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Dialektbewusstsein


Dringend gefragt: Mehr Selbstbewusstsein

Der schwierige Stand des Schwäbisch-Alemannischen in Bayern


Emanzipiert sich der Süden?

Seit langem herrscht im Süden des deutschen Sprachraumes ein starkes Unbehagen gegenüber der einseitig norddeutschen Ausrichtung der deutschen Hochsprache. Sowohl die von Siebs und Nachfolgern festgelegten Aussprachenormen als auch die von den bekannten Wörterbuchredaktionen akzeptierte Lexik-Auswahl waren immer tendenziell nordlastig. Dies hat im Laufe der Zeit, vor allem in Bayern, eine breite Bewegung von Vereinen und Einzelpersonen aktiviert, die sich als Förderer und Verteidiger der heimischen Sprachkultur sehen und sich im Kampf gegen eine sprachliche "Überfremdung" aus dem Norden, gegen eine "Verpreußung" engagieren. Sie können mit einer großen Zustimmung bei der Bevölkerung rechnen.
In den letzten Jahren gibt es auch von sprachwissenschaftlicher Seite Bemühungen, dieses regionale Ungleichgewicht in der Standardsprache auszugleichen. Man kann sich daher berechtigt Hoffnungen machen, dass diese Bemühungen langfristig Erfolge zeitigen werden. Hilfreich könnten dabei auch die zunehmende wirtschaftliche Prosperität und damit einhergehend das gestiegene politische Gewicht des Südens sein, stärken sie doch nicht unerheblich das allgemeine Selbstbewusstsein der Süddeutschen. Das einstige Unterlegenheitsgefühl ist bereits weitgehend überwunden oder hat sich gar schon ins Gegenteil verkehrt, letzteres vor allem in Bayern, wo sich inzwischen eine ostentative "mia-san-mia-Haltung" breit gemacht hat, die mitunter auf andere befremdlich wirkt.
Im Hinblick auf die Sprache kommt es jetzt darauf an, dass die Süddeutschen ihr neu gewonnenes Selbstbewusstsein auch in diesem Punkt umsetzen, indem sie beispielsweise die ihnen vertrauten Varianten der Hochsprache in Lautung, Wortschatz und Satzbau auch selbstbewusst gebrauchen. Das könnte beispielsweise dazu führen, dass die in Süddeutschland übliche stimmlose Realisierung von s in allen Positionen oder die g-Aussprache in der Endung -ig (z.B. in Wörtern wie König, wenig als standarddeutsche Varianten akzeptiert würden; ebenso könnte die Dativ-Rektion der Präpositionen wegen, während und statt schon sehr bald als gleichwertig mit der Genitiv-Konstruktion eingestuft werden, wie heute schon in der Schweiz und teilweise in Österreich, wo die Eigenstaatlichkeit schon seit langem regelhafte Abweichungen vom (bisher) nördlich geprägten Standarddeutschen ermöglicht hat.
Es ist aber fraglich, ob in einer Zeit, in der weitreichende Kommunikation, vernetzte Information und die Globalisierung aller Aktivitäten so bestimmend geworden sind, eine gegenüber den vielen regionalen Varianten tolerantere Hochsprache allein schon genügt, um die Menschen in ihrem Bedürfnis nach Vertrautheit, nach Verbundenheit mit ihrem Raum, nach unverwechselbarer Eigenart, nach Identität zufrieden zu stellen. Viele Menschen, vor allem im Süden des deutschen Sprachgebietes, werden wohl auch in Zukunft in ihrer engeren Umgebung den Dialekt oder eine dialektnahe Umgangssprache als Kommunikationsmedium bevorzugen und werden sich nur darin wohl fühlen. Die Pflege und Hochschätzung der bodenständigen Mundarten wird also auch weiterhin eine gesellschaftliche Aufgabe sein.
Wie aber ist es derzeit um die Dialekte bestellt, welche Zukunftsperspektiven haben sie? Diese Frage stellt sich speziell bei uns im bayerischen Schwaben.

Bayern und bairisch - eine unheilvolle Gleichsetzung

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hat das alte "Baiern" durch eine massive Einverleibung fremdstämmiger Territorien sein Staatsgebiet schlagartig verdoppelt. Dennoch hat sich dieses neue, zum Königreich aufgestiegene Staatsgebilde in der Folgezeit nie konsequent als das begriffen, was es ab diesem Zeitpunkt in Wirklichkeit war, nämlich eine Zusammenfügung von kulturell und sprachlich äußerst unterschiedlichen Gebieten mit je einer eigenen Geschichte und eigenen Traditionen; es hat sich vielmehr immer primär als ein stark vergrößertes Altbayern verstanden, in dem weiterhin alle Fäden in der alten Residenzstadt München zusammenliefen. Und so manifestierte sich dieses Staatsgebilde auch immer nach außen, was besonders in der Weiterführung des alten Namens deutlich wird; der Wechsel in der Schreibung von -ai zu -ay- war bekanntlich nur von der Hellenenbegeisterung des Monarchen motiviert und ist erst nachträglich zur Differenzierung der Bedeutung eingesetzt worden. Subsidiarität und Föderalismus wurden und werden zwar als hehre Prinzipien von München aus regelmäßig beschworen und werden heutzutage gegenüber Berlin und Brüssel auch mit Vehemenz eingefordert, ihre Umsetzung im Inneren ist jedoch nie sehr weit vorangekommen
Diese zentralistische Struktur findet sich auch in wichtigen staatsnahen Institutionen, etwa bei den öffentlich-rechtlichen Medien, die ganz stark nach München und damit nach Altbayern ausgerichtet sind. Man denkt dort zwar über weitere Programmangebote nach, für ein selbständiges Studio in Schwaben reicht das Geld aber nicht. In unregelmäßigen Abständen nimmt sich der (Gesamt-)Bayerische Rundfunk des Themas der aussterbenden Dialekte an, wobei er aber entsprechende freistaatsweit ausgestrahlte Sendungen etwa folgendermaßen betitelt: "Stirbt das Bayrische aus?" oder "Habe de Ehre – Bayrisch!" Welche (nicht hörbare) Schreibweise da auch immer für das Sprachadjektiv gedacht ist, diskriminierend sind solche Titel für die nicht-bairischen Bayern allemal. Denn es führt nun einmal kein Weg an der Tatsache vorbei, dass etwa die Hälfte der Einheimischen in Bayern von diesen Sendungen eigentlich gar nicht angesprochen ist. Es ist andererseits aber auch sicher nicht zu erwarten, dass die Programmgestalter im BR je auf die Idee kommen könnten, sich in einer ausführlichen landesweiten Sendung einmal ausnahmsweise mit dem Zustand des Fränkischen oder des Schwäbischen zu beschäftigen. In den Medien im Freistaat, und zwar nicht nur beim BR, genießt das Bairische in allen seinen Ebenen, vom echten Dialekt bis zur dialektal gefärbten Münchner Umgangssprache, eine absolut privilegierte Stellung, wohingegen die anderen in Bayern bodenständigen Dialekte und Regionalsprachen entweder ignoriert oder stillschweigend unter "bayrisch" subsumiert werden. So betitelt der BR seine Gute-Nacht-Geschichten für Kinder bezeichnenderweise Betthupferl, und lange Zeit präsentierte er diese auch noch alternativ in hochdeutsch oder bairisch, niemals jedoch in einer anderen in Bayern beheimateten Regionalsprache. Auf diese Weise muss ein Kind in Aschaffenburg, Coburg oder Lindau ja zu der Überzeugung gelangen, dass es zwei öffentlich akzeptierte Sprachformen gebe, nämlich Bairisch und Hochdeutsch, dass aber die Sprache seiner Eltern nicht medienwürdig und damit irgendwie minderwertig sei.
In der Kultur- und Medienmetropole München blüht die Produktion von Filmen und Fernsehserien mit lokalem oder regionalem Bezug. Es würde den hier gesetzten Rahmen deutlich sprengen, wollte man alle erfolgreichen Produkte dieser Art aus den letzten Jahrzehnten aufzählen, angefangen bei den liebenswerten Verfilmungen von G. Lohmeiers "Königlich Bayerischem Amtsgericht" über die vielen für den Massenkonsum bestimmten Krimi- und Fernsehserien ("Isar 12", "Polizeiinspektion 1", "Der Bulle von Tölz", "Die Rosenheim Cops"; "Kir Royal", "Monaco Franze", "Ein Bayer auf Rügen") bis zur seriösen Familiensaga "Die Löwengrube". Dem steht buchstäblich nichts aus Schwaben gegenüber. Wenn tatsächlich einmal eine Serie in Augsburg oder in den Allgäuer Bergen spielt, dann wird darin entweder hochdeutsch oder ebenfalls bairisch gesprochen. Denn in diesem Münchner Medien-Umfeld hat sich eine ganze Gemeinde von Schauspielern konzentriert, die sich mit ihrer volksnahen bairischen oder bairisch gefärbten Sprache in die Herzen der Zuschauer spielen konnten. Nicht von ungefähr verbinden Außenstehende mit dem "liebenswerten" Bayern auch immer das Bairische münchnerischer Prägung.
Das Bairische mit allen seinen Ebenen ist heute mit Sicherheit die am häufigsten in den Medien des deutschen Sprachraums vernehmbare regional geprägte Sprache, was ihm in der Folge auch ein ungewöhnlich hohes Prestige beschert hat. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn sich auf der Skala der Beliebtheit der deutschen Dialekte "das Bayerische" innerhalb der letzten Jahrzehnte mit deutlichem Abstand an die Spitze setzen konnte, was durch eine Allensbach-Umfrage eindrucksvoll bestätigt wurde.

Und wo bleibt das Schwäbische?

Die dominierende Stellung des Bairischen, ob als Dialekt oder als bairisch geprägte Hochsprache, übt auch in den nichtbairischen Landesteilen eine stark sprachnormierende Wirkung aus. Dies betrifft natürlich besonders den Wortschatz; so wird beispielsweise der medienübliche Fasching inzwischen überall in Bayern als standarddeutsch empfunden, während das grunddialektal mit Abstand am weitesten verbreitete Wort Fas(e)nacht ohne Grund ganz in die Ebene der Dialekte abgedrängt wurde. Betroffen ist auch die Wortbildung. Das Element ‑s in der 2. Person Plural (z.B. habt's ihr? geht's ihr?) hat inzwischen schon die Gestade des "Schwäbischen Meeres" voll erreicht, um Augsburg halten es die meisten Dialektsprecher bereits für bodenständig. Als besonders expansiv erweisen sich beispielsweise auch die bairischen Diminutivendungen -erl und -l und die schwache Flexionsendung auf -n bei weiblichen Substantiven wie "Wiese" oder "Stube". Dies ist kein Wunder, wenn man etwa zur Oktoberfestzeit in den Medien von der Früh bis auf die Nacht zum Gang auf d’ Wies’n animiert wird oder wenn im BR allabendlich Volksmusik unter dem Titel Åm Åmd in da Stubn geboten wird, selbst dann, wenn schwerpunktmäßig Lieder aus dem Allgäu die Sendung füllen dürfen. Mit den Wörtern bzw. Wortformen werden so auch bairische Lautungen nach Westen exportiert, wie a statt ä beim Sekundärumlaut (Radl, Wadl, Markl, Bandl, Standl, Fassl, Haferl, Packerl).
Weitgehend verbaiert scheint inzwischen auch das sogenannte Volkstheater in Bayerisch-Schwaben. Vielerorts, wo geprobt wird, quälen sich die Laiendarsteller mit der schier unlösbaren Aufgabe herum, den oberbayerischen Dialekt, in dem offensichtlich diese Stücke überwiegend geschrieben sind, bis zu den Aufführungen einigermaßen in den Griff (sprich: in den Mund) zu kriegen. Und an dieser Praxis ist nicht zu rütteln, wie ein begeisterter Schauspieler aus einer südwestlichen Augsburger Vorstadt erklärte, denn "die Leute wollen das so". Die jahrzehntelang über TV betriebene Massenerheiterung aus Volksbühnen, vom "Komödienstadel" bis zum "Chiemgauer Volkstheater", hat hier offensichtlich einen weit über Altbayern hinaus verbindlichen Standard für eine Art "Volksbühnen-Sprache" vorgelegt. Die klischeehaft derben Handlungen wollen die Zuschauer inzwischen offensichtlich in der dazu passenden Sprache geboten bekommen.
Eine wahre Fundgrube für importierte Bajuwarismen bietet die Gastronomie. Als sich erklärte Kämpfer für eine bayerische Hochsprache darüber beschwerten, dass die flachgedrückten Hackfleischbrätlinge von Berliner oder Brüsseler Bürokraten nur als Buletten oder Frikadellen geführt würden, stimmten sogar bayerische Parlamentarier in das Klagegeschrei ein und forderten Fleischpflanzerln als offizielle Schreibform. Was Schwaben betrifft können sich diese "Volksvertreter" beruhigen, denn hierzulande tauchen Buletten oder Frikadellen auf Speisekarten höchst selten auf; umso mehr gibt es Veranlassung, sich darüber ärgern, dass einem diese Speise schon fast überall in Schwaben nach altbayerischem Vorbild als Fleischpflanzerl angeboten wird. Die einheimische Bezeichnung Fleischküchle halten nur noch wenige schwäbische Gastronomen für salonfähig bzw. speisekartenwürdig. Ganz ähnlich verhält es sich mit einer großen Anzahl von Gerichten und Getränken, die sich, so scheinen die Gastwirte ganz offensichtlich zu vermuten, im bairischen Gewande besser verkaufen lassen: O’batzter, Ripperl, Hax’n, Hendl, Würstl, Lüngerl, Schwammerl, Radi, Bratling, Jagatee. Man scheut sich auch nicht, die Gerichte aus der lokalen Küche unter der in sich widersprüchlichen Kombination Allgäuer Schmankerln zusammenzufassen. Auch bezüglich der Trinkgefäße zeigt man sich höherwertig eingeschätzten Regionalformen gegenüber durchaus anpassungsfähig. In den letzten Jahren haben sich besonders die bairischen Haferl (für Kaffee) und Stamperl (für Schnaps) als Importschlager in Schwaben erwiesen. Aber auch Glasl und Glaserl haben sich bereits einen Platz im Wortschatz schwäbischer Gaststätten erobert.
Ein besonders seltsames Dialektbewusstsein muss man der um folkloristischen Touch bemühten Volksfest-Gastronomie mit der dazugehörigen Unterhaltungsmaschinerie bescheinigen. Von den wahrhaft (un)originellen Benennungen der angebotenen Schmankerl'n einmal abgesehen, ist es schon erstaunlich, zu welchen Sprachverrenkungen sich Musiker und Unterhaltungskünstler aus dem Schwäbischen hinreißen lassen, um dem ebenfalls schwäbischen Publikum im Bierzelt ein Gefühl von echter bayrischer Gemütlichkeit zu vermitteln. Schon längst ist das oans, zwoa, drei ‑ g’suffa auch überall im Schwäbischen das ritualisierte Kommando zum gemeinschaftlichen Trinkerlebnis.
Während in ganz Schwaben die Gastronomie jetzt die Stüble in Stüberl umbenennt und das besonders Heimelige an der bairischen Stub'n entdeckt hat, ist man im alpinen Allgäu außerdem dabei, einen besonders erfolgreichen bairischen Exportschlager sprachlich zu integrieren: die Assimilationsform Alm, die der bodenständigen Alp(e) kaum mehr eine Chance lässt. Dieser Sprachimport wird jetzt häufig auch in den Tälern verwendet, etwa wenn ein Geschäft für Kleidung im alpinen Look als Trachten-Alm firmiert oder wenn Sennereien ihr bisheriges Verkaufs-Lädele zur Kas-Alm aufwerten.

Fazit

Die Beispiele für das Vordringen bairischer Sprachformen ließen sich beliebig ergänzen und auf weitere Vorkommensbereiche ausdehnen. Der Befund bliebe in der Tendenz gleich: das Bairische in all seinen Ausprägungen und Ebenen ist auf dem Vormarsch; die schwäbisch-alemannischen Randgebiete Bayerns verlieren zunehmend an regionalsprachlicher Eigenheit und damit ein wichtiges Stück ihrer Identität.
Manche mögen die sprachliche Normierung auf Landesebene und den damit verbundenen Identitätsverlust unserer Randregion für einen normalen Vorgang halten und als Ausdruck dafür werten, dass diese Gebietsteile voll in das Land Bayern integriert sind. Man mag darin auch ein Indiz dafür sehen, wie zufrieden die Bewohner Schwabens mit der ihnen vom Geschichtsverlauf bestimmten Zuordnung nach Bayern sind.
Ich für meinen Teil habe mich jedoch – obwohl auch ich mich als loyaler Bürger im Freistaat Bayern sehe – noch nicht damit abgefunden, dass meine Allgäuer Heimat Stück für Stück auch noch ihre sprachliche und kulturelle Eigenart aufgibt, um sich zunehmend als Abklatsch und westliches Anhängsel des oberbayerischen Alpenrandes zu präsentieren.
Ich bin mir aber voll bewusst, dass es, um den Trend zur in Schwaben zu beenden und umzudrehen, eines wesentlich stärkeren Selbstbewusstseins bei den Schwaben und Alemannen in Bayern bedürfte; und es täte ihnen ein schärferes Dialektbewusstsein Not, das ihnen zu unterscheiden erlaubt zwischen Dialekt als Ausdruck einer echten sprachlichen Verwurzelung im eigenen Raum einerseits und einer uniformen, folkloristischen Mundart-Imitation andererseits. Zugegeben, sehr viel Grund für Optimismus sehe ich momentan nicht.