Seit dem Beginn deren neueren Kanonforschung in den 1980er Jahren existiert eine Reihe von mehr oder weniger gut begründeten Hypothesen zum Verlauf literarischer Kanonisierungsprozesse, ohne dass jedoch valide Studien vorlägen, die einen Einblick in konkrete Mechanismen der Kanonisierung ermöglichen würden. Diese Forschungslücke soll das Vorhaben schließen, indem es in einer vergleichenden Untersuchung zu zwei Autoren aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – Wilhelm Raabe und Paul Heyse – die vielfältigen Entscheidungen im Detail in den Blick nimmt, die zur Kanonisierung bzw. Dekanonisierung bzw. (im Fall Raabes) Rekanonisierung eines Autors führen. Die grundlegende Arbeitshypothese liegt in der Annahme, dass es keine intrinsischen Eigenschaften von Texten oder deren Autoren gibt, die zwangsläufig in eine Kanonisierung oder deren Ausbleiben münden würden, sondern dass es sich um eine Vielzahl von diskursiven Operationen handelt, die sich nicht final, sondern kontingent gegenüber der erfolgreichen Kanonisierung verhalten. Unter dieser Voraussetzung sollen im Verlauf des Projekts sämtliche kanonrelevanten Diskurse – angefangen bei den zeitgenössischen Rezensionen über die Aufnahme in Anthologien, Lesebücher und populäre bzw. schulische Literaturgeschichten bis hin zu den akademischen Literaturgeschichten, Dissertationen und Abhandlungen – vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart in den Blick genommen und auf die konkreten Akte hin befragt werden, die schließlich zur (nie endgültigen) Kanonisierung eines Autors oder zu deren Scheitern sowie zu den vielfältigen ‚Umkanonisierungsvorgängen’ in Bezug auf einen Autor führen. Die Erkenntnisperspektive ist dabei prinzipiell über die beiden behandelten Autoren hinaus auf verallgemeinerbare Mechanismen der Kanonbildung gerichtet.
Mitarbeiter: Christoph Grube