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Dominik Feldmann


E-Mail: dominik.feldmann@gmx.net


 

Thema der Dissertation:

Identität – Öffentlichkeit – Diplomatie. Österreichs und Preußens Pressepolitik und die Konstruktion von Identität im Kampf um Deutschland 1849 bis 1879

 

Gefördert durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst

 

In der seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert immer größer werdenden Öffentlichkeit entwickelte sich die Presse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem Massenmedium. Im Rahmen einer „Neuen Politikgeschichte“ setzt die Studie an diesem Punkt an und untersucht die Rolle des Mediums Presse in der Außenpolitik von Preußen und Österreich zwischen 1849 und 1879.

Ausgangspunkt der der Studie bilden auf einer ersten Untersuchungsebene die pressepolitischen Aktionen von Preußen und Österreich und die damit verbundene Frage, mit welchen Methoden die Presse instrumentalisiert und die Öffentlichkeit beeinflusst wurde. Hierfür wird die Studie die Organisationsstruktur der Pressepolitik untersuchen und dabei auch die Frage aufwerfen, inwiefern die einzelnen Beamten, Diplomaten und Journalisten Einfluss und Freiräume jenseits der Anweisungen von führenden staatlichen Persönlichkeiten in Bezug auf die pressepolitische Gestaltung hatten, und inwiefern auch mögliche persönliche Beziehungen und Kontakte zwischen den in den Presseabteilungen tätigen Beamten, Diplomaten und Journalisten von entscheidender Bedeutung waren. So entsteht bei der Analyse eine breite Betrachtungsweise der Organisationsstruktur und Gestaltung der pressepolitischen Maßnahmen, so dass Parallelen und Unterschiede zwischen Preußen und Österreich in der Art und Weise, wie das aufstrebende Medium der Presse für die Außenpolitik nutzbar gemacht wurde, deutlich hervortreten können.

Ambivalent hierzu wird auch ein möglicher Einfluss von Journalisten und Zeitungen auf die Politik und politische Auseinandersetzungen untersucht werden. Daraus ergibt sich ein für diesen Zeitraum neuer Blick auf den Umgang und die Kooperation zwischen politischem Handeln und der Presse und der Entstehung von politischen Beschlüssen und Aktionen auf diesem Gebiet. Dadurch ist es möglich zu untersuchen, inwieweit die Presse bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein neuer und selbständiger Machtfaktor im politischen Spiel der Mächte gewesen ist.

An geeigneten Stellen soll der bilaterale Ansatz der Studie erweitert werden. Durch diese transnationale Erweiterung ist es schließlich möglich, festzustellen, inwieweit der Raum einer „Nationalen Kommunikationsgemeinschaft“[1] bereits während der Anfänge der Massenkommunikation durch internationale Vorgänge in der Presselandschaft erweitert war und welchen Einfluss diese auf Preußen und Österreich hatten.

Auf einer zweiten Untersuchungsebene wird schließlich die konkrete pressepolitische Gestaltung im Mittelpunkt stehen, d. h. wie sich die beiden Staaten öffentlich zueinander positionierten und welcher Umgang mit dem Gegner bzw. welche Sichtweise auf den Gegner vor dem Hintergrund der Deutschen Frage bewusst erzeugt wurde.

Das Hauptaugenmerk hierbei liegt jedoch unter einem kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Ansatz auf der Untersuchung des Verständnisses von und der Frage nach einer deutschen Nationalität und Identität der beiden Staaten, und darauf, welche Rolle dieses in den pressepolitischen Agitationen einnahm. Besonders wichtig wird dabei auch die Betrachtung einer möglichen Instrumentalisierung dieser Begriffskonstrukte zur Beeinflussung der Öffentlichkeit und zur Durchsetzung der eigenen Interessen sein. Diese Schwerpunktsetzung ermöglicht es, die Rolle und Bedeutung von Mentalitäten sowohl im politischen Handeln als auch in den Beziehungen zwischen Österreich und Preußen zu untersuchen und somit neue Erkenntnisse auf diese und das Problem der Deutschen Frage zu gewinnen.

Unter diesem mentalitätsgeschichtlichen Aspekt wird es der Studie möglich sein, im Gegensatz zur bisherigen Forschung, die Gründung des Deutschen Reiches und das Ende der Deutschen Frage nicht als Schlusspunkt zu nehmen, sondern erstmals eine Brücke in Bezug auf das Verhältnis der beiden Staaten zueinander, die Pressepolitik und dem Problem von Nationalität und Identität von 1849 bis 1879 zu schlagen. So kann untersucht werden, inwieweit ein in der Öffentlichkeit bewusst betriebener Normalisierungsprozess des Verhältnisses der beiden Staaten zueinander nach der Gründung des Deutsches Reiches einsetzte und wie sich die gegenseitigen Sichtweisen unter dem Gesichtspunkt, dass der jeweilige andere jetzt „Ausland“ war, entwickelten.  

Darüber hinaus ist es möglich, Entwicklungen im Verständnis von Nationalität und Identität und der politischen Nutzbarmachung dieser Konstrukte zu erkennen. Denn im Zeitalter der Nationalstaaten musste nach der endgültigen Entscheidung über die territoriale Struktur Deutschlands von staatlicher Seite mit Hilfe eines öffentlichen und durch Pressepolitik angeregten Diskurses eine eigene Identität geschaffen werden, in der man sich vom anderen abgrenzte, während gleichzeitig der jeweils andere deutsche Staat als natürlicher Bündnispartner betrachtet wurde und somit wieder eine Annäherung erfolgen musste. Besonders unter der Berücksichtigung des Problems deutschnationaler Tendenzen in der Habsburger Monarchie ist dieser Problemkomplex von hoher Relevanz. Denn durch die Untersuchung seiner Entwicklung bis in die 1870er Jahre hinein wird ein neuer Blickwinkel auf die bilateralen Beziehungen beider Länder geworfen und gleichzeitig ein Beitrag zur Diskussion um das bis heute aktuelle Problemfeld der Entstehung einer österreichischen Identität in Abgrenzung zu einer deutschen geleistet werden.[2]

Insgesamt geht die in dieser Studie vorgenommene Untersuchung medialer staatlicher Agitation von Preußen und Österreich, unter der Berücksichtigung kultur- und mentalitätsgeschichtlicher Kräfte und der von der Politik in dieser Richtung bewusst erzeugten Konstrukte und dem Problem von Nationalität und Identität, in ihrem Ansatz und in ihrer Fragestellung weit über die bisherige Forschung und ihre älteren Ansätze hinaus und wirft ein neues und erweitertes Licht auf die preußisch-österreichischen bzw. deutsch-österreichisch-ungarischen Beziehungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert.

 



[1] Schulz, Andreas, Der Aufstieg der „vierten Gewalt“. Medien, Politik und Öffentlichkeit im Zeitalter der     

Massenkommunikation, in: HZ 270 (2000), S. 66.

 

[2] Siehe hierzu u. a.: Bruckmüller, Ernst, Nation Österreich. Sozialhistorische Aspekte ihrer Entwicklung (Studien zu Politik und Verwaltung, Bd. 4), Wien u. a. 1984; Burghardt, Anton/Matis, Herbert (Hrsg.), Die Nation-Werdung Österreichs. Historische und soziologische Aspekte, Wien 1976; Fellner, Fritz, Geschichtsschreibung und nationale Identität. Probleme und Leistungen der österreichischen Geschichtswissenschaft, Wien u. a. 2002.