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Bedeutung der Universität

von Daniel Norden

Die Grundzüge einer Universität reichen bis ins 14. Jahrhundert zurück. Dort wurde allmählich begonnen, ein katholisches Bildungswesen aufzubauen. Ab dem 15. Jahrhundert existierte eine städtische Kathedralschule, die im folgenden Jahrhundert aus drei Klassen bestand. Ab dem Jahre 1608 wurde diese Kathedralschule zu einem Jesuitenkollegium ausgebaut. Schon zu Beginn des Jahres 1608 waren 200 Schüler am Kollegium eingeschrieben, im Jahr darauf verdoppelte sich deren Anzahl. Dieses Kollegium beinhaltete neben zwei Professuren der Theologie drei weitere Klassen für sprachliche Grundlagen. Ein Jahr zuvor, im Jahre 1614, erhielt das Kollegium eine Bibliothek. Ab 1661 wurde versucht, das Kollegium weiter auszubauen und es zu einer Akademie zu machen; dieser Versuch scheiterte und wurde nicht mehr weiterverfolgt. Neben dem Jesuitenkollegium gab es aber auch orthodoxe Schulen, so zum Beispiel die Stauropigier Bruderschaft, die die Lemberger Schule an der Marienkirche gründete. Diese erhielt 1592 das Recht der freien Künste von Sigismund III. Auch sie versuchte, eine Akademie zu gründen; die Versuche scheiterten ebenfalls. Gelehrte aus Lwów waren in ganz Polen und Europa vertreten. Die berühmtesten Gelehrten jener Zeit waren Adam Bursij, Jan Ursin, Simeon Birkowskij oder Thomas Dresner. Jedoch schrieb keiner von ihnen im 16. und 17. Jahrhundert eine Historiographie der Stadt. Trotz diverser Bemühungen einer Gründung der Universität wurde dieser Schritt erst unter der habsburgischen Kontrolle im Jahre 1784 vollzogen. Andere Quellen beschreiben gegensätzlich, dass unter König Johann Kasimir schon 1661 eine Universität gegründet wurde. Diese ging mit einer Modernisierungswelle der Stadt einher. So wurden in diesem Zeitraum Oper, Tramlinien und Wasserleitungen gebaut. Nach dem Zusammenbruch von Österreich-Ungarn wurde die Universität in Johann-Kasimir-Universität, in der Tradition jener Universität von 1661, umbenannt. Da von österreichischer Seite eine relativ großzügige Minderheitenpolitik betrieben wurde, gab es zum Beispiel seit 1774 in Wien Lehrstühle für das „Studium ruthenum“, aber auch Lehrstühle für ukrainische Sprache an der Universität Lemberg. Diese Zeit endete mit der polnischen Herrschaft. Das Hochschulwesen erfuhr eine rasche Polonisierung, war aber weiterhin Anlaufpunkt für bekannte Historiker, Sprachwissenschaftler, Philosophen und Juristen. Trotz der angespannten Lage in der Stadt blieb die Kommunikation an der Hochschule davon weitestgehend unberührt. Anlaufpunkt für wissenschaftliche Diskussionen, fernab von Politik, waren die charakteristischen Kneipen und Kaffeehäuser der Stadt. Dieses kann jedoch nicht auf den organisatorischen Apparat der Universität angewendet werden. Alle ukrainischen Lehrstühle wurden entfernt und es wurden höhere Barrieren für Ukrainer eingerichtet, um ein Studium vollziehen zu können. So mussten sie zum Beispiel eine polnische Staatsbürgerschaft besitzen oder in der polnischen Armee gedient haben. Eine Geheimuniversität existierte als Resultat dessen bis 1925, konnte aber aufgrund der Restriktionen nicht aufrechterhalten werden. Es wurde mit Unterstützung der Tschechoslowakei eine „Ukrainische Freie Universität“ in Prag gegründet, die sich den Interessen der Ukrainer widmen sollte. Auch andere Minderheiten hatten unter der Polonisierungspolitik zu leiden, so wurde nach Piłsudskis Tod 1935 für die jüdische Bevölkerung ein Numerus clausus eingeführt. Außerdem hatten sie auf sogenannten „Gettobänken“ an der Universität zu sitzen. Im Jahr 1937/1938 studierten circa 9.000 Personen in Lwów, wobei circa 15 Prozent Ukrainer darstellen. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges veränderte sich das universitäre Leben nur geringfügig. Ukrainisch und die Geschichte des Marxismus-Leninismus ersetzten die Fokussierung auf die Geschichte Polens. Ansonsten durften weiterhin alle Ethnien der Stadt und des Umlandes zur Universität gehen.

Einige polnische Wissenschaftler, denen eine Verbindung zum Militär nachgewiesen werden konnte, wurden in Katyń oder Charkov, später vom NKWD, ermordet oder in die UdSSR verbannt. Nach Besetzung der deutschen Wehrmacht kam es zugleich auch zu großen Erschießungen der jüdischen Bevölkerung. So wurden am 4. Juli 1941 am Hang der Wzgórza Wuleckie 23 Professoren jüdischer Abstammung erschossen; insgesamt wurden im wissenschaftlichen Umfeld 98 Personen umgebracht. Ließ die Sowjetische Führung organisatorisch größtenteils alles beim Alten, kam es bei der deutschen Besatzung zu großen Umwälzungen. Schlossen die Universitäten vorübergehend, um insbesondere den Polen den Zugang zur universitären Bildung zu verweigern, wurden die Institutionen jedoch wieder 1942 unter dem Namen „Staatliche Fachkurse Lemberg“ wiedereröffnet. Grund hierfür war der Mangel an Fachkräften im Generalgouvernement. In diesen Fachkursen war jegliches Aushändigen von Diploma untersagt; auch durften die Studierenden nicht „Student“ genannt werden, sondern wurden nur als „Teilnehmer“ bezeichnet. Trotz aller Restriktionen gegenüber der polnischen Bevölkerung, „studierten“ im Sommersemester 1943 immer noch über 700 Polen, bei einer Anzahl von 2.800 Studenten. Ukrainische Studenten wurden hierbei generell bevorzugt; diese durften auch Stipendien erhalten. Nach der erneuten Besetzung durch die Sowjetunion im Jahr 1944 erhielt die Universität den Namen, den sie auch schon 1939 bei der ersten Okkupation trug, nämlich „Nationale Iwan-Franko-Universität Lwiw“. Neben Ševčenko war Iwan Franko einer der bekanntesten ukrainischen Dichter und wurde 1916 in Lviv, der Stadt seines Wirkens, beigesetzt. Der Großteil des polnischen Verwaltungsapparates, der polnischen Bibliothek und verschiedener Institute wechselte im Zuge der Polnischen Westverschiebung von Lwów nach Wrocław. Anderweitige Veränderungen an der Universität Lviv brachte der Zusammenbruch der Sowjetunion mit sich. Seitdem entstanden diverse neue Lehrstühle, wie „Internationale Beziehungen“, „Philosophie“ oder „Übersetzung und Komparative Linguistik“. Die Zahl der Studierenden beträgt zurzeit circa 22.000. Weitere circa 33.000 Menschen studieren an der „Nationalen Polytechnische Universität Lviv“.

 

Literatur
Bechtel, Delphine (2008): Von Lemberg nach L'viv. Gedächtniskonflikte in einer Stadt an der Grenze. In: Osteuropa, Jg. 58, H. 6, S. 211–227.

Horbatsch, Anna-Halja (1993): Polnische Stadt und ukrainische Minderheit. Nationale Gegensätze im Lemberg der Zwischenkriegszeit. In: Fäßler, Peter, u.a. (Hg.), Lemberg-Lwów-Lviv. Eine Stadt im Schnittpunkt europäischer Kulturen, S. 92-113.

Mick, Christoph (2003): Ethnische Gewalt und Pogrome in Lemberg 1914 und 1941. In: Osteuropa, Jg. 53, H. 12, S. 1810–1827.

Tsybenko, Larissa (1998): Lemberg in der Frühen Neuzeit. Ein kulturgeschichtlicher Überblick. In: Klaus Garber (Hg.): Stadt und Literatur im deutschen Sprachraum der Frühen Neuzeit. Band II (39), S. 1007–1033.

Walczak, Marian (1992): Ukrainer und Polen als Studenten in Lemberg 1942-1944 (Lemberger Fachkurse) In: Nordost-Archiv. Band 1, 1992, Heft 2: S. 577–592.