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Zwei auf einen Schlag - Erfolgreiche cotutelle de thèse


Zwei Doktorhüte mit einem Schlag -

Ein binationales Promotionsverfahren (Cotutelle de thèse) in der Neueren und Neuesten Geschichte an den Universitäten Augsburg und Paris-IV-Sorbonne

 

Vorwort des Betreuers der Promotion

Am Ende hat es sich gelohnt: Michael Hoffmann hat mit einer Dissertation zwei Doktortitel erworben - an der Sorbonne in Paris (Paris IV) und an der Universität Augsburg. Als deutscher Historiker, der über die Entstehung einer gemäßigten parlamentarischen Rechten in Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg forschte, hat er einen weiten Weg erfolgreich beendet. Sein unermüdlicher Einsatz ging eine glückliche Verbindung mit dem Interesse der Betreuer und dem durchgehenden Wohlwollen der Administrationen ein. Der zwischen Frankreich und Deutschland bereits seit längerem bestehende kulturpolitische Rahmen füllte sich so mit einem konkreten Bild. Im Ergebnis stehen neben der fachwissenschaftlichen Qualifikation des Kandidaten ein Zugewinn an interkultureller Kompetenz, eine Eintrittskarte in den akademischen Arbeitsmarkt in Frankreich wie in Europa und zuletzt auch ein kleiner Beitrag zur Verlebendigung der deutsch-französischen Beziehungen. Félicitation du jury à l'unanimité!

Andreas Wirsching

 

soutenance de thèse

von links:  PD Dr. Rainer Babel, Prof. Dr. Jean Marie Mayeur, Michael Hoffmann, Dr. Pierre Jardin, Prof. Dr. Andreas Wirsching, Prof. Dr. Georges-Henri Soutou

 

Bericht von Michael Hoffmann

Am 17.6.2005 wurde ich nach der Verteidigung meiner Dissertation über die parlamentarische Rechte im Frankreich der 1920er Jahre, betreut von Professor Andreas Wirsching (Augsburg) und Professor Georges-Henri Soutou (Paris-IV-Sorbonne), von beiden Universitäten promoviert.

Daß eine solche "cotutelle de thèse" nach wie vor sehr selten durchgeführt wird, liegt an der notwendigen Harmonisierung zweier Promotionsordnungen unterschiedlicher nationaler Tradition und der damit verbundenen Mehrarbeit für den Doktoranden. Dies betrifft sowohl die administrativen Vorgaben und Verwaltungswege wie auch die Tatsache, daß die wissenschaftlichen Ergebnisse der Arbeit in beiden Sprachen auf die eine oder andere Weise präsentiert werden müssen.

Für mich hieß dies konkret, daß ich nach einem Jahr Archivforschungen in Frankreich im Herbst 2003 zunächst ein sogenanntes DEA (diplôme des études approfondies) in französischer Sprache für die Sorbonne anfertigte, um überhaupt zum Doktorat zugelassen zu werden. Das DEA besitzt kein Äquivalent an deutschen Universitäten und ist eine Zwischenstufe zwischen dem Magister und der Promotion, in der vor allem die Thematik, das methodische Vorgehen, die empirische Basis und ein erstes Kapitel auf etwa 150 - 200 Seiten vorgestellt werden sollen. Erst danach wird man in das zentrale Register aller französischen Doktoratsprojekte aufgenommen und einer Ecole Doctorale der Universität zugeteilt.

Der nächste Schritt war sodann die Übereinkunft der beiden Universitäten in einem Cotutelle-Vertrag, in dem das gemeinsame Promotionsverfahren festgelegt wurde. Entscheidend hierfür war die Tatsache, daß die Promotionsordnungen beider Universitäten eine Öffnungsklausel enthielten, die eine derartige Übereinkunft erlaubte und Spielraum für die konkreten Regelungen bei der Begutachtung und der mündlichen Prüfung gab. Der Cotutelle-Vertrag mußte sowohl von den beiden Betreuern wie auch dem Präsidenten der Sorbonne bzw. dem Dekan der Philologisch-Historischen Fakultät der Universität Augsburg unterzeichnet werden. In meinem Fall sah er unter anderem vor, daß die Dissertation auf Deutsch geschrieben werden konnte, die soutenance der Arbeit (entspricht der deutschen Disputatio) aber auf Französisch in Paris erfolgen mußte.

Obwohl Einschreibung, Rückmeldung, die für Frankreich notwendige Krankenversicherung, verschiedenen Resümees etc. an beiden Universitäten über drei Jahre hinweg zeitraubend waren, lag die eigentliche Herausforderung schließlich bei der Bestellung der Gutachter, der Terminfindung und den Abgabemodalitäten. Laut Vertrag mußten zwei externe Gutachter, die nicht den beiden Universitäten angehören, ein befürwortendes Vor-Gutachten (pré-rapport) für die Sorbonne erstellen, damit überhaupt eine Zulassung zur soutenance erfolgen konnte. Neben diesen beiden Gutachtern, ein Deutscher und ein Franzose, und den beiden Betreuern der Arbeit mußte ferner noch ein zweiter Gutachter von der Sorbonne bestellt werden, der den Vorsitz bei der mündlichen Prüfung übernahm. Schließlich galt es auch noch die Bedingung der Augsburger Fakultät zu erfüllen, wonach einer der mündlichen Prüfer "fachfremd" sein mußte: In meinem Fall konnte man dies so legen, daß der zweite externe deutsche Gutachter gleichzeitig "fachfremd" war, so daß insgesamt also fünf Gutachter und mündliche Prüfer am Ende ausreichten.

Es war erwartungsgemäß schwierig, einen Termin für die mündliche Prüfung zu finden, an dem alle Gutachter Zeit hatten, nach Paris zu kommen. Dieser wurde bereits im Januar 2005 auf den 17.6.2005 festgelegt, so daß die an beiden Universitäten vorgeschriebenen Fristen eingehalten werden konnten. Nach der Abgabe der Arbeit, die am 29.3. in Augsburg und am 30.3. in Paris persönlich erfolgte, mußten die zwei Vor-Gutachten mindestens zwei Monate vor der eigentlichen soutenance an der Sorbonne eingehen, alle Gutachten jedoch mindestens drei Wochen davor an der Universität Augsburg zur Auslage.

Was die Abgabemodalitäten betrifft, habe ich ebenfalls versucht, die beiden nationalen Traditionen und Standards zu harmonisieren, indem ich z.B. die in Deutschland übliche Zitierweise verwendet habe, jedoch den Aufbau der Arbeit der in Frankreich üblichen, sehr viel stärker strukturierten formalen Anlage nachempfunden habe. Es waren ferner auch insgesamt neun identische Exemplare der Dissertation ohne zeitlichen Verzug bei den beiden Universitäten und den fünf Gutachtern abzugeben, sowie für die Sorbonne auch ein französisches Resümee, eine Aufstellung der wissenschaftliche Erkenntnisse der Arbeit sowie eine kürzere englische Zusammenfassung. Nach Überprüfung der formalen Kriterien sowie nach Eingang der Gutachten an den jeweiligen Universitäten wurde ich dann förmlich zur Verteidigung meiner Arbeit am 17.6.2005 in Paris geladen.

Die soutenance fand, ganz in französischer Tradition, im offiziellen Sitzungssaal der Sorbonne coram publico statt, wobei sich die Zuhörer aufgrund eines heißen Freitag Nachmittag nicht allzu zahlreich einfanden. Das Procedere der etwa 3 ½ stündigen Verteidigung bestand im Vortrag der Gutachten durch die Prüfer, zunächst der beiden Betreuer, dann der beiden externen Gutachter und schließlich des Vorsitzenden der Jury. Im Anschluß an jedes Gutachten wurden vom Prüfer Fragen zu einzelnen Themen, zu Begrifflichkeiten oder zur Methodik gestellt, die in gebotener Länge von mir beantwortet werden mußten. Die gesamte Disputation fand ausschließlich in französischer Sprache statt, wobei aus dem Dialog Prüfer-Prüfling gegen Ende der Prüfung auch ein Colloquium aller Prüfenden wurde. Nach etwa drei Stunden zog sich die Jury dann zur Beratung zurück und erklärte mich, nach Wiedereintritt in den Saal, zum docteur en histoire.

Alles in allem bin ich sehr froh, ein derartiges binationales Promotionsverfahren angegangen zu sein, obwohl es sicherlich auch Durststrecken auf dem Weg dahin gab, die aus dem notwendigen Kampf gegen etablierte Verwaltungsmühlen herrührten. Es war dabei sehr hilfreich, daß meine beiden Betreuer ein energisches Wollen zum Gelingen des Verfahrens zeigten und ihren Einfluß bei einigen Formalien geltend machen konnten. Die in Sonntagsreden gern zitierte deutsch-französische Zusammenarbeit läßt sich eben auf einer sehr konkreten, wissenschaftlichen Ebene auch nur mit Mühe durchführen, die sich am Ende jedoch lohnt.

Obwohl das binationale Promotionsverfahren den geschilderten erheblichen Mehraufwand erfordert, bringt es dem Doktoranden auch große Vorteile bei seiner Forschung. Da ich für mein Thema ausschließlich in französischen Archiven und Bibliotheken arbeiten mußte, war es von großem Nutzen, an der Sorbonne eingeschrieben zu sein und einen bekannten französischen Betreuer zu haben. Der Zugang zu Materialien wird erheblich erleichtert, wenn man ein offizielles Dokument einer französischen Universität vorzeigen kann. Außerdem gewinnt man gerade in den Provinzialarchiven enorm an Prestige, wenn man (a) die Sorbonne als alma mater hat und (b) sich überhaupt die Mühe macht, in einer fremden Sprache zu forschen und zu arbeiten.

Die binationale Promotion mit einer französischen Universität über ein französisches Thema ist ein beschwerlicher, letztendlich aber lohnender Weg, einmal, weil mit der Vertiefung in die Geschichte eines anderen Landes - auch wenn es ein europäischer Nachbar ist ? ein grundsätzlicher kultureller Transfer geleistet werden muß, der aus der besonderen Entwicklung Frankreichs seit 1789 resultiert. Zum zweiten müssen inhaltlich, formal und administrativ zwei Denktraditionen vereinbart werden, deren Unterschiede eben nicht einfach durch politische Deklarationen zur deutsch-französischen Zusammenarbeit hinweggewischt werden können. In dieser Hinsicht ist das Cotutelle-Verfahren ein Projekt, das gerade nicht durch eine übertriebene und substanzlose Europa-Euphorie, sondern allein durch Hartnäckigkeit und Mühe gelingen kann.

Michael Hoffmann

Meldung vom 30.11.2005