Tagungsbericht Melodrama
Melodrama – zwischen Symptom und Reflexion
Internationale Tagung in Augsburg zum Thema "Melodrama – zwischen Populärkultur und ‘Moralisch-Okkultem’? Komparatistische und intermediale Perspektiven“
Vom 11. - 13.4.2011 fand in Augsburg eine internationale Konferenz zum Thema "Melodrama – zwischen Populärkultur und ‘Moralisch-Okkultem’? Komparatistische und intermediale Perspektiven“ statt. Die von der Organisatorin Prof. Dr. Marion Schmaus eingeladenen Teilnehmer verfolgten in ihren Vorträgen die Spuren des Melodramatischen vom 18. Jahrhundert bis heute und lösten den intermedialen Anspruch paradigmatisch ein, indem sie die melodramatische Szene und den melodramatischen Modus im American Show Business wie im Frauenroman, in der Oper, in der Filmmusik und im aktuellen Fernsehfilm thematisierten.
Die Bandbreite der beteiligten Disziplinen (Germanistik, Anglistik/Amerikanistik, Romanistik, Theater-, Musik- und Filmwissenschaft).und damit der Forschungsgegenstände garantierte nicht nur die im Titel der Tagung versprochene Intermedialität, sondern hielt auch den Spannungsbogen von Populärkultur und ‚Moralisch-Okkultem’ aufrecht. Während Gaby Pailer (Vancouver/ Canada, German Studies) die Titelfigur aus Fanny Lewalds Roman Jenny, die schöne Jüdin, in filmischen und musikdramatischen Adaptionen des Stoffes als Inbegriff des Moralisch-Okkulten herausarbeitete, widmeten sich Erik Redling (Halle, Amerikanistik) mit dem American Show Business des 19. Jahrhunderts und Matthias Nöther (Berlin, Kulturjournalist) mit dem Hoftheater-Pathos des wilhelminischen Reiches popluärkulturellen Phänomenen.
Melodramatische Gefühlsbewegung
Nach den einführenden Worten der Organisatorin Prof. Dr. Marion Schmaus, die den aktuellen Forschungsstand umriss und zu diskutierende Fragen aufwarf, eröffnete Ulrike Eisenhut (Augsburg, Romanistik) mit ihren Ausführungen zu Rousseaus ‚lyrischer Szene’ die Vortragsreihe, indem sie die ‚melodramatische Gefühlsbewegung’ darlegte, die seelische Rührung der Zuschauer. Die Affizierung der Zuschauer durch Filmmusik zeigte Franz Körndle (Augsburg, Musikwissenschaft) in eindrucksvoller Weise an Alfred Hitchcocks The Man Who Knew Too Much auf. Dafür verband er Erläuterungen zur (musik)dramatischen Konzeption mit sehr anschaulich aufbereiteten Filmsequenzen, die die melodramatische Affizierung direkt an den Teilnehmern demonstrierten.
Auf rezeptionsästhetische Aspekte konzentrierte sich auch Florian Gassner (Vancouver/ Canada, German Studies), der anhand zeitgenössischer Rezensionen zu August von Kotzebues Melodramen die für das Melodrama typische gezielte Affektmodellierung von ästhetischer, ‚ehrlicher’ Affizierung abgrenzte. Die Verschiebung von Affekt zu Effekt thematisierte Erik Redling, indem er die Verlagerung des Melodramatischen von einem textimmanenten zu einem durch publikumswirksame Effekte erzielten Phänomen aufzeigte. Volker Mergenthaler (Marburg, Neuere deutsche Literatur) ging in seinem Vortrag den poetischen Verfahren der Affektproduktion und -bewältigung anhand Klabunds ‚Totengräber‘ nach und zeigte, dass der untersuchte Text nicht im pejorativ Melodramatischen aufgeht, sondern auf meta-melodramatischer Ebene lesbar ist, indem das Affektive vorgeführt wird.
Gattungstheorie oder melodramatischer Modus?
Die meta-melodramatische Funktion des Textes stellte auch Julia Straub (Bern, Anglistik/ Amerikanistik) in ihrem Beitrag heraus, als Textebene, auf der Melodramatisches thematisiert wird, der Text selbst dabei aber nicht zwangsläufig melodramatisch ist. In engem Zusammenhang mit dieser Funktion des Melodramatischen steht eine zentrale, in allen Vorträgen wenn nicht explizit, so doch implizit thematisierte Problemstellung, die Frage, ob das Melodrama sich als eigene Gattung oder als Modus der Bedeutungsproduktion fassen lässt.
Mathias Mayer (Augsburg, Neuere deutsche Literaturwissenschaft) und Christiane Plank (München, Theaterwissenschaft/ Bayrische Theaterakademie) loteten den Stellenwert der melodramatischen Szene in der Oper des 19. und 20. Jahrhunderts aus und legten deren dramaturgische, ästhetische und kritische Funktionen und deren Bedeutung für das Musiktheater dar.
Die Bandbreite des Melodramatischen scheint sich einer eindeutigen Beantwortung dieser Frage allerdings zu entziehen. Jörg Metelmann (St. Gallen, Film-, Kulturwissenschaft) konstatierte – im Rekurs auf die Diskussion um die meta-melodramatische Funktion – Melodrama sei kein Genre, Melodrama sei selbst Diskurs, erfülle eine Verweisfunktion. In dem von ihm angeführten Fernsehfilm Zivilcourage würde das Melodrama eine Lücke markieren, die es zu füllen gilt, die des politischen Diskurses.
Aktualität des Melodramatischen
In nahezu allen Vorträgen und den Diskussionen wurde die Frage nach der Aktualität des Melodramatischen reflektiert. Dafür schien nicht allein die Differenz Gattung - Modus von großer Relevanz, sondern auch die Medialität des Untersuchungsgegenstandes.
Eine indirekte Antwort – weniger für das Melodrama als für das Melodramatische – gab unter anderem Jörg Metelmann, der in seinem Vortrag nicht nur auf den Fernsehfilm Zivilcourage aus dem Jahr 2010 rekurrierte, sondern auch auf die aktuelle amerikanische Politik, und Julia Straub, die ihren Schwerpunkt auf zeitgenössische Literatur legte.
Die Vorträge sowie die im Verlauf der Tagung angestoßenen Gedanken und Diskussionsergebnisse werden in einen Sammelband zum Thema eingehen, in dem diese ausführlich nachvollzogen werden können.
Meldung vom 11.07.2011



