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Forschungsschwerpunkte von Prof. Dr. Marita Krauss

 

Stadt-, Regional- und Landesgeschichte, auch unter den Bedingungen der Globalisierung


In der vergleichenden Untersuchung der „kleinen Räume“ liegt ein wichtiger Ausgangspunkt für das Verständnis historischer Prozesse. Diesen Überlegungen folgen meine Arbeiten zu München und Hamburg, Bayern und Preußen, zu Kultur und Gesellschaft, Wirtschaft und Herrschaft, Migration und Integration am Beispiel von Stadt, Region oder Land. Hier ist auch mein Forschungsprojekt über die Amerikaner in Bayern nach 1945 angesiedelt. Fragestellungen der vergleichenden Landesgeschichte spiegeln sich in etlichen der von mir vergebenen Doktorarbeiten.

Die Landes- und Regionalgeschichte bietet auch den Ausgangspunkt für das von mir mitkonzipierte interdisziplinäre Graduiertenkolleg der Universität Bremen (zusammen mit Kollegen aus Geographie, Soziologie, Ökonomie, Kulturwissenschaften), „Globalisierung und Regionalisierung“. Dort stand die Frage im Mittelpunkt, welche Folgen die Begegnungen zwischen lokaler und globaler Welt nach sich ziehen: Das Globale verändert zwar das Lokale, es entwickeln jedoch gerade die kleinen Räume vielfach Strategien der Identitätsbewahrung, in der sie sich kultureller historischer Muster und neu definierter Traditionen bedienen. Damit wirken sie in den überregionalen Raum zurück.


Migrations- und Integrationsgeschichte

Meine Forschungen betreffen Emigration und Remigration sowie die Vertriebenenproblematik nach 1945. Ich befasse mich mit Fragen der Integration, der Akkulturation bzw. des Transnationalismus. In meinem Forschungsvorhaben zu Grenze und Grenzwahrnehmung erforsche ich „Innensichten“ auf dem Weg ins Exil und die Wahrnehmung von Migration, in meinem Projekt „Europäische Remigrationen“ geht es um eine vergleichende Analyse der Rückkehr aus dem Exil im 20. Jahrhundert.

Als Gründungsmitglied des „Stuttgarter Arbeitskreises für Historische Migrationsforschung“ gab ich mit Kollegen mehrere epochenübergreifende Sammelbände heraus: „Migration und Integration“, „Frauen und Migration“, „Migration und Grenze“ und „Zurückbleiben. Der vernachlässigte Teil der Migrationsgeschichte“.


Wissenstransfer und Wissenschaftswandel

Hinzu kommen Fragen von Wissenschaftswandel und Kulturtransfer. In diesem Feld ist auch mein Forschungsprojekt zum transatlantischen Austausch von Gastprofessoren zwischen den USA bzw. Großbritannien und Deutschland nach 1945 angesiedelt. Hierbei untersuche ich die Bedeutung dieser Wissenschaftler auf Zeit für den Wissenschaftswandel, dies vor allem mit Blick auf die Zäsuren 1933 und 1945. Eine Vorstudie zu den bayerischen Universitäten liegt noch unpubliziert vor.

Ergänzt wird dies durch Forschungen zum englisch-deutschen Wissensaustausch im 19. Jahrhundert, wie ihn die Ärztin Dr. Hope Bridges Adams Lehmann repräsentiert.


Herrschaft und Herrschaftspraxis

In meiner Habilitationsschrift über Herrschaftspraxis im 19. Jahrhundert geht es am Beispiel Bayerns und Preußens um die symbolischen Demonstrationen der Mächtigen, um kulturelle Muster, derer sich auch die Unterlegenen bedienen, um ihre Interessen zu artikulieren. Auf der Basis der Überlegungen von Pierre Bourdieu und Edward P. Thompson entstand dabei das Konzept der „Symbolischen Herrschaft“, das Interpretationen dafür bietet, wie auch im 19. und 20. Jahrhundert über symbolische und rituelle Repräsentationen Herrschaft legitimiert wird.

Meine Arbeiten in diesem Feld sind im Zwischenbereich von Soziologie und Geschichte angesiedelt und thematisieren zentral Fragen der Methodologie der Geschichtswissenschaft.


Unitarischer Radikalismus und Reform im England der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Der Kutschenmacher William Bridges Adams (1797-1872) war nicht nur ein Pionier des englischen Eisenbahnbaus und hielt etliche Patente, er war auch wichtiges Mitglied der radikalen Londoner Reformszene, hochgelobt z.B. von John Stuart Mill. Als „Junius Redivivus“ schrieb er in den 1830ern Pamphlete zur Frauenemanzipation, zur Theaterreform, zur Umsetzung sozialer Architekturutopien. Zusammen mit William J. Fox, John Stuart Mill, Harriet Taylor, Harriet Martineau, Eliza Flower und der Dichterin Sarah Adams Flower (seiner Frau) machte er die ‚South Place Chapel‘ zu einer hochrangigen Diskussionsplattform für Reformideen der Radikalen. Er steht im Schnittpunkt von technischer Innovation und Gesellschaftsreform im England der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.


Historische Frauenforschung und Geschlechtergeschichte

Die Fragen nach spezifisch weiblichen - oder spezifisch männlichen - Verhaltens- und Reaktionsweisen im Rahmen historischer Prozesse bilden eine wichtige Ergänzung allgemeiner Untersuchungen. In meinen Arbeiten geht es um Frauen in Umbruchssituationen: in Migrationsprozessen, in der Zeit der Professionalisierung Ende des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Medizinerinnen, in den Jahren nach 1945, in der Aufbruchszeit von 1968. Das fand seinen Niederschlag auch in der Biographie der Ärztin Hope Bridges Adams Lehmann.