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Vita


Ich heiße Alev Tekinay, bin Türkin und lebe seit über einem Vierteljahrhundert in Deutschland bzw. im Freistaat Bayern.

Geboren bin ich in Izmir, aufgewachsen in Istanbul, wo ich das Deutsche Gymnasium besucht habe. Nach dem Abitur habe ich in München Germanistik studiert, mein Studium mit M.A. und Promotion abgeschlossen, wohne nach wie vor in München und arbeite seit 1983 als Wissenschaftliche Angestellte an der Uni Augsburg.

Wo ist also meine richtige Heimat? Eine berechtigte Frage, die auch mit DaF zusammenhängt, denn, so finde ich jedenfalls, bildet meine Zugehörigkeit zu zwei Sprachen, zwei Kulturen und zwei Ländern (Deutschland und der Türkei) eine wichtige Grundlage für diesen Studiengang.

Die zwangsläufige Bilingualität und Interkulturalität verstärkten nämlich meine Sensibilität und Sympathie für alle Herkunftssprachen und --kulturen, was mich dazu geführt hat, Sprachen und Kulturen auf wissenschaftlicher Ebene zu vergleichen. Auf diese Weise entstanden aber nicht nur viele Aufsätze über Kontrastive Linguistik, Sprachlehrwerke und Wörterbücher, sondern ich begann, mich auch literarisch mit diesem Thema auseinanderzusetzen, schrieb Erzählungen und Romane, bin jetzt Wissenschaftlerin und Schriftstellerin zugleich. Für meine belletristischen Publikationen erhielt ich 1990 den Literaturförderpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Dieser Preis trägt auch den Namen des Dichters Adelbert von Chamisso und wird nur denjenigen AutorInnen verliehen, die Deutsch als Fremdsprache gelernt haben, aber in deutscher Sprache schreiben.

 

Interessanterweise führen meine komparatistischen Tätigkeiten, die man auch als "Fremdheitsforschung" bezeichnen kann, immer wieder zum Ergebnis, dass es zwischen allen Herkunftskulturen nicht nur Unterschiede gibt, sondern auch sehr viele Ähnlichkeiten, manchmal sogar Gemeinsamkeiten. Aber auch die Unterschiede machen diese Arbeit sehr reizvoll, weil sie erkennen lassen, wie wichtig das Kennenlernen des Fremden ist. Dadurch kann man nämlich feststellen, dass die Vorurteile nur auf gegenseitiger Unkenntnis beruhen und sich leicht abbauen lassen, und dass das angeblich Fremde uns eigentlich sehr vertraut ist.

So sehe ich auch meine Arbeit am Lehrstuhl für DaF an der Uni Augsburg und veranstalte Seminare, die hauptsächlich den Sprach-, Kultur- und Literaturvergleich zum Thema haben und neben Deutschland und der Türkei auch andere Herkunftsländer umfassen.

Eine meiner Haupttätigkeiten am Lehrstuhl für DaF bilden ebenso Sprachkurse für Türkisch, die ich in Zusammenarbeit mit dem Sprachenzentrum der Uni Augsburg organisiere.

Das Erlernen einer der sog. Gastarbeitersprachen gehört nämlich zum Konzept des DaF-Studiums. In diesem Zusammenhang hat Türkisch eine besondere Bedeutung, weil es neben Deutsch die zweitwichtigste Verkehrssprache in Deutschland geworden ist. Trotzdem wird Türkisch in Programmen von Universitäten und Volkshochschulen nach wie vor unter Randsprachen angeführt. Dabei ist aber Türkisch eine Weltsprache, und mit Türkischkenntnissen kann man sich nicht nur in Deutschland oder in der Türkei verständigen, sondern auch in vielen Ländern vom Balkan bis China. Diese Sprache zu lehren, die zufällig meine Muttersprache ist und für die interkulturelle Kommunikationsfähigkeit eine wichtige Rolle spielt, ist ein integrierender Bestandteil meines Berufs.

Manchmal frage ich mich, wie ich meinen Beruf genauer bezeichnen könnte. Philologin? Vermittlerin zwischen Kulturen? Oder wäre "Architektin" nicht korrekter, da ich ständig Brücken baue zwischen Sprachen und Kulturen ...

Im Rahmen meiner Mitwirkungen halte ich es auch für sehr wichtig, dass wir, die StudentInnen und DozentInnen, gemeinsam Feste feiern. Dabei meine ich nicht nur Weihnachten, sondern auch Feste aus verschiedenen Herkunftskulturen, aus denen unsere StudentInnen stammen. Da Liebe bekanntlich durch den Magen geht, und dieses Sprichwort gibt es fast in jeder Sprache, feiern wir nicht selten mit interkulturellen Gaumenfreuden. Jeder bringt Spezialitäten aus seiner Heimat mit, und das gegenseitige Kennenlernen betrifft dann nicht nur die Gastronomie, sondern sogar musikalische Kostproben mit originalen Instrumenten. Gleichzeitig erfahren wir dadurch viel über Sitten und Gebräuche von verschiedenen Ländern.

Vielleicht sollte ich nicht nur von meinen beruflichen Aktivitäten berichten, sondern auch etwas Persönliches von mir erzählen. Wie wäre es mit den Hobbys? Es trifft sich gut, dass meine Hobbys mit meinem Beruf zusammenfallen, denn meine Lieblings-Freizeitbeschäftigungen sind Lesen und Schreiben. Auch "Reisen" könnte ich zu meinen Hobbys zählen, aber meine Reisen sind fast nur "Dienstreisen", die mich bislang nicht nur durch alle deutschsprachigen Länder geführt haben, sondern auch durch die ganze Welt von Japan und Afrika bis Amerika. Das kommt daher, weil ich allen Einladungen zu Vorträgen oder Autorenlesungen Folge leisten will und die Anstrengungen dieser unvergleichlichen Abenteuer gerne auf mich nehme. Als eine erzählende Reisende oder reisende Erzählerin lege ich mehrere tausend Kilometer zurück. Dabei lerne ich zwar von Städten und Ländern, die ich bereise, gewöhnlich nur den Bahnhof oder den Flughafen und den Veranstaltungsort kennen, aber auch diese kurzen Begegnungen vermitteln mir einen Einblick in fremde Kulturen, und es freut mich sehr, dass die Dienstreisen einfach auch zu meiner Arbeit gehören.

Bis jetzt war mein längster Aufenthalt in Amerika, an der University of Michigan, wo ich als Gastprofessorin ein Herbstsemester lang (drei Monate) Vorlesungen über die Migrantenliteratur in Deutschland hielt.

Es war eine schöne Zeit, in der ich auch viele neue Erfahrungen gesammelt habe. Um auf die Hobbys zurückzukommen... Ab und zu treibe ich auch Sport, obwohl ich sehr wenig Zeit dazu habe. Am liebsten radle ich im Englischen Garten, weil ich mich dabei gut konzentrieren kann und neue Ideen für meine wissenschftlichen und schriftstellerischen Tätigkeiten schöpfe.

Was ich noch von mir erzählen könnte ..? Lieber verzichte ich auf lange Ausführungen und beschränke mich auf die folgenden Zeilen von mir, die oft zitiert werden: "Ich bin eine, die zwei Zuhause hat. Ein Baum, ein langer Baum, die Wurzeln im anatolischen Boden, die Blüten in Deutschland" (aus: Die Deutschprüfung. Erzählungen, Frankfurt, 2. Aufl. 1990. Klapptext). Es ist ein älteres Zitat, das meine Person zwar am besten beschreibt, aber ich möchte noch hinzufügen, dass ich nicht nur zwei Zuhause habe, sondern in jedem Land ein Stück Heimat finden kann. Begegnungen mit dem Fremden lehren mich immer wieder, dass die Grenzen im Grunde künstlich sind.