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Authentizitätsforschung


Projektstart: 01.07.2011
Projektträger: Universität Augsburg
Projektverantwortung vor Ort: PD Dr. Stefan Lindl

Zusammenfassung

Beschreibung

 

Architektonische Rekonstruktionen wie das Berliner Schloss scheinen gegenwärtig notwendig zu sein. Stadtansichten sollen in ihren ‚echten’ und ‚wahren’ Zustand versetzt werden. Als Ideal wird willkürlich der Zustand einer historischen Zeitschicht gesetzt, nach dem sich die Rekonstruktion ausrichtet. Dieses Phänomen lässt sich nicht mit dem gängigen Verständnis der Authentizität beschreiben, die dem ‚Original’ huldigt. In mehreren Analysen zu ‚Wiederholungsbewegungen’ wie Historismus, Postmoderne und Wiederaufbau am Beispiel Schwabens wird eine ‚evozierende Authentizität’ ergründet.

 

Wiederholung der Geschichte. Die Echtheit der Reproduktion.

Wiederholung der Geschichte gibt es nicht und doch ist sie omnipräsent. Aber allgegenwärtig sind nicht etwa sich wiederholende Ereignisse oder Menschen; sie lassen sich nicht replizieren. Gemeint sind Ästhetiken und Ideen. Sie können wiederholt werden. Das vermitteln die Bauwerke des Historismus, des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg, der Postmoderne und des Wiederaufbaus nach der Deutschen Wiedervereinigung. Sie werfen prinzipielle Fragen nach gestalterischen Prinzipien auf: Was soll die Wiederholung einer verlorenen, nicht ‚zeitgemäßen’ Ästhetik? Darf man, soll man wiederholen? Das Stadtschloss in Berlin ist so eine ‚Wiederholung von Geschichte’. Es heisst: „Die Rekonstruktion müsse eine Lücke in der Stadtansicht füllen.“ Dort fehlt also etwas. Wenn etwas fehlt, dann ist der jetzige Zustand nicht richtig. Er ist falsch, nicht echt. Um richtig und echt zu sein, müßte folglich dieses ehemals gesprengte, dann abgetragene Bauwerk wiederholt werden.

Diese Argumentation ist erstaunlich. Echtheit und Wahrheit wird mitunter auf einzigartige, nichtwiederholbare Objekte angewendet. Ein Original ist dann original, wenn es eine verbindliche Geschichte hat, die belegt werden kann. Ein Bild ist dann ein ‚echter’ Dürer, wenn es eine Referenz zu dem Autor vorweisen kann, einen klaren Ursprung hat, sich Wechsel von Besitzverhältnissen nachvollziehen lassen, etc. etc. Authentizität bedeutet in diesem Sinne: Kann die Einzigartigkeit eines Objekts im Wandel der Zeit belegbar nachvollzogen werden, dann ist es authentisch. Eine Kopie eines solchen Objekts wäre notwendigerweise nicht echt und nicht authentisch, weil sie eine Wiederholung ist. Und doch werden Wiederholungen mit der Eigenschaft der Echtheit belegt, wie im Falle des Berliner Stadtschlosses oder des Dresdener Neumarkts.

Folglich scheint es zwei Arten von Echtheitskonzepten zu geben, die in diesem Habilitationsprojekt an Schwäbischen Architekturen in den Kontexten des Historismus, des Wiederaufbaus, der Postmoderne und der Rekonstruktionsbewegung nach der Wiedervereinigung untersucht und rekonstruiert werden. Die eine Authentizität ist eine ‚diachrone Authentizität’. Ihr Kennzeichen ist die Einzigartigkeit, die durch äußere Belege, beispielsweise Archivalien, generiert wird. Die andere Authentizität, die ‚synchrone Authentizität’, zeichnet sich durch Wiederholung aus. Sie synchronisiert in einer Zeit im diachronen Sinn Ungleichzeitiges. Ihre Echtheit entsteht durch eine innere Zuschreibung, das heißt, durch das Wissen des Betrachters, das Aufgrund eines Sinnesreizes dem Objekt hinzugespielt wird. Wenn Objekte dieses Wissen evozieren, ist es gleichgültig, ob diese Objekte original oder ‚lediglich’ Reproduktionen. Die synchrone Authentizität entsteht durch den Akt der Evokation. Insofern stehen Originale sowie Reproduktionen und Reproduktionen der Reproduktionen auf einer synchronen Authentizitätsstufe.

Stefan Lindl