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„Ein labyrinthischer Mensch sucht niemals die Wahrheit, sondern immer nur seine Ariadne – was er uns auch sagen möge.“ Erkennen und Erzählen in Friedrich Nietzsches Autobiographie 'Ecce homo. Wie man wird, was man ist.'


Dissertationsprojekt von Martina Deschler

 

Als poetisches und poetologisches Laborierfeld im Bereich der eigenen Identität, Selbstverortung und Wahrheitsfindung verbindet die Autobiographie existenzialphilosophische wie epistemische Fragen im Konzept narrativer Wirklichkeitskonstruktion. In Friedrich Nietzsches Ecce homo werden sowohl der Gattungsanspruch als auch ästhetisch-literarische Strategien bedient, um bewusst ein scheinbar kohärentes, aber letztlich undurchdringbares Netz des eigenen Lebens, Denkens und des eigenen Selbst zu setzen, welches aber in seiner Erzählhaltung zu einem dynamischen Rezeptionsdiskurs über Selbst- und Fremdverstehen anregt, der gleich dem Gedanken des mythischen Erzählens unabgeschlossen bleiben muss, um tatsächlich einen Beitrag zu einem stets prozesshaften Erkennen leisten zu können. Dabei ‚erzählt‘ Nietzsche im Horizont der eigenen Werkgenese und leistet gerade in der Zusammenführung philosophischer Theoreme und ästhetischer Inszenierung einen systematischen Beitrag zur Philosophie seines Spätwerkes. Die metaphorische Leistung hebt das Erzählen über eine bloße ästhe­tische Deskription des eigenen Lebens und öffnet den narrativen Akt selbst zum Denkmodell des Erklärens wie Erkennens, welcher über die Grenzen des Sagbaren im traditionellen Sinne als auch über die Grenzen der Lebensgeschichte als exklusives Eigentum hinausreicht. Sowohl das Konzept der labyrinthischen Aus­gangssituation eines jeden Menschen im Umgang mit der Suche nach Wahrheit und Erkennt­nis als auch die Strategie des ‚Satyr-Spieles‘ sind leitmotivische Elemente in der narrativen Konzep­tion des Ecce homo, die es in ihrer erzählerischen Struktur und Funktion zu analysieren gilt. Es wird ebenso zu klären sein, in welcher Weise das philosophische Denken des Au­tors narrativ und ästhetisch dargestellt wird und welche Rolle der eigene Werkkanon inter­textuell wie konstruktiv für das Erzählen des eigenen Lebens spielt. Auch die Komposition von lyrischen wie aphoristischen Elementen im Umgang mit der eigenen Historizität wird dabei die These vom performativen Akt des Erzählens stützen, welcher das Selbst wie dessen Leben im narrativen Diskurs unabschließbar wie produktiv verhandelbar macht.