Onomastik ist „Namenskunde“ (von griechisch ὄνομα, ónoma, „Name“). Ziel der Onomastik ist es, die Struktur, Herkunft und ggf. semantische Bedeutung bestimmter Namen zu ermitteln. Wichtigstes Hilfsmittel sind große Corpora, in denen die Belege für einen Namen möglichst vollständig und geographisch geordnet gesammelt werden. Besonders wichtig als Nachschlagewerke sind:
A Lexicon of Greek Personal Names (LGPN)
Die Bände erschließen jeweils das onomastische Material eines bestimmten geographischen Gebietes. Addenda, Korrigenda, zusätzliche Indices und eine Onlinesuche im gesamten publizierten Datenbestand ermöglicht http://www.lgpn.ox.ac.uk. Aufgrund der in Tabellenform ausgegebenen Trefferzahl pro Band erhalten Sie schnell einen Überblick über die geographische Verteilung.
Onomasticon Provinciarum Europae Latinarum (OPEL)
Kompilation für die in den europäischen Provinzen des Römischen Reiches inschriftlich belegten Namen.
Solin, Heikki: Die griechischen Personennamen in Rom. Ein Namenbuch. [3 Bde.] (= CIL Auctarium), Berlin u. a. 2003 (2. erw. u. überarb. Aufl.).
Solin, Heikki/Salomies, Olli: Repertorium nominum gentilium et cognominum Latinorum (= Alpha-Omega, Reihe A. 80), Hildesheim 1994 (2. erw. Aufl.).
Solin, Heikki: Die stadtrömischen Sklavennamen. Ein Namenbuch. [3 Bde.] (= Forschungen zur antiken Sklaverei, Beiheft. 2), Stuttgart 1996.
Wichtige Handbücher sind:
Hornblower, Simon/Matthews, Elaine (Hgg.): Greek personal names: their value as evidence (= Proceedings of the British Academy. 104), Oxford 2001.
Cheesman, Clive: Personal names in the Roman world, London 2010.
Dondin-Payre, Monique/Raepsaet-Charlier, Marie-Thérèse (Hgg.): Noms, identités culturelles et romanisation sous le Haut-Empire, Brüssel 2001.
Kajanto, Iiro: The Latin cognomina (= Societas Scientiarum Fennica, Commentationes Humanarum Litterarum. 36,2), Helsinki 1965.
Salomies, Olli: Die römischen Vornamen. Studien zur römischen Namengebung (= Societas Scientiarum Fennica, Commentationes Humanarum Litterarum. 82), Helsinki 1987.
Salomies, Olli: Adoptive and polyonymous nomenclature in the Roman empire (= Societas Scientiarum Fennica, Commentationes Humanarum Litterarum. 97), Helsinki 1992.
Zunächst muss das Namenssystem einer Kultur verstanden werden. Für die westliche Welt unserer Zeit gilt etwa, dass ein vollständiger Name aus mindestens einem Vornamen und einem Nachnamen besteht, und dass dieser die Familienzugehörigkeit bezeichnet. Freilich ist dieses System in Auflösung begriffen. Sie können heute am Namen eines Kindes nicht mehr automatisch die Abstammung väterlicherseits erkennen. Bestimmte Namenselemente können auch Rückschlüsse auf den sozialen Stand erlauben, z. B. Adelsprädikate. Akademische Titel sollten in der Regel Hinweise auf den Bildungsstand geben.
Für die Antike sind folgende Namensschemata wichtig:
(1) Griechisch:
Name + Vatersname im Genitiv
Dionýsios Eutykhídou ~ „Dionysios des Eutychides“
Name + Vatersname im Genitiv + Demotikon (Demoszugehörigkeit)
Dionýsios Eutykhídou Akharneús ~ „Dionysios des Eutychides, aus dem Demos Acharnai“
(2) Römisch:
Vorname (praenomen) + Familienname (nomen gentile) + Filiation + Tribuszugehörigkeit
M(arcus) Iulius C(ai) f(ilius) Pal(atina tribu) ~ Marcus Iulius, Sohn des Gaius, aus dem Stimmbezirk Palatina
Das Führen eines cognomen wird erst in der frühen Kaiserzeit allgemein üblich. Zuvor dient es der persönlichen Charakterisierung, und viele cognomina verraten ihre Entstehung als Spitznamen allzu deutlich: Brutus ~ „Blödmann“, Crassus ~ „Fettsack“, Ahenobarbus ~ „Erzbart“, Cicero ~ „Erbse“. Damit ist das System der sogenannten tria nomina („Drei Namen“) voll ausgeprägt. Da die Masse der inschriftlichen Überlieferung in das 2.-3. Jh. n. Chr. fällt, stellen die tria nomina für uns die Normalform eines römischen Bürgernamens dar. Traditionell glaubt man, allein aus dem Vorhandensein der tria nomina auf römisches Bürgerrecht schließen zu können. Es wird jedoch immer deutlicher, dass auch Personen latinischen Rechts und peregrine Soldaten in den Auxiliartruppen die tria nomina führten.
Vorname (praenomen) + Familienname (nomen gentile) + Filiation + Tribuszugehörigkeit + Beiname (cognomen)
M(arcus) Iulius C(ai) f(ilius) Pal(atina tribu) Apoplex ~ Marcus Iulius Apoplex usw.
Bei Adoption wird oft das ursprüngliche nomen gentile mit dem Suffix -ianus als zusätzliches cognomen angenommen. Nicht immer war dies freilich opportun: Das berühmteste Beispiel ist der nachmalige Kaiser Augustus, der als C. Octavius das Licht der Welt erblickte, sich aber nach seiner testamentarischen Adoption durch Caesar nur noch C. Iulius Caesar nennen ließ. Octavianus nannten ihn nur seine Gegner – und bis heute die moderne Forschung.
Vorname (praenomen) + Familienname (nomen gentile) + Filiation + Tribuszugehörigkeit + Beiname (cognomen) + ursprüngliche Gentilzugehörigkeit
M(arcus) Iulius C(ai) f(ilius) Pal(atina tribu) Apoplex Sulpicianus
Demos-, Tribus- und Filiationsangaben dienen neben der eindeutigen Identifikation des Namensträgers auch dem Ausweis seines vollen Bürgerrechtes. Sklaven, Freigelassene und Kinder aus rechtlich ungültigen Ehen (ohne conubium, z. B. zwischen einem römischen Bürger und einer Ägypterin) haben rechtlich gesehen keinen Vater – ihre mindere Rechtsstellung spiegelt sich im Fehlen der Filiation, an deren Stelle bei Sklaven und Freigelassenen die Nennung des dominus bzw. patronus tritt:
Terpnus Caes(aris) ser(vus)
Wird dieser Sklave freigelassen, nimmt er praenomen und nomen gentile des Freilassers – hier des Kaisers Trajan – an. Sein ursprünglicher Sklavenname fungiert als cognomen. Während also der Sklavenstatus sich in der Einnamigkeit spiegelt, sind die vollständigen tria nomina den römischen bzw. latinischen Bürgern vorbehalten, unter die sich der Freigelassene einreiht:
M. Ulpius Aug(usti) lib(ertus) Terpnus
Dasselbe gilt für Bürgerrechtsverleihungen. Hier wird der Name des Patrons, der das Bürgerrecht besorgt hat, angenommen. Wenn daher für die gallischen und germanischen Provinzen für das 1. Jh. n. Chr. eine Vielzahl von Iulii unter der lokalen Aristokratie belegt sind, so weist dies eindeutig auf eine Bürgerrechtsverleihung unter Caesar bzw. Augustus (faktisch eher letzteres), also sehr schnell nach der Unterwerfung:
Iulius Sacrovir, Iulius Civilis usw.
Aus diesem Mechanismus folgt, dass etwa eine Inschrift, die einen P. Aelius Onesikrates erwähnt, höchstwahrscheinlich frühestens in die Regierungszeit des Kaisers Hadrian (~ P. Aelius Hadrianus) fällt.
Seit dem Jahr 212 n. Chr., als auf Edikt des Caracalla (fast) allen freien Bewohnern des Römischen Reiches das Bürgerrecht verliehen worden war, stellen wir in den Inschriften eine Flut von Aurelii fest. (Dass sich sein Vater Septimius Severus nach seiner Erhebung zum Kaiser als Sohn des Marcus Aurelius darstellte, hatte Caracalla das nomen gentile Aurelius beschert.) Daraus lässt sich ein gewisser Datierungsanhalt gewinnen.
Die Tribusangabe ermöglicht zuweilen ebenfalls interessante Rückschlüsse auf
den sozialen Stand: In der entwickelten Form gibt es insgesamt 35 Stimmbezirke, davon 4 städtische und 31 ländliche. Die städtischen Tribus sind weit weniger angesehen und Freigelassene werden meist hier eingeschrieben. In der Hohen Kaiserzeit treten auch fiktive Tribusangaben auf.
die Herkunft: Bestimmte Tribuszugehörigkeiten sind in bestimmten Regionen besonders verbreitet, z. B. infolge von Koloniegründungen.
Prosopographie bedeutet „Personenkunde“ (von griechisch πρόσωπον, prósopon, „Gesicht, Maske, Person“). Ein Mensch handelt niemals für sich allein, sondern ist stets eingebettet in ein Netz sozialer Bezüge, die seinen Bildungsgrad, seine Normen und Werte, seine finanziellen und politischen Möglichkeiten usw. entscheidend bestimmen. Zudem finden politische Nahverhältnisse in vormodernen Gesellschaften oft in künstlichen Verwandtschaften (Ehen, Adoptionen) einen sichtbaren Ausdruck. Von daher ist die Frage nach sozialer, verwandtschaftlicher und politischer Verortung immer wesentliche Voraussetzung für das Verstehen menschlicher Handlungen – und menschliches Handeln in der Vergangenheit ist ja gerade Gegenstand der Geschichtswissenschaft.
Prosopographie ist nicht nur eine Hilfswissenschaft, sondern auch eine althistorische Methode. Besonders Friedrich Münzer und Ronald Syme haben als Exponenten dieser Richtung unser Bild der römischen Führungsschichten lange Zeit maßgeblich geprägt. Heute ist eine gewisse Reaktion zu beobachten, die darauf hinweist, dass prosopographische Bezüge menschliches Handeln natürlich nicht zwangsläufig determinieren, und deshalb auch kein allein gültiges Erklärungsmodell abgeben können.
Davon abgesehen sind prosopographische Forschungen unverzichtbar etwa im Bereich der Verwaltungsgeschichte: Unsere Kenntnisse über die Verwaltung des Römischen Reiches basieren ganz wesentlich auf dem Zeugnis der vielen auf Inschriften dokumentierten cursus honorum.
Wichtige Hilfsmittel sind:
Kirchner, Johann: Prosopographia Attica. [2 Bde.], Berlin 1901-1903 (ND mit Addenda von Siegfried Lauffer Berlin/New York 1966). [PA]
Die Bände sind online konsultierbar unter http://www.archive.org/stream/prosopographiaa00kircgoog (Band 1) und http://www.archive.org/stream/prosopographiaa01kircgoog (Band 2).
Davies, John K.: Athenian propertied families 600-300 B. C., Oxford 1971. [APF]
Stimmt in der Nummerierung mit der PA überein.
Develin, Robert: Athenian officials 684-321 B. C., Cambridge u. a. 1989.
Äquivalent der MRR für Athen.
Traill, John S.: Persons of ancient Athens, Toronto 1994-. [PAA]
Informationen, Addenda, Korrigenda und eine Onlinesuche in Teilen des gedruckten Materials unter http://www.chass.utoronto.ca/attica.
Poralla, Paul: Prosopographie der Lakedaimonier bis auf die Zeit Alexanders des Großen, Breslau 1913 (ND mit Addenda von Alfred S. Bradford Chicago 1985).
Bradford, Alfred S.: A prosopography of Lacedaemonians from the death of Alexander the Great, 323 B. C., to the sack of Sparta by Alaric, A. D. 396 (= Vestigia. 27), München 1977.
Berve, Helmut: Das Alexanderreich auf prosopographischer Grundlage. [2 Bde. II = Prosopographie], München 1926.
Peremans, Willy; Van’t Dack, Edmond: Prosopographia Ptolemaica (= Studia Hellenistica. 6/8/11/12/13/17/20/21/25), Leuven 1950-1981. [PP]
Im Internet ist unter http://prosptol.arts.kuleuven.ac.be auch eine elektronische Fassung verfügbar.
Broughton, Thomas R. S.: The magistrates of the Roman Republic. I [509 B C.-100 B. C., 1951], II [99 B. C.-31 B. C., 1952], III [Supplement, 1986] (= APhA Philological monographs. 15,1-3), New York 1951-1952 (ND mit Suppl. Atlanta 1986). [MRR]
Zusammenstellung aller Amtsträger der römischen Republik mit reichen Quellenbelegen. Immer auch die Nachträge im dritten Band prüfen!
Cébeillac-Gervasoni, Mireille: Les magistrats des cités italiennes de la seconde guerre punique à Auguste : le Latium et la Campanie (= BEFAR. 299), Paris 1998.
Nicolet, Claude: L’ordre équestre à l’époque républicaine (312-43 av. J.-C.). [2 Bde.], Paris 1966 (ND Paris 1974).
Während die MRR gewissermaßen eine Prosopographie der senatorischen Eliten darstellt, behandelt das Werk Nicolets den ordo equester.
Klebs, Elimar; Dessau, Hermann; Rohden, Peter v.: Prosopographia Imperii Romani Saec. I II III. [3 Bde.], Berlin 1897-1898. [PIR]
Einige Bände sind online konsultierbar unter http://www.archive.org/stream/prosopographiai00dessgoog, http://www.archive.org/stream/prosopographiai01dessgoog, http://www.archive.org/stream/prosopographiaim01akaduoft (Band 1) und http://www.archive.org/stream/prosopographiaim03akaduoft (Band 3).
Groag, Edmund; Stein, Arthur; Petersen, Leiva: Prosopographia Imperii Romani Saec. I II III. Editio altera, Berlin 1933-. [PIR2]
Erfasst prinzipiell alle Personen der römischen Kaiserzeit bis auf Diokletian. Vollständig in lateinischer Sprache abgefasst. Soweit möglich in der zweiten Auflage zu benutzen! Eine Suche in den Lemmata des Werkes, sowie einer fortlaufend aktualisierten Datenbank mit Addenda ist unter http://pir.bbaw.de möglich. Hier kommen Sie zur diesbezüglichen H-Soz-u-Kult-Rezension.
Degrassi, Attilio: I fasti consolari dell’impero romano dal 30 avanti Cristo al 613 dopo Cristo (= Sussidi eruditi. 3), Rom 1952.
Maßgebliches Verzeichnis der römischen Konsuln der Kaiserzeit.
Bagnall, Roger S./Cameron, Averil/Schwartz, Seth R. u. a.: Consuls of the later Roman empire (= APhA Philological monographs. 36), Atlanta 1987. [CLRE]
Eck, Werner: Senatoren von Vespasian bis Hadrian. Prosopographische Untersuchungen mit Einschluß der Jahres- und Provinzialfasten der Statthalter (= Vestigia. 13), München 1970.
Die maßgebliche Abhandlung über die Entwicklung des Senatorenstandes in der hohen Kaiserzeit. Ergänzend sind die korrigierten Provinzialfasten (Statthalterlisten) in den Zeitschriftenbänden Chiron 12 (1982), S. 281-362 und Chiron 13 (1983), S. 147-237 heranzuziehen.
Alföldy, Geza: Konsulat und Senatorenstand unter den Antoninen. Prosopographische Untersuchungen zur senatorischen Führungsschicht (= Antiquitas. 1,27), Bonn 1977.
Halfmann, Helmut: Die Senatoren aus dem östlichen Teil des Imperium Romanum bis zum Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. (= Hypomnemata. 58), Göttingen 1979.
Atti del colloquio internazionale AIEGL su epigrafia e ordine senatorio, Roma, 14-20 maggio 1981. [2 Bde.] (= Tituli. 4-5), Rom 1982.
Äußerst nützliche Zusammenstellung der jeweils aus einer Provinz stammenden Senatoren.
Raepsaet-Charlier, Marie-Thérèse: Prosopographie des femmes de l’ordre sénatorial (Ier-IIe siècles), Louvain 1987.
Ergänzungen dazu in der Zeitschrift Klio 75 (1993), S. 257-271.
Thomasson, Bengt E.: Laterculi Praesidum. [3 Bde.], Göteborg 1972-1990.
Knappe Auflistung aller Statthalter (ritterlich und senatorisch) von 30 v.-284 n. Chr., geordnet nach Provinzen, im ersten Band. Für jeden Amtsträger werden die Referenzen für PIR und RE angegeben, desweiteren die Belege für seine Tätigkeit und ggf. wichtige Forschungsliteratur. Zu konsultieren sind neben dem ersten Band auch die Addenda im dritten, sowie weitere Nachträge, die in der Zeitschrift ORom 20 (1996), S. 161-175, ORom 24 (1999), S. 163-174 sowie ORom 30 (2005), S. 105-122 publiziert wurden. Das alles dankenswerterweise nicht auf Schwedisch, sondern auf Lateinisch. Die drei Faszikel des zweiten Bandes bieten das Datenmaterial des ersten graphisch aufbereitet in Form einer Tabelle dar. Der dritte Band schließlich enthält Bibliographie, Nachträge und Indices. Aktuell Nachträge finden sich unter http://www.radius.nu/lp_addenda_v.shtml.
Pflaum, Hans-Georg: Les carrières procuratoriennes équestres sous le Haut-Empire romain. [4 Bde.], Paris 1960-1961.
Im weitersten Sinne die Fortsetzung von Nicolets Ordre équestre (11) für die Kaiserzeit. Die neuere Forschung hat zwar gezeigt, dass viele der Schlussfolgerungen Pflaums zu rigide waren, und die ritterliche Laufbahn stets weit flexibler blieb als die senatorische, doch mindert das nicht den Wert des hier zusammengetragenen prosopographischen Materials.
Prosopography of the Later Roman Empire, Cambridge 1971-. [PLRE]:
I: Jones, Arnold H. M.; Martindale, John R.; Morris, John: A. D. 260-395, 1971.
II: Martindale, John R.: A. D. 395-527, 1980.
III: Martindale, John R.: A. D. 527-641, 1992.
Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE)
Einschlägig sind v. a. die klassischen Personenartikel von Friedrich Münzer. Die Artikel der RE sind oftmals die am leichtesten erreichbare Informationsquelle, soweit die entsprechenden Bände der zweiten Auflage der PIR noch nicht erschienen sind.
Der Neue Pauly (DNP)
Besonders für die römische Kaiserzeit glänzt DNP mit hervorragenden prosopographischen Artikeln. Leider sind die Quellenangaben meist knapp gehalten.
Eine ausführlichere Literaturliste mit Hinweisen auf weitere prosopographische Nachschlagewerke zu bestimmten Amtsträgern bzw. Regionen findet sich unter http://bcs.fltr.ucl.ac.be/Proso.html. Daneben sei auf die übersichtlichen Auflistungen im Guide de l’épigraphiste verwiesen.
Die Antike kennt bis in die römische Kaiserzeit hinein eine Fülle unterschiedlicher Zeitrechnungen und Kalendarien. Die bekannte Olympiadenrechnung ist demgegenüber eine relative Spätentwicklung aus hellenistischer Zeit, die den Bedürfnissen der Universalgeschichtsschreibung Rechnung trägt, abseits des akademischen Elfenbeinturms aber kaum praktische Bedeutung gewann. Das obstinate Festhalten an alten Mondkalendern und die teilweise laxe Handhabung des Kalenderwesens machen eine präzise Umrechnung in den julianisch-gregorianischen Kalender äußerst schwierig. Für die älteste Zeit kommt noch hinzu, dass das Bedürfnis nach absoluten Zeitangaben überhaupt erst in klassischer Zeit aufgekommen zu sein scheint. Zuvor begnügte man sich oft mit relativen Chronologien, die ja in der Tat für die Geschichtsvorstellung entscheidender sind, da sie eine kausale Verknüpfung von Einzelereignissen ermöglichen.
Jahresangaben werden in der Antike meist in Eponymen- oder Ärenzählung gegeben, d. h. entweder wird das Jahr durch den/die eponymen – also „namengebenden“ – Magistrat(e) bezeichnet oder die Jahre werden von einem bestimmten Ausgangszeitpunkt aus durchgezählt. Die folgenden Jahreszählungen sind von besonderer Bedeutung:
Eponymenzählung:
Athen: „Als XY Archon war…“ (seit 683/2 v. Chr.)
Sparta: „Als XY Ephor war…“ (seit 754/3 v. Chr.)
Rom: „Unter den Konsuln X und Y…“ (509 v.-541 n. Chr.)
Ärenzählung:
Olympiadenrechnung: „Im Y. Jahr der Z. Olympiade…“ (ab 776/5 v. Chr.)
Seleukidisch: „Im Jahre Z…“ (ab 312/1 v. Chr.)
Rom: „Im Jahre Z nach der Gründung der Stadt…“ (nach Varro 21. 4. 753 v. Chr., das unter Augustus offiziell anerkannte Datum war aber 752 v. Chr. – um nur zwei Möglichkeiten anzudeuten)
Jüdisch-Christlich: „Im Jahre Z nach der Schöpfung der Welt…“ (7. 10. 3761 v. Chr., noch heute in Gebrauch)
Christlich: „Im Jahre Z nach Christi Geburt…“ (berechnet von Dionysius Exiguus 526 n. Chr.)
Islamisch: „Im Jahre Z nach der Hedschra…“ (16. 7. 622 n. Chr.)
Ein Sonderfall ist die Indiktionenrechnung: „Im Jahr Y der Indiktion…“. Hier handelt es sich um keine eigentliche Jahresangabe, weil – anders als bei der Olympiadenrechnung – die Zahl der Indiktion nicht angegeben wird. Die Indiktion ist ein von Diokletian eingeführter fünfjähriger, später fünfzehnjähriger Steuerzyklus.
Daneben gibt es in Monarchien natürlich auch die Datierung nach Regierungsjahren.
Es liegt auf der Hand, dass die Chronologie der Alten Welt unter diesen Voraussetzungen für den Nichtfachmann eine ziemlich konfuse Sache ist. Wenige Spezialisten werden all die verschiedenen Kalender, Beamtenlisten und Ären ständig im Kopf parat haben. Umso wichtiger sind die Handbücher zum Thema:
Bickerman, Elias J.: Chronology of the ancient world (= Aspects of Greek and Roman life), Ithaca 1980 (2. überarb. Aufl.).
Samuel, Alan E.: Greek and Roman chronology. Calendars and years in classical antiquity (= HdA. 1,7), München 1972.
Eder, Walter/Renger, Johannes: Herrscherchronologien der antiken Welt. Namen, Daten, Dynastien (= DNP Suppl. 1), Stuttgart 2004.
Hannah, Robert: Greek and Roman calendars: constructions of time in the Classical world, London 2005.
Hier kommen Sie zur BMCR-Rezension.
Deißmann, Maria: Daten zur antiken Chronologie und Geschichte (= RUB. 8628), Stuttgart 1990.
Dieses in Einführungen oft genannte Buch kann nur bedingt empfohlen werden, da das völlige Fehlen von Indices eine sinnvolle Benutzung äußerst erschwert. Ohne ein Register gerät etwa schon die Auflösung einer einfachen Datierung nach Konsulatsjahren zur Geduldsprobe. Hilfreich sind neben der Einleitung vor allem die Regententafeln antiker Dynastien. Da hier weniger Einträge anfallen als bei Listen von Jahresbeamten fällt das Fehlen von Indices weniger ins Gewicht.
Hinweise auf weitere Literatur zu einzelnen Kalendern, Eponymenlisten und Ären gibt http://bcs.fltr.ucl.ac.be/Chrono.html.
ACHTUNG!!!
Zum Schluss eine Warnung vor den Tücken der ganz modernen Jahreszählung: Es gibt in unserer Ärenzählung ab Christi Geburt kein Jahr 0! Erstens ist die „0“ ein Erbe, das erst die Araber an Europa vermittelten, und zweitens wäre eine Zeitangabe „im 0. Jahr nach Christi Geburt“ evidenter Unsinn. Der Ausgangspunkt jeder Ärenzählung ist ein Zeitpunkt, von dem aus die Jahre gezählt werden. Daraus folgt – ganz logisch: An das Jahr 1 v. Chr. schließt unmittelbar das Jahr 1 n. Chr. an!
Geschichte spielt sich immer in einem definierten geographischen Raum ab, der entscheidenden Einfluss auf die Handlungsmöglichkeiten des Menschen besitzt. Wenn Sie daher Ortsnamen in den Quellen oder der Fachliteratur finden, die Sie geographisch nicht verorten können, schlagen Sie in den angeführten Kartenwerken nach, es wird das Verständnis der Texte wesentlich erleichtern!
Talbert, Richard J.: Barrington atlas of the Greek and Roman world. [3 Bde.], Princeton 2000.
Das Werk verfügt über Ortsnamenregister mit ausführlichen Literaturhinweisen (dies auch in einer CD-ROM-Version). Hier können Sie (fast) jeden antiken Ortsnamen nachweisen und auf den topographischen Karten lokalisieren.
Interactive Ancient Mediterranean – Map Room: http://iam.classics.unc.edu/map/map_room.html.
Die Überblickskarten basieren auf der für den Barrington Atlas geleisteten Arbeit und sollten gewissermaßen ein Hineinschnuppern in das Projekt ermöglichen. Das Angebot bewahrt seine Nützlichkeit aber auch nach Publikation des gedruckten Werkes.
Ancient World Mapping Centre – Map Room: http://www.unc.edu/awmc/mapsforstudents.html.
Stellt eine wachsende Zahl von professionellen Karten zu spezifischen historischen Themen zu Lehrzwecken frei zur Verfügung.
Wittke, Anne-Maria; Olshausen, Eckart; Szydlak, Richard: Historischer Atlas der antiken Welt (= DNP Suppl. ), Stuttgart 2007.
Im Gegensatz zu den topographischen Karten im Barrington Atlas bietet dieser Supplementband zum DNP Themenkarten zu vielen Bereichen der Alten Geschichte. Hier kommen Sie zur H-Soz-u-Kult-Rezension.
Talbert, Richard J.: Atlas of classical history, London u. a. 1985.
Hammond, Nicholas G. L.: Atlas of the Greek and Roman world in antiquity, Park Ridge 1981.
Tübinger Atlas des Vorderen Orients (TAVO).
Exzellentes Kartenwerk für einen wichtigen Teilbereich der Alten Geschichte, das auf intensiver Forschungsarbeit beruht, die in den Beiheften präsentiert wird.
Gottwein: http://www.gottwein.de/graeca/maps/graeca400.php, http://www.gottwein.de/latine/map/gr01.php und http://www.gottwein.de/latine/map/map_index.php.
Digitalisierte Karten, vornehmlich aus Kieperts Atlas antiquus von 1869.
Maproom: http://www.maproom.org.
Digitalisate älterer Kartenwerke, wie z. B. Spruner/Menkes und Kieperts Atlas antiquus (1865 bzw. 1869), Spruner/Menkes Historischer Handatlas (1880), Droysens Allgemeiner historischer Handatlas (1886) und Putzgers Historischem Schul-Atlas (Auflagen von 1905, 1914 und 1923). Die Karten können in einem zoombaren Flashformat betrachtet, jedoch nicht als Grafikdatei ausgespeichert werden.
Mapping History Project: http://mappinghistory.uoregon.edu.
Bietet in der Sektion „Europäische Geschichte“ eine Reihe von Modulen zur Alten Geschichte. Besonders hilfreich sind die animierten Karten, die in besonderer Weise geeignet sind historische Verläufe zu visualisieren.
Perseus Atlas Tool: http://old.perseus.tufts.edu/cgi-bin/patlas.
Ein interaktiver Atlas der Alten Welt, der die individuelle Zusammenstellung von Karten ermöglicht.
Eine gute Einführung in die Disziplin der historischen Geographie bietet:
Olshausen, Eckart: Einführung in die historische Geographie der Alten Welt, Darmstadt 1991.
Ebenso wie der geographische Raum nimmt auch der Kulturraum der Stadt Einfluss auf historische Vorgänge, bildet diese aber v. a. auch selbst ab. Die urbanistische Entwicklung Roms im 1. Jh. n. Chr. ist so beispielsweise ein Spiegel der gesellschaftlichen und politischen Umbrüche diese Zeit. Insbesondere für Athen und Rom als große Metropolen liegen Nachschlagewerke vor, die einen bequemen Einstieg ermöglichen:
Judeich, Walther: Topographie von Athen (= HdA. 3,2,2), München 1931 (2. vollst. neubearb. Aufl.).
Traulos, Ioannes N.: Bildlexikon zur Topographie des antiken Athen. [2 Bde.], Tübingen 1961-1962.
Steinby, Eva M. (Hg.): Lexicon Topographicum Urbis Romae, Rom 1993-2000. [LTUR]
Monumentales Lexikon zu den Gebäuden des antiken Rom. Ersetzt alle früheren Arbeiten (v. a. [5-6]). Kenntnisse in Italienisch, Französisch und Englisch müssen Sie freilich mitbringen, denn entgegen den vom Titel vielleicht geweckten freudigen Erwartungen ist das Werk nicht in lateinischer Sprache abgefasst.
La Regina, Adriano (Hg.): Lexicon Topographicum Urbis Romae. Suburbium, Rom 2001-.
Fortsetzung des LTUR für die unmittelbare Umgebung Roms.
Nash, Ernest: Pictorial dictionary of ancient Rome. [2 Bde.], London 1968 (2. überarb. Aufl.).
Platner, Samuel B./Ashby, Thomas: A topographical dictionary of ancient Rome, Oxford 1929.
Streng genommen seit dem Erscheinen des LTUR überholt, dafür aber im Internet verfügbar – und Quellenreferenzen veralten ja bekanntlich nie: http://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Gazetteer/Places/Europe/Italy/Lazio/Roma/Rome/_Texts/PLATOP*/home*.html und http://www.perseus.tufts.edu/hopper/text.jsp?doc=Perseus:text:1999.04.0054.
Richardson, Lawrence jr.: A new topographical dictionary of ancient Rome, Baltimore 1992.
Ersetzt Platner/Ashby als echtes einbändiges Handlexikon. Hier kommen Sie zur BMCR-Rezension.
Stillwell, Richard/MacDonald, William/McAlister, Marian H.: Princeton encyclopedia of classical sites, Princeton 1976. [PECS]
Online unter http://www.perseus.tufts.edu/hopper/text.jsp?doc=Perseus:text: 1999.04.0006 verfügbar.
Brodersen, Kai (Hg.): Metzler-Lexikon antike Stätten am Mittelmeer, Stuttgart 1999.