„Wissen beginnt mit Neugier“, so lautet der Spruch auf dem Poster an meiner Bürotür. Wie richtig und wahr dieser Satz ist, ist eine Erfahrung, die ich bereits in meiner frühesten Schulzeit sehr bewußt gemacht habe. Die kleine und begrenzte Welt, die es damals für mich zu erforschen galt, hat sich schnell zu einem riesigen Kosmos ausgedehnt, den zu erfahren, zu begreifen und zu verstehen ich ohne Unterlaß dabei bin. Innerhalb dieses Kosmos interessieren mich vor allem die Menschen, ihre Verhaltens- und Kommunikationsformen, die Art und Weise, was und wie sie denken, ihr Selbstverständnis, ihre Haltung in den unterschiedlichsten Lebenssituationen, ihre Fragen und ihre Antworten. Dieses Interesse hat mich zunächst in die Krankenpflege geführt, eine Zeit, die ich nicht missen möchte, da sie mir wertvolle Erfahrungen im Umgang mit menschlichen Extremsituationen ermöglichte. In dieser Zeit habe ich auch gelernt, daß das wissenschaftliche Erkenntnisinteresse immer an ein humanes Interesse gekoppelt sein muß, daß Wissenschaft - gerade als freie und autonome Wissenschaft - immer auch Verantwortung bedeutet und letztlich jede Wissenschaft Humanwissenschaft ist.
Die Neugier und Lust, Phänomenen auf den Grund zu gehen, vielleicht auch eine gewisse existentielle Manie, nach Erkenntnissen und Wahrheiten zu suchen, brachte mich schließlich an die Universität. Ich studierte Literaturwissenschaft und Philosophie und hatte dabei das Glück, akademischen Lehrern zu begegnen, die mich in meinen Interessen weiterbrachten, die mir neue Wissenshorizonte eröffneten und die mir nicht zuletzt die Chance und die Freiheit gaben, mich meinen Neigungen und Talenten gemäß zu entwickeln. Mit einigen Wissensfeldern habe ich mich ausführlicher beschäftigt, etwa mit der europäischen Romantik, mit Ästhetik und Hermeneutik, mit der Aufklärungsphilosophie oder mit der Literatur der letzten Jahrhundertwende.
Am Lehrstuhl von Herrn Prof. Geppert arbeite ich seit 1996, allerdings mit einer zweijährigen Unterbrechung: Von 1997-1999 war ich Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Herrn Prof. Krauß (Romanische Literaturwissenschaft).
Da ich Literaturwissenschaft als eine Integrationswissenschaft begreife, die sich nicht nur mit Texten, sondern immer auch mit deren kulturell-historischen Kontexten beschäftigt und sich dabei auch der Methoden und Theorien anderer Wissenschaften bedient, suche ich vor allem im Rahmen der Lehre immer wieder die Zusammenarbeit mit versierten Vertretern anderer Fächer. Mit einem Theologieprofessor aus Hannover habe ich bereits zwei Seminare unterrichtet (über „Erinnern und Vergessen in der Literatur“ und über „Apokalyptische Poesie“); im letzten Sommer konnte ich einige Mediziner für ein Seminar über „Literatur und Krankheit“ gewinnen; eine tolle Erfahrung war auch die Zusammenarbeit mit meinem Fachkollegen Herrn Beck (Anglistik) in einem Seminar über die Rezeptionsgeschichte von Hamlet; und schon heute freue ich mich auf das Seminar mit Herrn Ingold, einem Physiker, über Goethes Farbenlehre.
Interdisziplinäres Arbeiten gehört für mich zur Natur unseres Faches, dessen zentrale Gegenstände das grenzüberschreitende Gespräch im Grunde selbst vorschreiben. Interdisziplinäres Arbeiten hat aber noch weitere Vorzüge: Es verhindert die Entstehung eines Fachautismus oder auch eines Wissenschaftsästhetizismus, weil die Auseinandersetzung mit anderen Disziplinen permanent zur kritischen Reflexion der eigenen Positionen und Voraussetzungen zwingt. Das dialektische und dialogische Gespräch, das die Geisteswissenschaften nicht nur brauchen, sondern das sie sind, braucht aber auch Unterbrechungen, und ich möchte nicht verhehlen, daß ich den damit verbundenen freiwilligen und temporären Rückzug in den Elfenbeinturm - das stumme Gespräch mit den Texten, das Nachdenken und Weiterdenken, den Prozeß von der oft nur vagen Idee zu deren rationalen Begründung und Versprachlichung ebenso schätze wie den direkten Austausch mit Menschen.
Ich möchte „meinen“ Studenten das Wissen, das ich mir erworben habe, weitergeben, so wie ich umgekehrt auch an ihrem Wissen partizipiere; aber ich möchte sie auch in ihren ganz individuellen Fähigkeiten unterstützen und ihnen vor allem jene Lust und Begeisterung vermitteln, die das »Abenteuer Wissenschaft« bedeutet.