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Clara-Sophie Höhn (Universität Augsburg)


„Invisible Revolutionaries“- Weiße Südstaaten Aktivistinnen in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre

Kontakt
Clara Sophie Höhn
Email: clara-sophie.hoehn@philhist.uni-augsburg.de

Projektbeschreibung

Seit den 1990er Jahren sind in der Forschungsliteratur zur amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zunehmend auch gender relevante Themen zu finden. Dennoch werden Geschichtsschreibung und kollektive Erinnerung weiterhin oft von triumphalen, vorwiegend männlichen Führungspersönlichkeiten dominiert. Speziell dem antirassistischen Aktivismus weißer und aus den amerikanischen Südstaaten stammender Frauen haben sich bislang nur wenige Wissenschaftler_innen gewidmet. Dabei gibt es durchaus eine lange Tradition des antirassistischen Engagements weißer Frauen in den Südstaaten von den 1830er Jahren bis heute. Die wenigen Arbeiten, die es zu diesem Thema gibt, konzentrieren sich vorwiegend auf das Engagement weißer Aktivistinnen, die im 19. oder frühen 20. Jahrhundert geboren wurden und politische aktiv waren.

Es gibt jedoch zahlreiche andere weiße Südstaatlerinnen, die als Teenager bzw. junge Frauen in den 1950er und 1960er Jahren ihre ersten politischen Erfahrungen sammelten und sich unerschrocken vehement für die Rechte ihrer schwarzen Mitbürger_innen einsetzten. Hierzu zählen zum Beispiel Joan C. Browning, Dorothy Dawson Burlage, Sue Thrasher und Joan Trumpauer Mulholland. Der Rolle und den Erfahrungen dieser Frauen wurde bislang kaum Aufmerksamkeit geschenkt und ihr durchaus bemerkenswerter Beitrag zum Erfolg der Bürgerrechtsbewegung ist bis heute in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt geblieben.

Die Dissertation soll ein Beitrag zur Schließung dieser Forschungslücke sein. Die übergeordneten Fragenstellungen lauten: wie lassen sich die Frauen als weiße weibliche Aktivistinnen in einer primär durch schwarze Mitstreiter_innen dominierten Bürgerrechtsbewegung verorten? Welche internen und externen Konflikte riefen ihre Anwesenheit als weiße Frauen in der Bürgerrechtsbewegung hervor? Welche Rollen haben sie eingenommen, welchen Einfluss übten sie auf das Geschehen aus und welche in diesem Zusammenhang gemachten Erfahrungen wirkten sich nachhaltig auf ihr eigenes Leben aus?

Das genuin Neue an dieser Dissertation wird, neben der Konzentration auf eine bestimmte, erst nach 1940 geborene Kohorte weißer Südstaatlerinnen, die analytische Herangehensweise und Methodik der Studie sein. Die Arbeit wird sich verstärkt auf die Intersektionalität von race, whiteness, gender, class und culture fokussieren. Ein Aspekt der in früheren Untersuchungen vernachlässigt wurde. Aufgrund des in der Dissertation genauer ins Visier genommenen engen Zusammenspiels der genannten Differenzkonstruktionen nahmen weiße Frauen in der Ideologie des Jim Crow Systems eine gesonderte Position ein, welche ihren Aktivismus pointierte. Die glorifizierte Vorstellung ihrer weißen Weiblichkeit galt lange Zeit als das wichtigste Symbol für weiße rassistische Herrschaft, welche Jahrhunderte lang gewalttätig vollstreckt wurde. Folglich brachen weiße Aktivistinnen mit ihrem politischen Engagement tiefverwurzelte Traditionen und Tabus, auf denen die Grundfesten der gesellschaftlichen sowie rechtlichen Normen der Südstaaten basierten. Diese Erkenntnis ist essentiell, um das Engagement der weißen Frauen in der Bürgerrechtsbewegung richtig einschätzen zu können. Fernerhin wird intensiv mit Belinda Robnetts Konzept der bridge leadership gearbeitet und durch die Gegenüberstellung von Selbstzeugnissen schwarzer und weißer Aktivist_innen bislang nur aus einseitigen Perspektiven bekannte Entwicklungen und Trends innerhalb der Bürgerrechtsbewegung genauer analysiert.

Abschließend ist zu konstatieren, dass die hier vorgestellte Dissertation beabsichtigt, konträr zu der in der aktuellen Geschichtsschreibung artikulierten marginalen Stellung weißer Aktivistinnen, die Frauen sichtbar in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zu verorten. Des Weiteren soll mit der Arbeit das große methodisch-analytische Potenzial der Intersektionalität für die Geschichtswissenschaft im Allgemeinen und die Historiographie von sozialen Bewegungen im Speziellen betont werden.