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(Jüdische) Emanzipationsdiskurse 1918 - 1968


Ende des 19. Jahrhunderts sahen viele Juden in Deutschland und anderen Staaten Europas ihren Kampf um politische, religiöse und gesellschaftliche Gleichstellung als gescheitert. Als Konsequenz – und später in Folge des Holocaust – wanderten bis in die 1950er Jahre zahlreiche Juden nach Palästina und in das spätere Israel aus. Ein Projekt am Jakob-Fugger-Zentrum untersucht, was nach 1918 aus der Idee einer jüdischen Emanzipation wurde, gerade auch im Zuge dieser Massenauswanderung. Das Projekt fragt dazu unter anderem nach Formen und Funktionen jüdischer (Selbst-) Darstellung in Literatur und Kunst zwischen 1918 und 1968. Die Forscherinnen und Forscher analysieren in diesem Zusammenhang auch die Literatur der so genannten „Jeckes“ - so wurden die nach Israel ausgewanderten deutsch sprechenden Juden von ihren Mitbürgern spöttisch bezeichnet.

Am 26. April 1933 schrieb der Religionshistoriker Gershom Scholems aus Jerusalem einen Brief an seine in Deutschland lebende Mutter: „Es ist übrigens merkwürdig, wie sich hier die Perspektive der Judenfrage tiefsinnig verändert. Die Deutschen empfanden die Juden als Fremde, und sogar ein Teil der Juden fühlte sich fremd in Deutschland. Hier aber empfinden die Juden, die in ihrer großen Mehrheit Ostjuden sind, die deutschen Juden als Fremde. Sie bemerken mehr Deutsches als Jüdisches an ihnen.“

Im Laufe des 19. Jahrhunderts hatte die jüdische Emanzipationsbewegung zur politischen Gleichstellung der Juden in vielen Ländern Europas geführt. Im ausgehenden 19. Jahrhundert kam dieser Prozess jedoch ins Stocken; Forderungen nach einer erneuten Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden wurden immer lauter. Scholem war 1923 aus Deutschland nach Palästina ausgewandert. Die Emanzipationsbestrebungen der Juden – ihren Kampf um Gleichberechtigung in Deutschland und anderen Ländern Europas – hielt er damals wie viele seiner Glaubensgenossen für gescheitert. Er unterstützte daher die zionistische Bewegung, die Emanzipation in den Grenzen eines jüdischen Staates anstrebte. Doch auch mit dem „Gelobten Land“ tat er sich schwer: „Es ist eben eine merkwürdige Sache um die Völkerscheide, und ,Alljuda‘ kann nur für den eine Einheit bedeuten, der es nie zusammen gesehen hat.“

Gershom Scholems Brief offenbart einen ambivalenten Blick auf den Zionismus: Ist die Idee des Judenstaats Israel ein strahlendes Ideal? Oder ist sie aus der Not geboren – eben weil eine Gleichberechtigung in den Herkunftsländern Europas nicht möglich schien? Ist sie also Ausdruck einer gelingenden oder einer gescheiterten Emanzipation? Er steht mit diesen Fragen nicht allein: An den Werken vieler deutsch-jüdischer Philosophen und Autoren lässt sich zeigen, wie stark der Emanzipationsgedanke programmatische Texte zur „Judenfrage“ auch nach 1918 noch prägt. Zugleich wird in ihnen sichtbar, auf welche Weise sich diese Emanzipationsdiskurse nach 1933 unter dem Einfluss von Exil und Shoah ändern.

Die Augsburger Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Bettina Bannasch untersucht in ihrem Projekt das Fortleben des jüdischen Emanzipationsprojekts nach dem ersten Weltkrieg – also zu einer Zeit, als es eigentlich als gescheitert gilt. Sie kooperiert dazu mit Prof. Dr. Mirjam Zadoff und Prof. Dr. Noam Zadoff von der Indiana University Bloomington. Das Projekt fokussiert zum Einen auf die Frage, welche Haltung Juden nach der großen Antisemitismusbewegung am Ende des Ersten Weltkriegs zur jüdischen Emanzipation einnehmen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Zeit nach 1945, in der die Idee eines deutsch-jüdischen/christlich-jüdischen Dialogs ihren Aufschwung erfährt.

Eine zentrale Rolle soll zudem die Frage spielen, inwiefern es Verbindungen zwischen dem jüdischen Emanzipationsdiskurs und anderen emanzipatorischen Bestrebungen gibt: etwa der Frauenemanzipation, der sozialen und der generationellen Emanzipation sowie mit postkolonialen Diskursen. Die Forscherinnen und Forscher wollen auch klären, welche Einstellung sich generell zum nicht unumstrittenen Begriff der „Emanzipation“ in dem künstlerischen Nachlass spiegelt und welchen geistes- und zeitgeschichtlichen Einflüssen diese Einstellung unterliegt.

 

Kooperationspartner: Prof. Dr. Bettina Bannasch, Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Universität Augsburg, Prof. em. Itta Shedletzky, Hebrew University Jerusalem; Prof. Dr. Mirjam Zadoff, Alvin H Rosenfeld Chair in Jewish Studies & Associate Professor in History, Indiana University Bloomington, Prof. Dr. Noam Zadoff, Assistant Professor für Israel Studies, Jewish Studies & History an der Indiana University, Bloomington.