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Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben (SBS) / Die Erhebung


 


Das Untersuchungsgebiet

Bei der Planung des Untersuchungsgebiets des SBS im Jahr 1982 waren der VALTS ( Vorarlberger Sprachatlas) und der SSA (Südwestdeutscher Sprachatlas) schon in Arbeit und es war damals nicht abzusehen, daß weitere Nachbaratlanten in Mittelfranken und Oberbayern entstehen würden.
Deshalb wurde im Süden und im Westen an die Untersuchungsgebiete des VALTS und des SSA angeschlossen. Im Süden wurde das bayerische Allgäu abgeschnitten, weil es südlich von Kempten bereits im VALTS mitbehandelt wird (zu den Sprachverhältnissen im Allgäu und in Augsburg s. auch Die Allgäuer Dialektseite und die Augsburger Dialektseite unseres Mitarbeiters Manfred Renn).
Im Norden und Osten gab die maximale Ausdehnung Bayerisch-Schwabens den Rahmen vor, so daß ein kleiner Teil Mittelfrankens und ein Teil Oberbayerns mit einbezogen wurde. Die Ausdehnung nach Osten hatte den Vorteil, daß so das Übergangsgebiet vom Schwäbischen zum Bairischen mit eingeschlossen wurde. Ein Untersuchungsgebiet, das sich an den politischen Grenzen orientiert hätte, hätte diese Sprachregion auseinandergerissen. Für den Benutzer ist es wesentlich angenehmer, ein solches Übergangsgebiet in einem einzigen Atlas vor sich zu haben und nicht jedesmal zwei solche in der Regel recht unhandliche Werke konsultieren zu müssen.

Es wurde also ein Untersuchungsgebiet mit folgenden Eigenschaften abgesteckt:

Größe: ca. 11315 km²
Nordsüderstreckung: ca. 150 km
Westosterstreckung: ca. 90 km

Einwohner (1987): 1,568 Millionen

Selbständige Gemeinden 1970: ca. 1135
Selbständige Gemeinden 1985: ca. 370

Von den 1135 Altgemeinden des Untersuchungsgebiets vor der Gebietsreform von 1972 erscheinen 272 als Aufnahmepunkte (23,9%) in unserem Atlas. Bei der Benennung der Ortspunkte ist dabei nicht die heutige politische Gemeinde maßgebend, sondern der Name der Altgemeinde (vor der Gebietsreform), auch wenn das Dorf heute nur mehr ein Ortsteil einer größeren Gemeinde ist.
Städte wurden ebenfalls ins Ortsnetz aufgenommen, da neben dem Einfluß Augsburgs auf das Umland auch eine mögliche sprachliche Sonderstellung der kleineren Landstädte aufgezeigt werden sollte.


Die Explorator(inn)en


Mit dem Auto unterwegs
Illustration: Lucia Buser-Mayer, Ulm

Die Explorator(inn)en sind für ein Sprachatlasprojekt von besonders großer Bedeutung, denn ein Sprachatlas kann immer nur so gut sein wie das Material, auf dem er beruht. In der Interviewsituation sind sie die Partner der Gewährsperson, und ihre Leistung, die Informanten über die bis zu fünf Tage dauernde Aufnahmezeit hinweg als Mitarbeiter zu halten, darf nicht unterschätzt werden.

Für den SBS waren ab 1984 drei sprachwissenschaftlich ausgebildete Explorator(inn)en unterwegs, und zwar Manfred Renn, Edith Funk und Brigitte Schwarz. Sie waren jeweils für eine Reihe von Orten zuständig, die in einem geschlossenen Gebiet liegen. So kann auf den Karten nachvollzogen werden, ob eine vermeintliche Sprachgrenze den tatsächlichen Gegebenheiten entspricht oder ob vielleicht nur bestimmte explorator(inn)enspezifische Schreibgewohnheiten vorliegen.


Die Gewährspersonen

An jedem Ort wurden - meist mit Hilfe des Bürgermeisters - ca. drei Gewährspersonen ausgewählt, die bereit waren, eine Woche lang die Fragen der Explorator(inn)en zu beantworten.
Als Gewährspersonen kamen nur "Einheimische" in Frage, d. h. daß sie den größten Teil ihres Lebens an dem Ort verbracht haben mußten, über dessen Sprache sie Auskunft geben sollten, und daß auch ihre Eltern und am besten auch noch ihre Großeltern aus dem Ort stammen sollten.
Diese Kriterien erfüllten in der Regel nur Personen, die in der Landwirtschaft tätig waren. Nur wenige Informanten waren Angehörige des alten Handwerks.
Da es der SBS sich zum Ziel gesetzt hat, den ältesten noch zu erreichenden Sprachstand aufzuzeichnen, versteht es sich von selbst, daß die Dialektsprecher zudem möglichst alt sein sollten (Durchschnittsalter 72 Jahre).
Insgesamt wurden 952 Gewährspersonen befragt.


Die Befragung

Die Befragung der Gewährspersonen konnte jeweils nur in den Winterhalbjahren stattfinden, da die meisten Informanten in der Landwirtschaft tätig waren und somit im Sommer keine Zeit aufbringen konnten. Insgesamt fünf Winterhalbjahre verbrachten die Explorator(inn)en des SBS damit, die Dialekte von 272 Orten in Bayerisch-Schwaben mit Hilfe eines Fragebuchs aufzuzeichnen, wobei eine vollständige Aufnahme an einem Befragungsort durchschnittlich fünf Tage in Anspruch nahm.
Das beim SBS verwendete Fragebuch lehnt sich inhaltlich eng an die Fragebücher an, mit denen beim Sprachatlas der Deutschen Schweiz (SDS), beim Vorarlberger Sprachatlas (VALTS) und beim Südwestdeutschen Sprachatlas (SSA) erhoben wurde. Das war notwendig, um die spätere Vergleichbarkeit des in diesen Atlaswerken gebotenen Materials zu sichern. Grundlage für die Bearbeitung und formales Vorbild bildete das Fragebuch des SSA, das in einem relativ aufwendigen Verfahren an die Verhältnisse in Bayerisch-Schwaben angeglichen wurde. Unser Fragebuch enthält insgesamt 2237 einzelne Fragen zu Lautung, Grammatik und Wortschatz (Beispiel einer Fragebuchseite). Es ist nach Sachgebieten, die den gesamten ländlichen Lebenskreis umfassen sollen, gegliedert. Themenbereiche sind z. B. "Das Vieh und seine Pflege", "Heuernte", "Wagen, Karren", "Mosterei", "Haus", "Der Mensch" oder "Freilebende Tiere" (Kleiner Auszug aus dem Fragebuch).
Die Antworten der Gewährspersonen wurden von den Explorator(inn)en jeweils direkt in das Fragebuch notiert. Da die Buchstaben des Alphabets nicht ausreichen, um die feinen lautlichen Unterschiede festhalten zu können, transkribierten die Explorator(inn)en die Antworten mit der Lautschrift Teuthonista. Dieses Schreibsystem ist durch die Verwendung von Normalbuchstaben und sogenannten diakritischen Zeichen (Punkte, Haken, Striche) so flexibel, daß durch diese Kombinationsmöglichkeiten unzählige Laute dargestellt werden können (s. dazu auch Die Datenerfassung ).

Die Bandaufnahme
Illustration: Lucia Buser-Mayer, Ulm
  Eine Befragungssequenz wurde jeweils auf Tonkassettenaufgenommen.
Diese Mitschnitte dienen vor allem der späteren Kontrolle lautlicher Phänomene.

Als Fragehilfe und zur Klärung bei komplizierten Sachfragen dient das Bilderbuch.
Um sachliche Unterschiede festzuhalten, wurden Fotos oder kleine Skizzen gemacht.


Als Ergebnis der Befragung liegen vor:
  • ca. 70 000 lautschriftlich beschriebene Seiten Papier
  • ca. 400 Stunden Tonaufnahmen
  • kleines Bildarchiv (ca. 1000 Fotos)