Als Gegenwart empfindet der Mensch nach Ausweis wahrnehmungspsychologischer Studien eine kurze Zeitspanne von etwa drei Sekunden. Dann gehört die Gegenwart bereits der Vergangenheit an. Die Vergangenheit ist – wie der Name schon sagt – vergangen, und dies unwiderruflich. Zurück lässt sie nur vereinzelte Überreste, die den einstigen, im Zustand der Gegenwart gegebenen, lebendigen Zusammenhang aber nur noch fragmenthaft abbilden. Vor allem – aber nicht ausschließlich! – diese Relikte vergangener Gegenwart nennt der Historiker „Quellen“ und versucht, aus ihnen nach Möglichkeit ein Gesamtbild der Vergangenheit zu rekonstruieren. Diese Rekonstruktion bezeichnen wir als „Geschichte“, und sie ist keineswegs mit der Vergangenheit identisch. „Geschichte“ ist immer eine Konstruktion des sich erinnernden Menschen, der sie denkt, erzählt oder schreibt. Als solche bleibt sie notwendig unvollkommen, erstens wegen der angesprochenen Fragmenthaftigkeit der zugrunde liegenden Überreste und zweitens wegen der subjektiven Wahrnehmung des Menschen an sich. Schon dieselbe Gegenwart werden zwei Menschen niemals gleich erleben. Umso mehr unterliegt die spätere Erinnerung an sie formenden äußeren Faktoren. Gegenwart und Vergangenheit konditionieren sich fortlaufend gegenseitig im Medium der Erinnerung. Es kommt hinzu, dass „Geschichte“ als erinnerte Vergangenheit stets in der Sprache der Gegenwart erzählt werden muss, um für diese Bedeutung zu haben. Der Historiker muss also Fragen und Terminologie seiner Gegenwart in einer Art von „kontrolliertem Anachronismus“ an die Quellen herantragen. Die Tätigkeit des Historikers ist daher eine durchaus kreative an der Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Deshalb ist die Geschichtswissenschaft auch keineswegs eine nur museal-bewahrende Disziplin, sondern eine erklärende und aktualisierende. Der Historiker schreibt (eine) Geschichte. Was die Geschichtsschreibung ihrem Anspruch nach seit der Antike von anderen Formen der Vergegenwärtigung von Vergangenem – etwa in Romanen, Epen, Filmen – unterscheidet, ist der Anspruch, dass sich das von ihr entworfene Geschichtsbild stets an den Quellen messen lassen muss. Obwohl er also völlige Objektivität nie erreichen kann, muss sich der Historiker doch um eine möglichst weitgehende Loslösung von den eigenen Relevanzperspektiven und Identitätshorizonten bemühen. Diese Form des Umgangs mit Geschichte ist freilich – im Gegensatz zu Vergangenheitsbezug und Geschichtsbewusstsein als anthropologischen Konstanten – eine artifizielle, mühsam zu erlernende Fähigkeit. Wenngleich es also eine abschließende und dauerhaft gültige Geschichte aus den oben skizzierten Gründen niemals geben kann, kommt doch den Ergebnissen der historischen Forschung zumindest eine starke Wahrheitsähnlichkeit zu. Diese Art des Umgangs mit der Vergangenheit ist weitgehend ein auf antikem Erbe aufbauendes Spezifikum der westlichen Welt.
Folgt nun aus dem eben Gesagten nicht, dass die Geschichtswissenschaft eigentlich gar nicht „wissenschaftlich“ ist? Das hängt zunächst davon ab, wie man den angewandten Begriff der „Wissenschaft“ definiert. Unser heutiger Wissenschaftsbegriff ist stark durch einen naturwissenschaftlichen Objektivitätsbegriff geprägt, und in diesem Sinne erscheinen dann die Kulturwissenschaften in der Tat als „weiche“ Wissenschaften. Die Ursachen dafür liegen freilich nicht in irgendwelchen methodischen Unzulänglichkeiten, sondern in ihrem im Vergleich zu den Naturwissenschaften ungleich weiteren Fragehorizont. Auch die heutigen „harten“ Wissenschaften waren über den längsten Zeitraum ihrer Geschichte durchaus „weich“: Erst durch das Ausblenden all dessen, was seit Aristoteles als Metaphysik bezeichnet wird, d. h. durch eine Beschränkung der Fragestellung auf das objektiv Messbare, wurde die Physik zu einer „Wissenschaft“ im modernen Sinne. Dieser Weg stünde prinzipiell natürlich auch dem Historiker offen. Er müsste sich eben nur auf die Feststellung dessen beschränken, was unzweifelhaft gewesen ist. Nur Kausalzusammenhänge zwischen den Ereignissen herstellen, nach Motiven und Ursachen fragen – das dürfte er dann nicht, denn im Moment der Interpretation verlässt er notwendig den Bereich des objektiv Feststellbaren. Eine solche „harte“ Geschichtswissenschaft müsste sich also auf das Kompilieren chronologischer Listen beschränken. Würde der Physiker umgekehrt nicht nur feststellen, dass sich zwei Massen gegenseitig anziehen, sondern im Letzten erklären wollen, warum sie das tun, müsste er ebenso den Boden der Objektivität verlassen. Kurz gesagt: Die Kulturwissenschaften sind deshalb so „weich“, weil sie etwas leisten, was die Naturwissenschaften vor etwa 200 Jahren aufgegeben haben – nämlich Sinn zu stiften. Solchen aber kann der Mensch, sofern er ihm nicht aus dem Bereich der Transzendenz offenbart wird, stets nur als subjektive Konstruktion generieren. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass der Historiker Wertorientierung im Sinne eines Religionsersatzes anbieten kann. Sehr wohl aber wird man ihm die Entwicklung einer kohärenten, eben sinn-vollen Narration abverlangen, die über das Referieren isolierter Fakten hinausgeht. Dass Geschichte darüber hinaus in gewissem Sinne Orientierungswissen bereitstellt, hat mit dem Vergangenheitsbezug als einer anthropologischen Konstante zu tun. Die Geschichte stellt uns Daseins- und Entwicklungsmöglichkeiten vor, die für die Gegenwart bestätigend oder delegitimierend wirken können. Der Historiker muss diese Folgerungen nicht explizit ziehen, seine Leser werden seine Geschichte aber aus sich selbst heraus so als Orientierungsangebot annehmen. Vor allem aber bedeutet die Auseinandersetzung mit Geschichte immer auch eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Grundproblemen, z. B. Formen politischer Herrschaft, Systemen zwischenstaatlicher Ordnung, kulturellen Transfer- und Wandlungsprozessen, dem Verhältnis von Politik und Religion usw. In der Auffassung der der vormodernen Geschichtsschreibung war Geschichte daher die „Lehrmeisterin des Lebens (historia magistra vitae). Die disziplinäre Auffächerung im Laufe des 20. Jh. führte zu einer Trennung von Politologie, Soziologie und Geschichtswissenschaft, nicht zuletzt weil die letztere sich selbst nicht mehr länger als „Lehrmeisterin“ verstehen wollte, sondern sich darauf beschränken wollte, „zu zeigen, wie es eigentlich gewesen“ – um das berühmte Rankezitat anzuführen. Beides ist aber bedenklich: eine Geschichtswissenschaft ohne Blick für allgemeine Zusammenhänge ebenso wie eine Politik- und Gesellschaftswissenschaft ohne historische Perspektive.
Gute (und verständliche) Einführungen in die theoretischen Probleme der aktuellen Geschichtswissenschaft bieten
Lorenz, Chris: Konstruktion der Vergangenheit. Eine Einführung in die Geschichtstheorie (= Beiträge zur Geschichtskultur. 13), Köln 1997.
Hölscher, Lucian: Neue Annalistik. Umrisse einer Theorie der Geschichte (= Göttinger Gespräche zur Geschichtswissenschaft. 17), Göttingen 2003.
Speziell zur Alten Geschichte bzw. von dieser ausgehend:
Finley, Moses I.: Quellen und Modelle in der Alten Geschichte, Frankfurt a. M. 1987.
Ursprünglich englisch unter dem Titel „Ancient history“.
Veyne, Paul: Geschichtsschreibung – und was sie nicht ist, Frankfurt a. M. 1990.
Ursprünglich französisch unter dem Titel „Comment onécrit l’histoire“.
Morley, Neville: Theories, models and concepts in ancient history (= Approaching the ancient world), London/New York 2004.
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Als historiographiegeschichtliche Standardwerke sind für die deutschsprachige Forschung zu erwähnen:
Christ, Karl: Von Gibbon zu Rostovtzeff. Leben und Werk führender Althistoriker der Neuzeit, Darmstadt 1989 (3. erw. Aufl.).
Christ, Karl: Hellas. Griechische Geschichte und deutsche Geschichtswissenschaft, München 1999.
Christ, Karl: Römische Geschichte und deutsche Geschichtswissenschaft, München 1982.
Christ, Karl: Klios Wandlungen. Die deutsche Althistorie vom Neuhumanismus bis zur Gegenwart, München 2006.
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Allgemein auch:
Raphael, Lutz (Hg.): Klassiker der Geschichtswissenschaft 1. Von Edward Gibbon bis Marc Bloch, München 2006.
Raphael, Lutz (Hg.): Klassiker der Geschichtswissenschaft 2. Von Fernand Braudel bis Natalie Z. Davis, München 2006.
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Als Einführungen in die Historischen Anthropologie können dienen:
Winterling, Aloys: Historische Anthropologie (= Basistexte), Stuttgart 2006.
Van Dülmen, Richard: Historische Anthropologie. Entwicklung – Probleme – Aufgaben, Köln/Weimar/Wien 2001 (2. durchg. Aufl.).
Geographisch befasst sich die Alte Geschichte vorrangig mit den Kulturen des Mittelmeerraumes, bezieht aber auch Gebiete mit ein, die von diesen Kulturen beeinflusst wurden. Der Horizont des Althistorikers muss daher von Gibraltar und den britischen Inseln im Westen bis nach Afghanistan und Pakistan im Osten, von Friesland im Norden bis zum Jemen im Süden reichen. Dieser Rahmen wird abgesteckt durch das Vordringen Alexanders d. Gr. einerseits und den Expeditionsradius römischer Heere andererseits. Offensichtlich definiert sich das Fach also vorrangig über die Beschäftigung mit der griechisch-römischen Antike. Die Frage, inwieweit die Geschichte der indigenen Kulturen in dem skizzierten geographischen Bereich ebenfalls Gegenstand der Alten Geschichte ist, muss heute aus praktischen Gründen eher verneint werden, obwohl ein möglichst umfassender Zugriff natürlich wünschenswert wäre. Tatsächlich gab es noch im 19. Jh. Forscher, die eine universale Geschichte der antiken Welt zu schreiben versuchten. In der Folgezeit bildete sich aber ein ganzer Kanon von Spezialdisziplinen heraus, etwa Ägyptologie, Judaistik, Assyriologie, Iranistik usw. Diese Spezialisierung ist einerseits beklagenswert, weil z. B. ein wirkliches Verstehen der politischen Struktur „Römisches Reich“ die Interaktion zwischen griechisch-römischer „Hochkultur“ und indigenem Substrat nicht ausblenden kann, andererseits aber arbeitspraktisch gut begründet: Jede Disziplin behandelt ein spezifisches Quellenmaterial, das in der Regel auch besondere Sprachkenntnisse erfordert. Die Alte Geschichte, die ursprünglich sehr eng mit der Klassischen Philologie verbunden war, macht vor allem die aus der Antike überlieferten griechischen und lateinischen Texte zu ihrer Erkenntnisgrundlage. Von daher ergibt sich der Fokus auf der griechisch-römischen Kultur ganz automatisch.
Chronologisch ist die Ein- und Abgrenzung der Alten Geschichte wesentlich schwieriger. Lässt man auch die Kulturen des Vorderen Orients aus den eben genannten Gründen einmal außen vor, bleibt die Frage, ob die minoisch-mykenische Kultur in den Bereich der Alten Geschichte fallen oder einer eigenen Disziplin Mykenologie überlassen werden soll. Mit der mykenischen Palastkultur fassen wir in der 2. Hälfte des 2. Jt. v. Chr. die erste europäische Hochkultur. Gleichzeitig besitzen wir aus dieser Zeit die ersten Zeugnisse von Schriftlichkeit in Europa. Wenn man Schriftlichkeit als entscheidendes Abgrenzungskriterium zur Vor- und Frühgeschichte akzeptiert und berücksichtigt, dass die Angehörigen der mykenischen Kultur bereits ein frühe Form des Griechischen sprachen, muss dieser Kulturkreis doch als integraler Bestandteil der Alten Geschichte angesehen werden, auch wenn die homerischen Epen heute nicht mehr vorrangig als Reflex von Erinnerungen an die mykenische Epoche interpretiert werden. Wendet man ähnliche Kriterien auf andere Kulturräume an, ergibt sich das paradoxe Phänomen, dass die Alte Geschichte nicht überall zur selben Zeit beginnt: Während wir die Anfänge der griechischen Geschichte also um 1500 v. Chr. ansetzen können, beginnt die historisch helle Zeit in Italien erst später. Die Gebiete Spaniens, Galliens, Germaniens usw. treten erst im Laufe der römischen Expansion in den Gesichtskreis der Alten Geschichte. Da die indigenen Kulturen in diesen Gebieten keine oder nur geringe schriftliche Zeugnisse hinterlassen haben, werden sie von der archäologisch orientierten Vor- und Frühgeschichte erforscht. Damit soll keineswegs das Vorurteil der älteren Forschung wieder aufgenommen werden, wonach schriftlose Kulturen keine Geschichte bzw. kein Geschichtsbewusstsein hätten. Auch mündliche Überlieferung kann Erinnerung über längere Zeiträume bewahren, und Schriftlichkeit führt nicht automatisch zu (früher oft a priori als im Vergleich zur oralen Tradition als „zuverlässig“ eingeschätzten) Geschichtsschreibung – das zeigt schon das Beispiel der ägyptischen Hochkultur. Dennoch: Eine andere Quellenlage erfordert eine andere Methodik, die sich in einem eigenen Fach institutionell ausprägt.
Das „Ende der Antike“ schließlich ist nicht weniger problematisch – sowohl als Konzept als auch, was den zeitlichen Ansatz angeht. Dass die Antike überhaupt „endete“ und einem (vermeintlich) „dunklen Mittelalter“ wich, ist – wie schon die Bezeichnung „Mittel-alter“ zeigt – eine Erfindung der Renaissance. Tatsächlich glaubten sich die Menschen des Mittelalters stets in einer lebendigen Kontinuität mit der Antike verbunden. Daher kommt es, dass das Kaisertum des Mittelalters letztlich an Rom gebunden blieb, und dass es damals niemals einen „deutschen“, wohl aber einen „römischen“ König gegeben hat. Die germanischen Staaten der Völkerwanderungszeit begriffen und legitimierten sich im Bezug auf das übergeordnete römische Kaisertum in Konstantinopel. Das hatte nicht unbedingt große politische Konsequenzen, zeigt aber, dass niemand die römische Antike für tote Vergangenheit hielt. Für den Bereich des Oströmisch-Byzantinischen Reiches schließlich ist die Problematik des Mittelalterbegriffes angesichts der andauernden staatlichen Kontinuität besonders evident. Trotzdem: Schon zur Verständigung braucht der Historiker Epochenabgrenzungen und niemand wird bestreiten, dass die Gesellschaft des Frühmittelalters doch qualitativ etwas ganz anderes darstellte als diejenige der Spätantike. Wenn also auch ein plötzlicher Bruch nicht einfach nachzuweisen ist, kann doch der kontinuierliche Wandel nicht übersehen werden. Die Festlegung auf ein bestimmtes Datum ist demgegenüber reine Konvention: Vorgeschlagen wurden die Plünderung Roms durch die Westgoten (410 n. Chr.), die Absetzung des letzten weströmischen Kaisers Romulus Augustulus (476 n. Chr.) und der Tod Justinians I. (525 n. Chr.), aber auch die Eroberung Jerusalems durch islamische Truppen (638 n. Chr.). Die letztgenannten Daten haben einiges für sich, denn sie markieren das Scheitern des letzten Versuches einer Wiederherstellung des Römischen Reiches auch im Westen des Mittelmeerraumes einerseits und das Auftreten des Islam als neuen politisch-kulturellen Faktors andererseits. Beide Entwicklungen führten in Verbindung mit der Germanisierung Westeuropas zu einer Fragmentierung der alten Kultureinheit des Mittelmeerraumes, die sich bis heute in sprachlichen und religiösen Grenzen manifestiert.
Jede Wissenschaft muss sich die Frage nach ihrer Relevanz gefallen lassen. Für die Natur- oder Wirtschaftswissenschaften ist sie einfach zu beantworten, denn mit ihren Ergebnissen lässt sich Geld verdienen, was man von der Alten Geschichte und den Geisteswissenschaften insgesamt zugegebenermaßen nicht behaupten kann. Dieses „Geld verdienen“ setzt heute in einer hochdifferenzierten arbeitsteiligen Wirtschaft freilich eine funktionierende gesellschaftliche und politische Ordnung voraus. Derartige Ordnungen aber sind nicht selbstverständlich. Ein Verständnis des Menschen als Individuum und der Formen seiner Vergemeinschaftung tut daher not. Diesem Gegenstand aber widmen sich in besonderem Maße die Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften.
Der Vergangenheitsbezug ist ohnehin eine anthropologische Konstante: Jede Gemeinschaft – Familien, Vereine, Religionen, Stämme, Staaten – gewinnt ihre Identität und ihre Distinktion von anderen Gruppen durch gemeinsame Vorstellungen von der eigenen Vergangenheit, die man als soziales (Aby Warburg), kollektives (Maurice Halbwachs) oder kulturelles (Jan und Aleida Assmann) Gedächtnis zu bezeichnen pflegt. Eine geschichtslose Gesellschaft kann es also nicht geben – bestenfalls eine, die ohne Geschichtswissenschaft auskommt. Das kollektive Gedächtnis einer Gruppe ist grundsätzlich gegenwartsbezogen, erinnert also Vergangenes nicht um seiner selbst willen. Man spricht hier vom Funktionsgedächtnis. Dem Historiker kommt in diesem Zusammenhang eine zweifache Funktion zu: (1) Er sorgt als Vermittler für die kontinuierliche Tradierung dieses identitätsrelevanten Wissensbestandes, z. B. im Schulunterricht, in Ausstellungen, in den Medien usw. Aufgrund seiner Sach- und Methodenkompetenz wirkt er als normatives Korrektiv gegenüber Abweichungen im kollektiven Gedächtnis. Dem Historiker kommt also eine stabilisierende Funktion zu. (2) Andererseits hält er aber als eine Art ausgelagerter Speicher des kollektiven Gedächtnisses auch ein Wissen vor, dass zwar aktuell „bedeutungslos“ ist, unter veränderten Bedingungen aber für die Konstruktion einer neuen Identität erforderlich sein kann. Zudem stellt er immer wieder scheinbare Gewissheiten des kollektiven Gedächtnisses in Frage und fordert so zur verstärkten Selbstreflexion auf. So gesehen wirkt der Historiker nicht als bewahrende, sondern im Gegenteil als eine von der Tradition befreiende Kraft. Damit sind die beiden grundsätzlichen Möglichkeiten, „aus der Geschichte zu lernen“ angesprochen: Geschichte kann begründen („weil es schon immer so gewesen ist“, „warum es so geworden ist“) oder delegitimieren („aber früher war es anders“). Letztgenannter Wirkungsmechanismus tritt einem besonders eindrücklich in der Abfolge europäischer Renaissancen entgegen, die stets die Veränderung als Rückkehr (eben Re-form) zu einem als normativ postulierten, vermeintlich besseren Vorzustand begründeten. Der ständige Bezug auf die Antike wirkte also paradoxerweise in der europäischen Geschichte keineswegs konservierend, sondern beförderte im Gegenteil gerade den Wandel.
Die Alte Geschichte ist dabei von besonderem Interesse, weil sie hinsichtlich ihres Stoffes einen Balanceakt zwischen Identität und Alterität vollzieht: Einerseits befasst sich der Althistoriker mit Gesellschaftsformen und Mentalitäten, die entschieden nicht diejenigen unserer eigenen Zeit und Kultur sind. Andererseits untersucht er aber auch nicht völlig fremde Kulturen, die er – zumindest vermeintlich – als Außenstehender betrachten kann. Der Historiker sieht sich einer Vergangenheit gegenüber, die ihm zwar einerseits fremd erscheint, in der er sich aber doch gleichzeitig auch selbst erkennt, weil es eben seine eigene Vergangenheit ist, ohne die die von ihm erlebte Gegenwart anders aussähe. Denn in der Antike fallen die für die kulturellen Prägungen der sogenannten „westlichen Welt“, unser Verständnis vom Individuum und vom Staat bis heute verbindlichen Entscheidungen. Das Christentum, das ja ein Stück lebendige Antike darstellt, und eine Kette von Renaissancen haben „Europa“ und den „Westen“ aus dem Erbe Griechenlands und Roms geformt. Es ist daher kein Zufall, dass Klassische Philologie und Alte Geschichte überall dort betrieben werden, wo man sich dieser Kulturgemeinschaft zugehörig fühlt. Dass wir heute etwa überhaupt über das Konzept „Europa“ verfügen, verdanken wir einzig den geographisch-kulturphilosophischen Spekulationen der Griechen, denn eine objektive geologische Grundlage für diese Einteilung der Welt in Erdteile gibt es nicht. Erst die Kenntnis der Alten Geschichte befähigt uns also zur Erkenntnis der Spezifika unserer eigenen Kultur.
In der Erinnerung an die Fremdheit der eigenen Vergangenheit jedoch sieht sich der historisch denkende Mensch gleichzeitig zum Verstehen und zur Akzeptanz des Fremden an sich aufgerufen. Wer in die Geschichte blickt, stellt fest, dass menschliches Leben auf der Grundlage ganz anderer Werte und Normen funktionieren kann als derjenigen unserer eigenen Gesellschaft. Er lernt ein Arsenal an in der eigenen Gegenwart unverwirklichten Möglichkeiten kennen. Die große Gefahr, der die Geschichtswissenschaft nicht immer entgangen ist, liegt nun darin, chronologisch frühere Phänomene als im Rahmen einer auf „Fortschritt“ zielenden Entwicklung minderwertig abzutun. Schon Leopold v. Ranke verneinte freilich die hoffnungsfrohe Frage, ob es denn Fortschritt in der Geschichte gebe. Diesen kann nur feststellen, wer über einen außerhalb der Geschichte liegenden Maßstab verfügt. Ein solcher könnte aber nur aus der Religion bzw. philosophischen Metaphysik abgeleitet werden. Hinzu kommt die bittere Erkenntnis, dass die Menschen über die Jahrtausende nicht besser geworden sind, freilich auch nicht schlechter. Vor allem muss der Historiker einsehen, dass es in der geschichtlichen Entwicklung keine Quantensprünge geben kann, und dass demnach Lebensformen, die ihm als Kind seiner Zeit unerträglich scheinen, doch notwendige Voraussetzung für die Entwicklung der eigenen Kultur waren. Es gibt also viel zu lernen aus der Geschichte. Jedoch nicht in einem primitiv-oberflächlichen Sinne, denn wie wir gesehen haben gibt es „die“ Geschichte erstens nicht, und zweitens wiederholt sich die Vergangenheit nicht. Selbst wenn die Umstände einer bestimmten Situation in der Vergangenheit sich genau wiederholen würden, bliebe doch in jedem Moment die Willensfreiheit des Menschen als eigentlich historisch Handelndem, sich unter gleichen Bedingungen doch anders zu entscheiden. „Geschichte“ kennt daher keine zwangsläufigen Muster und kann nicht vorhergesagt werden. „Lernen“ heißt hier zunächst „kennen lernen“ und „in seiner Andersartigkeit verstehen lernen“. Neben dem Bewusstsein für das Eigene fördert die verantwortliche Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit also auch die Toleranz für das Fremde. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann also den Blick für die Möglichkeiten menschlichen Daseins weiten, das Bewusstsein für die historische Bedingtheit der eigenen kulturellen Prägungen schärfen und damit vor deren unkritischer Absolutsetzung bewahren.
Die Tatsache, dass die moderne europäisch-westliche Kultur aus einem ständigen Rückbezug auf die Antike hervorgegangen ist, hat eine bedeutsame Konsequenz für das Studium der Alten Geschichte: Im Gegensatz zu Mittelalterlicher und Neuerer Geschichte ist die Alte Geschichte nicht nationalisierbar, sondern in ihrer Gesamtheit gemeinsames Erbe aller westlich orientierten Gesellschaften. Während daher in den anderen Epochendisziplinen Forschung und Lehre in der Praxis vielfach auf die Geschichte des eigenen geographischen Raumes beschränkt sind, trifft das auf die Alte Geschichte keineswegs zu. Natürlich gibt es auch im Bereich der mittelalterlichen und neueren Geschichte Überschneidungsbereiche, in denen Geschichte wirklich international erforscht wird (z. B. Papst- und Kirchengeschichte, Geschichte der Kreuzzüge, Weltkriege usw.), die Regel ist es aber nicht: Ein englischer Mediävist wird sich eher den Rosenkriegen als dem „deutschen“ Investiturstreit zuwenden, einem französischen Historiker wird die innere Entwicklung Frankreichs im 19. Jh. wichtiger sein als die gleichzeitige Ausbildung eines deutschen Nationalstaats. In verschärfter Form gilt dies natürlich für die Regional- und Landesgeschichte. Die Vorlesungsverzeichnisse der Universitäten ebenso wie die Aufgabenstellungen in den Staatsprüfungen und die Lehrpläne der weiterführenden Schulen spiegeln diese Situation. Anders in der Alten Geschichte: Hier besteht prinzipiell kein unterschiedliches Erkenntnisinteresse zwischen einem Historiker in Australien und in Russland. Die Erforschung der Alten Welt ist eben gemeinsames Erbe, Gegenstand, Quellen und Methoden für alle gleich.
Das alles hört sich vielversprechend an und ist es auch, hat aber für den Studenten zwei unangenehme Konsequenzen: Zum einen erfordert die Alte Geschichte Kenntnisse eines großen und teilweise weit entfernten geographischen Raumes. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass bei vielen Studenten die Vorstellung von den Gebieten Osteuropas und vor allem des Nahen und Mittleren Ostens eine sehr vage ist. Ein wirkliches Gespür für die topographischen, ökologischen und klimatischen Bedingungen, unter denen sich die griechisch-römische Kulturwelt entwickelte kann man eigentlich ohnehin nur durch Reisen erwerben.
In der Studienpraxis noch problematischer sind aber die hohen Anforderungen an Sprachkenntnisse, welche die Alte Geschichte stellt. Die meisten Studenten denken hier zunächst an Latein und Griechisch, und das zu Recht, weil dies die Sprachen unserer wichtigsten Quellen sind. An alten Sprachen wären aber auch Hebräisch, Aramäisch, Ägyptisch und Punisch zu nennen – Sprachqualifikationen, die freilich auch bei kaum einem professionellen Althistoriker zu finden sind. Was aber oft übersehen wird, ist die aus der Internationalität des Faches folgende Notwendigkeit, Sekundärliteratur in vielen modernen Sprachen lesen zu müssen. Englisch sollte für einen Althistoriker nicht als Fremdsprache gelten, denn der quantitativ bedeutsamste Teil der Neupublikationen erscheint auch in seinem Fach in dieser Sprache. Ebenso unverzichtbar ist jedoch an sich auch ein Leseverständnis des Französischen und Italienischen; hinzu kommen in deutlich geringerem Maße Spanisch, Niederländisch, Russisch usw. Leider genügen selbst da, wo in der Schule Französisch gelernt wurde, die praktischen Fertigkeiten oft nicht zur Lektüre anspruchsvoller Sachtexte. Aus der Sicht der akademischen Forschung und Lehre rächt sich hier die Ausrichtung des Fremdsprachenunterrichts auf vermeintliche Praxistauglichkeit, d. h. der Vorrang aktiver Sprachkompetenz auf eher niedrigem Textniveau. Wer die genannten Sprachen aber nicht rezipieren kann, dem bleiben wichtige Teilbereiche der Alten Geschichte verschlossen. Ferner ist ihm die Nutzung hervorragender Hilfsmittel und Standarddarstellungen verwehrt.
Eine Beschränkung des Studiums der Alten Geschichte ausschließlich auf die deutsche Sekundärliteratur ist heute nicht mehr möglich. Sie sollten mindestens in der Lage sein, englische Texte flüssig zu lesen. Wenn Sie an der Schule Französisch gelernt haben, sollten Sie ebenfalls unbedingt versuchen, Ihre Lesefähigkeit zu trainieren. Das ist zunächst ein mühsames Unterfangen, das umso leichter fällt, je besser die lateinischen Wortschatzkenntnisse sind. Davon abgesehen gilt es, sich durchzubeißen. Wenn auch das erste Buch noch schwer fällt, so wird die Lektüre des zweiten schon wesentlich leichter sein.
Wer seine altsprachlichen Kenntnisse aufpolieren möchte, sollte sich die folgenden Angebote etwas näher ansehen:
Ancient Greek Tutorials: http://socrates.berkeley.edu/~ancgreek/ancient_greek_start.html.
Enthält Vokabel- und Grammatikübungen; ursprünglich auf Donald Mastronardes exzellente Introduction into Attic Greek abgestimmt.
TEXTKIT: http://www.textkit.com.
Lehrbücher, Grammatiken und Schulausgaben älteren Datums zum Download.
Einige ältere, aber immer noch hilfreiche Lexika sind mittlerweile im Rahmen von Zeno.org frei verfügbar:
Georges, Karl Ernst: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch, Hannover 1913/1918 - http://www.zeno.org/Georges-1913
Pape, Wilhelm: Handwörterbuch der griechischen Sprache. Griechisch-deutsches Handwörterbuch, Braunschweig 1880 (3. überarb. Aufl.) - http://www.zeno.org/Pape-1880
Für eingehendere philologische Untersuchungen sind die folgenden Standardlexika zu benutzen:
Liddel, Henry G./Scott, Robert/Jones, Henry S.: A Greek-English lexicon, Oxford 1940 (9. erg. Aufl.). [LSJ]
Im Rahmen des Perseus Project (http://www.perseus.tufts.edu) benutzbar. Ergänzend zum Hauptband ist ein Supplementband zu konsultieren (aktuellste Auflage von 1996).
Lampe, Geoffrey W. H.: A Patristic Greek lexicon, Oxford 1961.
Ergänzt LSJ, da dort das patristische Griechisch keine Berücksichtigung fand.
Adrados, Francisco R.: Diccionario Griego-Español, Madrid 1980-. [DGE]
Erschienen sind bisher die Bände I-VI (derzeit letztes Lemma ἐκπελεκάω), der erste Band bereits in einer zweiten, überarbeiteten und erweiterten, Auflage. Wird zukünftig LSJ als philologisches Standardlexikon ablösen, zumal auch das mykenische und patristische Griechisch Berücksichtigung finden.
Lewis, Charlton T./Short, Charles: A Latin dictionary, Oxford 1879. [L&S]
Im Rahmen des Perseus Project (http://www.perseus.tufts.edu) benutzbar.
Glare, Peter G. W.: Oxford Latin dictionary, Oxford 1996 (korr. Aufl.). [OLD]
Ersetzt für vorklassische und klassische Autoren, nicht aber für die nachklassische Literatur L&S, denn nach 200 n. Chr. entstandene Werke werden im OLD nur in Ausnahmefällen berücksichtigt.
Vollständiger erschließt das philologische Instrumentarium das vorzügliche Hilfsbuch für Studierende der griechischen und lateinischen Philologie unter http://www.hilfsbuch.de.