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Pragmatik der Negation


Projektstart: 01.04.2007
Projektträger: Universität Augsburg
Projektverantwortung vor Ort: Dr. J.-C. Freienstein

Zusammenfassung

Die sprachwissenschaftliche Forschung zur Negation gilt als äußerst umfangreich und kaum überschaubar, und Probleme der Negation zählen wohl zu Recht zu den besonders schwierigen Gegenständen unseres Faches. Im Gefolge des bis in die Philosophie der Antike zurückreichenden Interesses an der Negation sind elaborierte sprachbezogene Negationstheorien entstanden, zu denen morphologisch-syntaktische, logisch-semantische und handlungstheoretische Ansätze zählen. Gleichwohl steht eine empirisch fundierte Beschreibung der Negation aus, so dass bereits die Zusammenstellungen von ‚Negationsträgern‘, wie sie in den einschlägigen Grammatiken angeboten werden, erhebliche Abweichungen aufweisen. Das Projekt „Die Pragmatik der Negation“ zielt (1.) auf die möglichst vollständige Erfassung und systematisierende Beschreibung von Negationsvorkommen im Deutschen. Zu diesem Zweck wird – über die übliche Arbeit an Korpora geschriebener Sprache hinausgehend – ein Korpus gesprochen-sprachlicher Negation erstellt, annotiert und ausgewertet. Insbesondere das wenig berücksichtigte Zusammenspiel von sprachlichen, nonverbalen und paraverbalen Negierungshandlungen soll durch die Anlage des Korpus näher beleuchtet werden. Zudem soll (2.) ein Beitrag zur pragmatischen Theoriebildung geleistet werden. Die üblichen, durch philosophische Theorien angeregten Beschreibungen von Negationshandlungen gehen von der Handlungsabsicht des Sprechers aus. Weil Handlungsabsichten mit sprachlichen Fakten aber nur sehr schwer empirisch zu belegen sind, soll in Abgrenzung zur genannten Vorgehensweise eine auf die Rezipientenseite fokussierte Handlungstheorie der Negation entwickelt werden, die die messbaren Hörerreaktionen zum Ausgangspunkt der Analyse macht. Mit Hilfe des in der Pragmatik vernachlässigten sprechakttheoretischen Konzepts der Perlokution soll so das Programm einer empirisch adäquaten, an den sprachlichen Fakten orientierten ‚rezeptiven Pragmatik‘ vorangetrieben werden, deren Geltungsanspruch nicht nur auf den Bereich der Negation beschränkt ist. Die Arbeiten an dem Projekt befinden sich gegenwärtig in der Abschlussphase der Korpuserstellung. Das Korpus basiert den o. g. Forschungsabsichten entsprechend auf der Transkription von Video-Dokumenten über Kommunikationsvorgänge, die als besonders ‚negierungsanfällig‘ einzuschätzen sind (v. a. Diskussionssendungen des Fernsehens). Zugleich wurden bereits verschiedene Teilaspekte des Projekts intensiver bearbeitet. So wurde beispielsweise das Phänomen der alltagssprachlichen Mehrfachnegation unter regionaler wie diachroner Perspektive untersucht und die Tauglichkeit von aus der Logik stammenden Skalaritätsmodellen der Negation für die Sprachwissenschaft geprüft. Die Arbeiten zum Aspekt des para- und nonverbalen Verhaltens bei Negierungsvorgängen sind bereits aufgenommen worden, indem das literarisch transkribierte Video-Korpus in seinen Annotationen erweitert wurde.