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Augsburger Dialekte


Sprache und Dialekte in und um Augsburg

zusammengestellt von Manfred Renn

Inhalt:
Sprachwissenschaftliche Grundlagen
Ein Sprachraum im doppelten Spannungsfeld
Schwäbisch - Lechrainisch - Bairisch (Stadt-Land-Gegensätze)
Entwicklung und Perspektiven

Sprachwissenschaftliche Grundlagen

Als "die zierlichste teutsche Sprach" galt sie einst. Gemeint war die Schreibsprache der Augsburger Drucker im 16. Jahrhundert. In diesen gedruckten Produkten aus Augsburg ging es aber genau genommen nicht um Dialekt, im Gegenteil, diese Augsburger Drucker waren bemüht, in einem überall verständlichen Deutsch zu schreiben; es waren also echte Ansätze zu einer genormten einheitlichen Schreibsprache.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts befasste sich erstmals ein Sprachwissenschaftler, nämlich der aus Oberschwaben stammende Anton Birlinger, mit der "Augsburger Mundart". Er hob bereits damals hervor, dass sich die gesprochene Sprache in der ehemaligen Reichsstadt deutlich von jener in der Umgebung unterschied. 
Im Augsburger Umland wurden in den letzten Jahrzehnten u.a. von folgenden Leuten Untersuchungen zu den Dialekten durchgeführt:

  • Georg Moser (1936) zum sog. "Staudengebiet"
  • Michael Lechner (1948) zu den Sprachverhältnissen zwischen Lech und Glonn, speziell zur Sprachgrenze zwischen Eurasburg und Eismannsberg
  • Werner König (1970) zur Phonologie seines Heimatortes Graben auf dem Lechfeld
  • Ernst-W. Ibrom. (1971) zu den Lautverhältnissen beiderseits des unteren Lechs
  • Martin Wölzmüller (1986) zur  sprachlichen Stufenlandschaft im Lechrain.
  • Eduard Nübling hatte in mehreren Publikationen (ab 1932) den gesamten ostschwäbischen Raum und seine Kontaktzonen zum Fränkischen und Bairischen untersucht und beschrieben.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts habe ich mit einer Untersuchung zu den Sprachverhältnissen in und um Augsburg promoviert, wofür ich 1992 mit dem Johann-Andreas-Schmeller-Preis ausgezeichnet wurde. Die gedruckte Fassung dieser Untersuchung erschien 1994 unter dem Titel "Die Mundart im Raum Augsburg. Untersuchungen zum Dialekt und Dialektwandel im Spannungsfeld großstädtisch-ländlicher und alemannisch-bairischer Gegensätze" im Winter-Verlag in Heidelberg. Für diese Arbeit habe ich an 80 Aufnahmepunkten (Stadtteile und Orte im Umkreis von gut 15 Kilometern um den Augsburger Hauptbahnhof) Dialektsprecher der älteren und der jüngeren Generation befragt und habe aus den Ergebnissen einerseits die heutige grunddialektale Sprachgeographie dieses Raumes dokumentiert, andererseits habe ich aus dem Generationenvergleich die sprachlichen Entwicklungstendenzen herausgearbeitet.

Ein Sprachraum im doppelten Spannungsfeld

Der Augsburger Raum steht sprachlich gleich in mehrfacher Hinsicht in einem Spannungsfeld:

Augsburger Lage

1. Hier treffen, wie allgemein bekannt ist, zwei oberdeutsche Großdialekträume aufeinander, das "Schwäbisch-Alemannische" von Westen und das "Bairische" von Osten. Dabei wird immer wieder auch vom Lech als der ganz klaren Sprachgrenze gesprochen, was in Wirklichkeit aber nur für den nördlichen Teil, also zwischen Gersthofen und der Lechmündung zutrifft (vgl. Karte!). Und wenn man gar vom Lech als dem Grenzfluss zwischen den beiden Volksstämmen spricht, dann ist das mit Vorsicht zu nehmen, denn dabei handelt es sich um einen nicht korrekten Rückschluss von den heutigen Sprachzuständen auf die frühmittelalterlichen Siedlungsverhältnisse.
2. Weit weniger bekannt ist, dass im Südosten von Augsburg, im Bereich Kissing-Mering-Ried, als bodenständige Sprache das "Lechrainische" gesprochen wird, das vom Lautstand her überwiegend als schwäbisch einzustufen ist, vom Wortschatz her aber eher bairisch geprägt ist, und im Hinblick auf grammatische Strukturen mischen sich hier schwäbische und bairische Elemente, so dass wir diesen höchst interessanten Dialekt durchaus auch als eigenständig betrachten können. Dieses Lechrainische zieht sich zwischen Lech und Ammersee nach Süden bis über den Hohenpeißenberg, und streng genommen sogar bis ins Tiroler Außerferngebiet (mehr dazu in meiner Seite "Allgäuer Dialekte").
3. Wie auch in anderen Großstadt-Bereichen trifft im Raum Augsburg ein nur schwer definierbarer Stadtdialekt bzw. eine städtische Umgangssprache auf die Landdialekte des Umlandes, die im Falle von Augsburg extrem unterschiedlich sind. Und dieses Aufeinandertreffen geschieht in und um Augsburg nicht nur beim gelegentlichen privaten Zusammentreffen von Menschen, vielmehr ereignet es sich täglich an allen Orten des gesellschaftlichen Lebens, sei es am Arbeitsplatz, in Geschäften, bei einem Gang auf eine Behörde, in Vereinen oder bei vielen anderen Gelegenheiten. Auf diese Weise ergeben sich im Raum Augsburg täglich Tausende von Kommunikationssituationen zwischen Menschen, die sich in ihrem privaten Bereich noch ganz unterschiedlicher Sprechweisen bedienen, von der Hochsprache über alle möglichen Grade von Umgangssprachen bis zu den sehr unterschiedlichen ländlichen Basisdialekten. Und weil diese Menschen alle das Bedürfnis haben, den jeweiligen Gesprächspartner zu verstehen bzw. von ihm verstanden zu werden, passt man sich sprachlich irgendwie an. Das hat natürlich zur Folge, dass die Hochsprache oder eine hochsprachenahe Umgangssprache immer mehr an Bedeutung gewinnen, während die Dialekte bzw. dialektnahe Umgangssprachen mehr und mehr in den Hintergrund treten. Diese Entwicklung ist aber für den Einzelnen, der sie mitmacht, nicht unbedingt erkennbar.


Entwicklung und Perspektiven

Die zuvor erwähnte Sprachentwicklung durch Anpassung geschieht im Raum Augsburg aber nicht ausschließlich in Richtung Hochsprache, es findet auch ein gewisser Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Dialekten statt. Und in dieser Hinsicht ist deutlich erkennbar, dass sich das generell höhere Prestige des Bairischen gegenüber dem Schwäbischen und das tendenziell größere Selbstbewusstsein bei der bairischsprachigen Bevölkerung in diesem Raum in der Dialekt-Entwicklung auswirkt. Das hat hier im Raum sogar kurioserweise bewirkt, dass zwar Sprachimporte aus dem Bairischen im größeren Umfang in die Umgangssprache der Großstadt integriert wurden, dass sich aber das bairische Umland als auffällig resistent gegen stadt-schwäbische Sprachelemente erwies.
Vgl. dazu meinen Artikel zum (geringen) Dialektbewusstsein in Schwaben und im Allgäu!

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