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Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben (SBS) / Zeitungsbericht 1996


Ein "Sprachmuseum" besonderer Art

Der Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben - Forschungen der Uni Augsburg

Den Wurzeln des Dialektes in Schwaben ist ein Forschungsteam der Universität Augsburg seit zehn Jahren auf der Spur. Jetzt erscheinen die ersten Bände des "Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben". Die Sprachforscher fanden im Bezirk Schwaben des Freistaats Bayern beste Erhebungsbedingungen vor: Zwei Großdialekte, das Alemannisch-Schwäbische und das Bayrische, prallen hier aufeinander, aber auch der fränkische Einfluß auf die Mundart ist nicht zu überhören. Und wenn der Allgäuer vom "Fehl" anstelle vom "Mädchen" spricht, ist das auf römisches Spracherbe "filia" zurückzuführen. Genauso haben im eingeschwäbelten "Trottoir" oder "Parapluie" die Franzosen ihre Spuren hinterlassen.
Solche "Wort-Stammbäume" des schwäbischen Dialekts erforschen die Wissenschhaftler um Werner König, Professor für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Augsburg. Innerhalb von fünf Jahren wurden in 276 Orten ältere Bürger nach ihrem Dialekt befragt und die Ergebnisse auf Sprachkarten erfaßt. Sechs Bände des "Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben" sind in Bearbeitung und erscheinen jetzt in loser Folge, sieben weitere sind für die kommenden Jahre geplant. Neben der wissenschhaftlichen Ausgabe mit mehr als 1200 Sprachkarten will König auch einen populäre Fassung herausbringen: "Schließlich ist es doch auch für Laien interessant, wie in ihrer Heimat gesprochen wird."
Vorgänger der verschiedenen deutschsprachigen Sprachatlanten war das 1876 von Georg Wenker begründete Werk für das Deutsche Reich. Dokumentiert wurde darin freilich nur ein Bruchteil der geographischen Besonderheiten der deutschen Sprache. An die Detailarbeit machten sich die Forscher beim Schweizerdeutschen Atlas ab 1936, bei Südwestdeutschen Sprachatlas ab 1975 und beim Vorarlberger Sprachatlas ab 1965. Gefördert und finanziert wird das "Sprachmuseum" an der Universität Augsburg, wie König das Ergebnis seiner Arbeit nennt, vom Bezirk Schwaben des Freistaates Bayern, dem Kultusministerium des Landes Baden-Württemberg, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Spenden aus der Wirtschaft.

Der Sprachkatalog berücksichtigt vor allem Wörter aus dem ländlichen und bäuerlichen Leben, nicht jedoch aus der industriellen Welt. Deshalb wurden nur 60- bis 80jährige befragt, deren Familien zumindest schon in der zweiten Generation in ihrem Heimatort ansässig waren. "Nur so konnten wir den Dialekt erheben, der dort noch vor 50, 60 Jahren lebendig war", erläuterte König. Doch was der Sprachatlas für Bayerisch-Schwaben festhält, ist nicht nur als Zeugnis für die Sprachentwicklung des vergangenen Jahrhunderts interessant. "die Dialekte waren schon im Spätmittelalter ausgebildet", erläutert König, "was wir erforschen, hatte also schon lange vorher seinen Ursprung."

"Rhein-Neckar-Zeitung" vom 02.01.1996