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„Dialektlyrik als Fremdheitserfahrung“ (Dissertationsprojekt)


Dialektgedichte sind im Unterrichtsalltag durchaus Raritäten und stellen Lehrende und Lernende vor spezifische Herausforderungen. Dennoch sind innere und äußere Mehrsprachigkeit sowie die Anerkennung von Differenzen heute Ausgangspunkt institutionellen Bildungshandelns, was auch Bildungsstandards und Lehrpläne widerspiegeln. Während der Dialekt bis in die 1970er Jahre von schulischer Seite als defizitäres Sprachsystem wahrgenommen wurde, das es als Hindernis auf dem Weg zur Standardsprache zu überwinden galt, steht er heute neben anderen Varietäten, für die der Deutschunterricht ein Sprach(-differenz-)bewusstsein anbahnen will. Dialektlyrik übernimmt hierbei meist dienend-illustrative Funktion für sprachdidaktische oder dialektpflegerische Konzepte. Dagegen wird die Frage nach ihrem literaturdidaktischen und ästhetischen Potential eher selten gestellt und verblasst vor dem Hintergrund einer gegenwärtigen Kompetenz- und Outputorientierung. Welche textuellen Qualitätsdimensionen und Gratifikationen jedoch bietet das literarästhetische Erfahrungsmaterial „Dialektgedicht“? Welche Fremdheitspotentiale sind diesem Gegenstand genuin geschuldet und durch ihn erfahrbar? Welche Fragen der Textauswahl sollten mit Blick auf trans- und interkulturelle Konzeptionen verhandelt werden? Kann man im Deutschunterricht eine Begegnung mit allochthoner Dialektlyrik wagen?

Die entstehende Arbeit will im Sinn einer Bestandsaufnahme und Neuorientierung einen Beitrag zur Klärung dieser Fragen leisten.

Feststellbar ist, dass der Dialekt als Literatursprache lyrischer Texte eine Potenzierung des textuellen sowie rezeptionsseitigen Alteritätspotentials zur Folge hat, durch das sich konventionell-standardsprachliche Literatur üblicherweise auszeichnet. Die metasprachliche Dimension fungiert damit als Fremdheitspotential. Mit einer solchen Überstrukturierung poetischer Sprache zeigt sich in der Differenzerfahrung besonderes Rezeptionsverhalten, das von Parametern wie einem deautomatisierten Leseprozess, der Anerkennung sprachlicher Rollenidentitäten oder dem Sprachprestige beeinflusst wird. Das Dissertationsprojekt widmet sich daher sowohl fachwissenschaftlich-gegenstandsorientierten Aspekten als auch fachdidaktischen Konzeptionen, die den Umgang mit dem literarischen Anderen zu fassen suchen.