Exkursion nach Istanbul
„Istanbul als interkulturelles Zitat“
Auf einer Exkursion nach Istanbul erforschten Studierende und Dozierende des Studiengangs ‚Ethik der Textkulturen‘ Entstehung und Funktionsweisen interkultureller Zwischenräume
Wie treten islamische und christliche oder auch westliche und östliche Lebenswelten miteinander in Interaktion? Wo finden wir Überlappungen, Adaptionen und wechselseitige Befruchtungen in der baulichen Kultur einer Stadt? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede finden wir in den Riten und Gebräuchen, inhaltlichen Motiven und Gegenständen der einzelnen Religionen? Wie lesen wir die Stadt als Text bzw. als ein Geflecht von dislozierten Zitaten?

Diese und andere Fragen bildeten den Ausgangspunkt, interdisziplinär in theologischer und sprachwissenschaftlicher Perspektive die vielfältigen Fragementarisierungen und Vernetzungen der Stadt Istanbul zu untersuchen und zu reflektieren. Eine Woche lang, vom 17. bis zum 24. September 2011 erkundeten 23 Augsburger und Erlanger Studierende und Dozierende des Studiengangs Ethik der Textkulturen die quirlige Metropole am Bosporus mit ihren ganz unterschiedlichen Stadtvierteln, um verschiedene ‚Lesemöglichkeiten‘ dieser Stadt offen zu legen. Dabei diente die Vorstellung von der ‚Stadt als Text‘ als heuristische Leit-Metapher, um ausgewählte Orte und Kulturdenkmäler zu begehen bzw. sie als Zeichen zu verstehen, die historisch, theologisch und wissensgeschichtlich gelesen und interpretiert werden können. Das hermeneutische Instrumentarium des ‚interkulturellen Zitats‘ schärfte den Blick für die vielschichtigen kulturellen Einflüsse, die diese Orte bzw. Texte geformt und geprägt haben. Wie das sprachliche Zitat, also das Nutzen (oder: das evaluierende Versetzen) eines Quellentextes in einem/einen neuen Zieltext, können beispielsweise auch Gebäude als architektonische Zitate begriffen und interpretiert werden. Der Doppelbezug zu Herkunft und Neukontext generiert dabei einen interkultureller Zwischenraum. Exemplarisch sei hierfür die Hagia Sophia genannt: Hier zeigt sich nicht nur die frühkirchliche Rezeption des spätrömischen Architekturkanons, sondern ebenso deren osmanische Inbesitznahme und Uminterpretation. Die religiöse und architektonische Zeichenhaftigkeit des Gebäudes bietet Besuchern einen unmittelbaren Zugang zur Überkreuzung, Vernichtung und Koexistenz von verschiedenen Großkulturen in der Geschichte Istanbuls. Obwohl einst als christliche Kirche erbaut, steht der Kuppelbau heute für den Idealtypus der osmanischen Moschee. Ein ursprünglich christlich geprägtes Baumuster erfährt im islamischen Kontext eine Umprägung und einen Bedeutungswandel. Dabei wird auch das Verhältnis von Quell- und Zieltext neu bestimmt: In zahlreichen Sagen wird die Vollendung des Kuppelbaus an den islamischen Religionsstifter Mohammed geknüpft, der den Wandel der Hagia Sophia zur islamischen Gebetsstätte bereits voraussah. Die ethische Brisanz der Umwidmung heiliger Räume zeigt sich nicht zuletzt in der Umwandlung der Hagia Sophia unter Kemal Atatürk in ein Museum. Heute sind Gebete jedweder Religion hier strikt untersagt. Als wir uns zu einem Referat in einer Nische auf der Empore zusammenstellten, eilte sogleich das Wachpersonal heran, dem wir glaubhaft versichern mussten, ‚nur‘ universitär-akademisch, nicht aber religiös am Werk zu sein. Begegnungen vor Ort mit Menschen muslimischen, jüdischen sowie christlichen Glaubens vertieften die textuelle Wahrnehmung weiter und stellten eine lebendige Verbindung zwischen Texten, Bebauung und Menschen her. Besonders eindrucksvoll war dabei unser Besuch der Sufi-Gemeinschaft des Mevlevi-Derwisch-Ordens: Nach einer allgemeinen Einführung nahmen wir an einer eindrucksvollen vierstündigen Gebetsfeier teil. Unser Kontakt mit den liturgischen Praktiken einer fremden Religion erzeugte dabei direkte Selbst- und Fremderfahrung zwischen touristischer Eigenidentität und spiritueller Andersartigkeit. Darüberhinaus wurde uns die kulturelle Prägung von Sprach-, Handlungs- und Glaubensmustern auch in der reflektierten Auseinandersetzung mit alltäglichen Handlungen bewusst, z. B. dem Einkauf auf dem Basar, dem Aufsuchen eines Friseurs sowie dem Besuch eines Cafés. So schärfte die Exkursion mit der interdisziplinären Zusammenschau von Sprachwissenschaft und Theologie insgesamt unsere Wahrnehmung für die ethischen Dimensionen kultureller Vielfalt, was nicht zuletzt wertvolle Einsichten in den ‚bei uns‘ geführten Integrationsdiskurs geliefert hat.
(Volker Eisenlauer und Stefan Scholz)
Meldung vom 29.09.2011



