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Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben (SBS) / Zeitungsbericht 1999


Magdi Aboul-Kheir

Seit 15 Jahren wird am Sprachatlas Bayerisch-Schwaben gearbeitet

Von hundert Arten, "e" zu sagen

Sechs von zwölf Bänden sind erschienen - Elf Zentner Fragebögen zum Auswerten

Seit 1984 entsteht an der Universität Augsburg der "Sprachatlas Bayerisch-Schwaben". In insgesamt zwölf Bänden sollen darin einmal alle Dialekte des Bezirks detailliert erfaßt und in Karten erläutert erscheinen. Dafür werden elf Zentner Fragebögen ausgewertet.

In einem Straßenatlas sind Landschaften und Straßenverläufe dargestellt. Doch was ist ein "Sprachatlas"? Auch dabei handelt es sich um eine Landschaftskarte, so erklärt die Linguistin Dr. Edith Funk, "und darauf ist eingetragen, wie man wo zu was sagt."
Ein solcher wissenschaftlicher Dialektführer entsteht seit 15 Jahren an der Universität Augsburg. Bis zum Jahr 2003 soll in zwölf Bänden fundiert und detailliert erläutert werden, wie zwischen Iller und Lech, zwischen Unterfranken und dem Allgäu gesprochen wird - und wurde. Denn die ursprünglichen Ortsdialekte geraten immer mehr in Vergessenheit.
Deswegen wird der Atlas wohl auch ein "Sprachmuseum", bemerkt Edith Funk. Sie gehört seit den ersten Projekttagen zum Augsburger Forscherteam und freut sich, daß mittlerweile sechs Bände vorliegen. Finanziert wird das gewaltige Unternehmen vom bayerischen Kultusministerium, vom Bezirk Schwaben, der Universität Augsburg, der Deutschen Forschungsgesellschaft und privaten Sponsoren.

Wie früher geredet wurde

1984 begann die "Materialschlacht", wie Edith Funk es ausdrückt. Fünf Jahre lang war sie mit ihren Kollegen, einen Stoß Fragebögen im Gepäck, von Dorf zu Dorf gezogen. 272 Ortschaften wurden ausgewählt, um auch kleinste lokale Varianten zu erfassen.
Die jeweiligen Bürgermeister suchten drei Bewohner aus, die mindestens in der zweiten Generation im Ort wohnten. Die "Probanden" sollten nach Möglichkeit von einem Bauernhof stammen, eine Frau sollte auch immer dabei sein. Die Dialektforscher waren auf der Suche "nach dem ältesten noch erreichbaren Sprachzustand" - im Durchschnitt waren die freiwilligen Helfer 72 Jahre alt.
Auf Hunderten von Seiten wurden Aussprache, Wortschatz und Grammatik erhoben. Anhand eines ausgeklügelten Fragebuchs arbeiteten sich die "Feldforscher" durch die unterschiedlichsten Themen des täglichen Lebens: die Arbeit auf dem Land, Essen und Trinken, der menschliche Körper. Dabei kam es vor allem auf eines an: auf genaues Zuhören. Denn mittels eines ausgeklügelten Systems, einer ausgefeilten Lautschrift voller Kringel, Häkchen, Pünktchen und Strichen, galt es, auch minimale Aussprache-Unterschiede zu erfassen.
A, E, I, O, U - fünf Vokale, dazu drei Umlaute, da kann es eigentlich nicht so viele Varianten geben, könnte der Laie meinen. Aber schaut man den Leuten genauer auf die "Gosch", erkennt man erst, wie unterschiedlich Sprache klingen kann.

Tausend Vokal-Klänge

"Allein von verschiedenen e-Lauten gab es Hunderte zu erfassen", erklärt Edith Funk. Wird der Vokal offen oder geschlossen ausgesprochen, ist er lang, mittellang oder kurz, wie weit wird der Mund geöffnet, wird nasaliert? Unzählige Kombinationen gibt es im Schwäbischen (und nicht nur da), über Tausend verschiedene Vokal-Klänge.
Und das sind erst die Selbstlaute, von Mitlauten ganz zu schweigen. Eine ganze Woche brauchten die Sprachsammler pro Ort, bis sie ihre differenzierten Listen ausgefüllt hatten. Insgesamt kamen so in fünf Jahren elf Zentner Papier zusammen - fünf Metallschränke voller Informationen, die von Computern ausgewertet werden.
Mit der Aussprache allein ist es noch nicht getan. Auch der Wortschatz will für einen Sprachatlas erfaßt werden. Denn die Dialekte sind voll von prägnanten, oft einzigartigen Begriffen. Auch eine so versierte Linguistin wie Edith Funk stieß in ihren Feldforschungsjahren immer wieder auf neue Vokabeln: bei Marktoberdorf heißt der Knöchel "Knotn", im Bayerischen wird ein Kater "Leal" genannt.
Daß ein Erdapfel eine Kartoffel ist, ist bekannt. Aber andernorts wird eben die Grundbirne, Bumser oder Bumber geschält und gekocht. Und der Trauzeuge hört je nach Gegend auf die Bezeichnung Ehrenvater, Gspiel, Beiständer, Nächster oder Hochzeitsmagd.

Als, wie oder wo?

Auch grammatikalische Besonderheiten wurden von Funk und Kollegen verfaßt, vor allem die Bedeutungen: Auch bei den Verb-Endungen gibt es unzählige Varianten. Und: Heißt es als / wie / wo / beu ich noch klein war?
Nach allen Regeln der Sprach-Kunst werden diese Ergebnisse nun in Karten übertragen. Ein bayerisches Basis-Nachschlagewerk soll dabei entstehen, denn auch in den anderen Landesteilen wird entsprechende Grundlageforschung betrieben. Anhand der Atlanten können später historische, volkskundliche und soziologische Studien betrieben werden.
Woher kommen Sprachgrenzen, welche Siedlungsbewegungen sind dafür verantwortlich, wie bedeutend sind konfessionelle Unterschiede, warum stellen manchmal sogar Flüsse Dialektbarrieren dar? Fragen über Fragen, die für Edith Funk das Faszinierende ihrer Tätigkeit ausmachen. Das "Wissen, wie Sprache funktioniert", reizt sie, "und damit auch Wissen, wie Menschen sind". In vier Jahren soll das Projekt abgeschlossen werden. "Zwar sterben die Ortsdialekte nicht aus", glaubt Funk, "aber die Unterschiede werden großräumiger".

Nullsprache tötet Nuancen

Kinder besuchen Schulen in Nachbarorten, geheiratet wird nicht mehr nur innerhalb derselben Straße, und überall bringt das Fernsehen seine gleichmachende Nullsprache in die Stuben. Das sind ein paar Gründe, warum Sprachnuancen heute weggewischt werden - und damit auch Sprachreichtum.
Doch in anderen Gegenden ist die Situation noch ernster. Daher beschränkt sich Edith Funk nicht auf das Schwäbische und zieht in ihrer Freizeit mit ihren Fragebögen durch Südtirol: "Denn da sterben die alten Dialekte wirklich aus."

"Süddeutsche Heimat" vom 31.07.1999