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Die Griffelglossierung in Freisinger Handschriften des frühen 9. Jahrhunderts


Projektstart: 01.05.2006
Projektträger: Universität Augsburg
Projektverantwortung vor Ort: Dr. O. Ernst

Zusammenfassung

Die Studie erschien im Juni 2007 als Bd. 29 der Reihe Germanistische Bibliothek (Hrsg. v. Rolf Bergmann und Claudine Moulin) beim Winter-Verlag (Heidelberg). Griffelglossen sind ohne Tinte in das Pergament eingeritzte lateinische oder volkssprachige Erläuterungen, die oft zwischen die Zeilen als Übersetzungshilfen zu schwierigen Textwörtern in lateinische Handschriften eingetragen wurden. Die Forschung hat solche Einträge lange Zeit nicht wahrgenommen – nicht zuletzt deshalb, weil sie meist nur unter bestimmten günstigen Lichtbedingungen sichtbar werden und ihre Entzifferung nicht immer ganz einfach ist. Volkssprachige Griffelglossen gehören dabei zur ältesten Überlieferung des Deutschen: die frühesten deutschen Wortbelege sind als Griffelglossen in zwei Handschriften überliefert, von denen eine in der UB Augsburg aufbewahrt wird. Und noch eine weitere Eigenart macht Griffelglossen besonders interessant: Im Gegensatz zu Glosseneinträgen mit Feder, die oftmals immer wieder beim Abschreiben der Handschriften mitkopiert wurden, handelt es sich bei Griffelglossen in der Regel um originale Eintragungen und damit um originale sprachliche Äußerungen, die daher einen von der Überlieferung weitgehend noch unverstellten Blick auf die Sprachwirklichkeit in der Frühzeit der Verschriftlichung des Deutschen bieten. Gegenstand dieser Studie zur frühen volkssprachlichen Überlieferung des Deutschen sind die Griffelglossen von vier in Freising entstandenen und glossierten Handschrif­ten der BSB München (Clm 6220, Clm 6263, Clm 6272, Clm 6277), die auf der Basis eingehender Autopsien ediert und kommentiert werden. Die sprachliche Analyse basiert dabei auf einem ganzheitlich-funktionalen Zugriff auf das Wortmaterial, zu dem eine handschriftennahe Edition genauso gehört wie die systematische Unter­scheidung verschiedener Glossierungsschichten und die Behandlung lateinischer Einträge. Die auf die Editionen jeder Handschrift folgenden Analysekapitel verfolgen darüber hinaus das Ziel, die Glossierungen auch hinsicht­lich funktionaler und kulturhistorischer Aspekte in ihrer jeweiligen historischen Eintragungssituation zu fassen. Das Phänomen der volkssprachlichen Glossierung lateinischer Texte mit dem Griffel (also ohne Tinte) führt an die Ursprünge der schriftlichen Überlieferung des Deutschen, wo mit Freising ein Ort produktiver Glossierungstätigkeit der Frühzeit des Althochdeutschen in den Blickwinkel der Betrachtung rückt. Die Arbeit stellt sowohl einen Beitrag zu einer Erforschung des frühesten tatsächlich überlieferten althochdeutschen Sprachgutes dar als auch eine Fortführung der 1996 vorgelegten Studie zur Freisinger Griffelglossierung des 8. Jh. von Elvira Glaser (Zürich). Sie steht somit methodisch wie inhaltlich im Rahmen einer strikt überlieferungsorientierten Erforschung des Althochdeutschen, deren Fernziel die Ermittlung und Untersuchung aller aus dem 8. und 9. Jh. stammenden Glossierungen ist.