereuropäischen Welt entsprechende Erfahrungs- und Verarbeitungs- bzw. Lernvorgänge anlagern. Hier öffnet sich auch der Blick zur Universal- bzw. Weltgeschichte.

4.9. „Amerikanisierung“ als zeitgeschichtlicher kultureller Globalisierungsprozess

Die gegenwärtige kulturhistorische Weltentwicklung wird vielfach als Globalisierung vornehmlich unter US-amerikanischem Vorzeichen wahrgenommen und entsprechend bewertet. Zu den Aufgaben einer kritisch-gegenwartsorientierten EUROPÄISCHEN KULTURGESCHICHTE, welche die USA als eine Art sekundäres Europa identifiziert, muss gehören, diese Wahrnehmung und Bewertung historisch zu hinterfragen. Das Fach Geschichte und beteiligte Sozialwissenschaften können dazu Informationen und Orientierungen hinsichtlich der wirtschaftlich-politischen und gesellschaftlichen Einflussnahme und Verflechtung der USA beitragen. Die Literaturwissenschaft kann z. B. an der Frage der kulturellen und sprachlichen Beeinflussung ansetzen oder in diesem Zusammenhang alternative literarische Diskurse aufzeigen, die Weltentwürfe verschieben, verschränken und pluralisieren bzw. in ihre Aushandlung nachhaltig eingreifen können.