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Devianz und Irrsinn auf dem Lande


Projektstart: 10.02.2014
Projektträger: Universität Augsburg
Projektverantwortung vor Ort: Europäische Regionalgeschichte sowie Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte
Beteiligte Wissenschaftler der Universität Augsburg: Prof. Dr. Marita Krauss
Maria Christina Müller, Master of Arts
Beteiligte Wissenschaftler / Kooperationen: Max-Planck-Institut für Psychiatrie, München
Prof. Dr. Matthias M. Weber

Zusammenfassung

Beschreibung

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt ‚Devianz und Irrsinn auf dem Lande‘ ist eine Kooperation des Lehrstuhls für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte (Augsburg), des Lehrstuhls für Soziologie (Augsburg) des Institutes für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin (Ulm), der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Ulm und des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren.

Industrialisierung, Fortschrittsglaube und allgemeine Modernisierungstendenzen brachten im 19. Jahrhundert neue Lebensumstände hervor: Der agrarisch strukturierte ländliche Raum und sein durch die Jahreszeiten, durch Saat und Ernte, durch Milchwirtschaft und Hauswirtschaft vorgegebener und durch enge dörfliche und kirchliche soziale Kontrolle bestimmter Alltagsrhythmus blieben bestehen. Daneben entwickelten sich in den Städten im Zuge der Urbanisierung andere Muster und Verhaltensweisen. Die veränderten Lebensumstände bedingten neue soziale Praktiken, die eine andere Ordnung des Alltags hervorbrachten. In Stadt und Land, so unsere Ausgangsthese, reglementierten unterschiedliche Disziplinierungslogiken die sozialen Praktiken und delegitimierten sie andererseits, sofern sie von der Gesellschaft als nicht tragbar oder nicht schicklich empfunden wurden. Die differenten Disziplinierungslogiken auf dem Land und in der Stadt spiegeln sich auch in der Wahrnehmung und Klassifizierung psychischer Krankheitsbilder. Wer sich (krankheitsbedingt) nicht der jeweiligen Disziplin unterwerfen konnte, wurde ausgegrenzt. Die hier etablierten Sichtweisen auf Leidtragende und Gewinner von Industrialisierung, Modernisierung und Urbanisierung bieten einen Schlüssel zur Ergründung der Kategorien, die im Feld zwischen „Normalität“, „Devianz“ und „Krankheit“ der Rollenverteilung dienten.

Die Psychiatrie als Heterotopie, als Anderort, gilt seit Michel Foucault als dunkler Spiegel der Gesellschaft: Psychiatrieakten als ein besonderer Quellenbestand erlauben im Zuge einer solchen Betrachtung in einem begrenzten Rahmen einen doppelten Blick auf Sichtweisen von Patienten auf der einen und Ärzten auf der anderen Seite, auf Akteursgruppen, die mitunter divergierende Erfahrungen von Gewinn und Verlust durch die genannten Prozesse protokollierten. Neben Fragen nach der zeitgenössischen Einordnung von subjektiven Krankheitsschilderungen in nosologische Raster durch die aktenführenden Akteure stehen durch evtl. gewandelte städtische und ländliche Normen vorgegebene Kategorien und die durch sie konstituierten Disziplinierungspraktiken auf dem Prüfstand. In Frage steht dabei der historiographisch in der Folge fest etablierte Gedanke, dass Disziplin Ordnung erschafft und aufrechterhält, Irrsinn hingegen die Auflösung der Ordnung darstellt.

Poster-Psychiatriegeschichte2