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Anna Zachmann, M.A.


Shoah und Sexualität:
Die Verschränkung von Zivilisations- und Tabubruch im Werk Edgar Hilsenraths


Edgar Hilsenrath darf neben George Tabori, Jurek Becker oder Jakob Lind als einer der ersten Autoren gelten, welche die literarische Verarbeitung der Shoah einem exzentrischen Diskurs des Lächerlichen unterwarfen. Damit steht er exemplarisch für all jene Autorinnen und Autoren der ersten Generation, die sich dem vorherrschenden nüchternen Dokumentarstil der Zeugnisliteratur widersetzten und, willens, den ohnmächtigen Betroffenheitsdiskurs zu durchbrechen, die Forderung eines neuen Modus des Erinnerns stellten. Gerade aufgrund ihrer mit dieser Forderung einhergehenden textimmanenten Tabubrüche und Provokationen wurden Hilsenraths Werke vom Literaturbetrieb der deutschen Nachkriegsgesellschaft jahrzehntelang übergangen. Erst seit den 1990er-Jahren erfährt die Rezeption seiner Werke eine Renaissance; diese "Wiederentdeckung" Hilsenraths liegt nicht zuletzt begründet in der Literatur von Autorinnen und Autoren der zweiten Generation – man denke nur Eva Menasse, Maxim Biller, Doron Rabinovici oder Robert Schindel – welche sich ebenfalls der Shoah mittels Komik und Groteske annähern. Zugleich wichtiges Exempel für groteske Shoahliteratur der ersten und Vordenker des Paradigmenwechsels der zweiten Generation, stellt Hilsenrath mit seiner exzentrischen Spielart des Erzählens von der Shoah dennoch eine Besonderheit dar – dies nicht zuletzt aufgrund seiner überaus provokanten literarischen Zusammenführung von Sexualität und Shoah, welcher im Zuge meines Dissertationsprojekts unter dem Arbeitstitel "Shoah und Sexualität. Die Verschränkung von Zivilisations- und Tabubruch im Werk Edgar Hilsenraths" nachgegangen werden soll. Unter Heranziehung ausgewählter Werke der Genderforschung soll aus verschiedenen Perspektiven Darstellung und Funktion des prominent eingebundenen Motives der Sexualität in Hilsenraths Opus analysiert werden. Insgesamt wird geprüft, inwiefern der in der Rezeptionsgeschichte häufig auftauchende Vorwurf der Pornographie zurückgewiesen werden kann. Dazu wird insbesondere die Funktionsgebundeneit sexueller Darstellungen in den Blick genommen: So werden über die Ebene der Sexualität beispielsweise Macht- und Gewaltverhältnisse ausgehandelt oder – im Kontext der Shoah-Literatur – Rückverweise auf die Traumatisierung der Protagonistinnen und Protagonisten gegeben.