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Jüdisches Leben in Czernowitz in der longue durée

Beitrag von Luisa Hagen

Als eine Besonderheit der bukowinischen Hauptstadt galt der große jüdische Bevölkerungsanteil, der das kulturelle Leben für lange Zeit prägte. Bereits im Mittelalter siedelten sich hier Juden an. Czernowitz wurde als Jerusalem am Pruth, zweites Kanaan oder jüdisches Eldorado Österreichs bezeichnet.  

Die Ära der Habsburger und das goldene jüdische Zeitalter
Als Folge des russisch-türkischen Kriegs ging Czernowitz, das bis 1775 Teil des Fürstentums Moldau war, an die österreichische Krone über. Alsbald gehörte die Stadt dem Habsburger Reich an. Die Lage der Juden in der Bukowina änderte sich durch das Josephinische Toleranzpatent von 1789. Es erlaubte ihnen, Ackerland zu pachten und Berufe frei zu wählen. Ab 1848 erhielten sie durch das Staatsgesetz gleiche Rechte; seit 1867 galt diese Gleichberechtigung auch für die Besitzrechte. Dennoch kam es nicht zur Anerkennung einer eigenen jüdischen Nationalität.

Die Periode zwischen 1849, als die Bukowina nicht mehr zu Galizien gehörte, sondern zu einem eigenen Kronland der Habsburger Monarchie erkoren wurde, und 1918, als die Bukowina Teil Großrumäniens wurde, gilt als das sogenannte Goldene Zeitalter des Bukowiner Judentums. Zahlreiche Juden, die in ärmlichen Verhältnissen lebten, wanderten von Galizien, der rumänischen Moldau und Bessarabien nach Czernowitz. Zwischen 1868 und 1881 stieg der Anteil der jüdischen Bevölkerung in der Bukowina um 40 Prozent. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ab es allerdings zahlreiche Juden, die von Osteuropa in die USA emigrierten, darunter auch einige Czernowitzer. Besonders 1886 kam es durch eine Export- und allgemeine Wirtschaftskrise, verursacht durch erhöhte Zölle vonseiten Russlands und Rumäniens, zur Auswanderung von mehreren Tausend Juden.  

Die Filialen der Wiener Banken in Czernowitz waren meist unter der Leitung jüdischer Direktoren. Die 1850 gegründete Handels- und Gewerbekammer wurde von einflussreichen jüdischen Familien geführt. Zahlreiche Juden arbeiteten an staatlichen Schulen und als höhere Verwaltungsbeamte, sie eröffneten mehrere Gewerbeschulen sowie eine Früchte- und Warenbörse. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war der Großteil der Rechtsanwälte, Ärzte und Apotheker, doch auch der Handwerker und Druckereien, in Czernowitz jüdisch. 98 Prozent der Schankstuben wurden 1885–1894 von Juden betrieben, ebenso die Hotel- und Gastronomiebranche und die Nachtlokale, welche boomten. Im Jahr 1910 war ein großer Anteil der Geschäftsleute im Groß- und Einzelhandel jüdisch. Es gab jüdische Pioniere in der Industrie, in Brauereien, Zementwerken und Bauholzfabriken.

Zwischen 1866 und 1867 wurde die jüdische Gemeinde durch eine Choleraepidemie und einen Großbrand, der das jüdische Stadtviertel mit seinen Holzhäusern beinahe vollkommen zerstörte, schwer getroffen. Die Große Synagoge hingegen blieb – in der lokalen Wahrnehmung wie durch ein Wunder – fast unversehrt. Bereits vor diesen Unglücksjahren zogen reiche Juden aus den ärmeren Quartieren ins Zentrum sowie an den Fuß des Berges, dem moderneren Teil der Stadt. Der Wiederaufbau des vernichteten jüdischen Viertels wurde durch jüdische Architekten und Baugesellschaften geleistet. Es entstanden Vergnügungs-Etablissements und Hotels, wie das Palasthotel und Hotel Bristol, die fast ausschließlich von Juden geführt wurden. Czernowitz mauserte sich von der Provinzstadt zu einer beliebten Metropole.

Ab den 1850er Jahren besuchten jüdische SchülerInnen auch deutsche Schulen. Es wurden Gymnasien ausgebaut, wodurch einer neuen Schicht der soziale Aufstieg gelang. Unter den weiblichen Schülern an Czernowitzer Gymnasien waren überwiegend Jüdinnen vertreten. Seit der Universitätsgründung in Czernowitz 1875 studierten viele Juden Rechts- und Geisteswissenschaften und stellten einen großen Anteil der Studierenden.

In der Phase zwischen 1900 und 1913 stieg die jüdische Gemeinde von 13 auf 47,4 Prozent der Gesamteinwohner. Czernowitz nahm den dritten Rang der größten jüdischen Städte in der Habsburger Monarchie nach Wien und Lemberg ein. Durch den sogenannten Bukowiner Ausgleich (1910) wurden die ethnischen Gemeinden gleichberechtigt. Seitdem fand das „nationale“ Leben in Czernowitz vor allem in den fünf rege geführten National- beziehungsweise Volkshäusern – dem Ukrainischen, Rumänischen, Polnischen, Deutschen und Jüdischen Haus – statt. Mehrsprachige Presse, Literatur, Theater und nationale Schulen florierten. Deutsch war die Lingua Franca, die alle vereinte. In Czernowitz wurde die deutschsprachige Kultur überwiegend von Juden vertreten, beispielsweise durch LyrikerInnen wie Rose Ausländer und Paul Celan. Die Juden könnte man in dieser Hinsicht als die „eigentlichen Österreicher“ in Cernowitz bezeichnen. Doch auch das Jiddische wurde gepflegt und als eine eigenständige jüdische Sprache wertgeschätzt, wodurch es beispielsweise 1908 zur Ersten Jiddische Sprachkonferenz in Czernowitz kam. Anhänger diverser jüdischer Strömungen, wie Zionisten, Chassiden, Orthodoxe, Liberale und Marxisten, waren in der Stadt vertreten. Die Palästina Arbeit wurde sehr ausgeprägt von Czernowitz und der ganzen Bukowina aus intensiv gefördert.

 

Wechselnde Regimes und jüdisches Leben von 1914 bis heute
Dreimal wurde Czernowitz im Ersten Weltkrieg von russischen Truppen belagert. Da die Rumänen 1918 im Zuge der Pariser Friedensverträge an die Macht kamen, begannen sie, die Stadt zu rumänisieren, wodurch sich das Klima extrem wandelte. Insbesondere für die Juden war dies spürbar, da sie zusehends von direktem Antisemitismus betroffen waren. Sie wurden aus dem Staatsdienst entfernt, mit der Begründung, dass sie nicht ausreichend Rumänisch sprechen würden. Auch an der Universität in Czernowitz verschwand die deutsche Sprache aus der Lehre; den zahlreichen jüdischen Dozenten wurde fast allen gekündigt. Der Anteil der Juden in Czernowitz war im Jahr 1930 mit 47 Prozent beinahe der höchste in Europa. Trotz der Einschränkungen vonseiten Rumäniens erlebte das kulturelle jüdische Leben in der Stadt, ähnlich wie unter den Habsburgern, eine Blütezeit.

1940/41 wurde Czernowitz dem Hitler-Stalin-Pakt zufolge sowjetisiert. Zwischen 1941 und 1944 wurde unter rumänischer und deutscher Besetzung ein jüdisches Ghetto in Czernowitz errichtet. Dieses Ghetto war aber kein eindeutiges Territorium. Es kam zu zahlreichen Deportationen der jüdischen Gemeinde in die Lager Transnistriens – dem sogenannten vergessenen Holocaust. Mehrere zehntausend Czernowitzer Juden kamen dort ums Leben. Ab 1944 emigrierten einige Holocaust-Überlebende nach Palästina.

Nach der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 verließen erneut etliche Juden die Stadt. 2005 wurde die Größe der jüdischen Gemeinde auf 3.000. Die meisten Juden sprechen Russisch. Es gibt eine jüdische Schule, die Mittelschule Nr. 41, die auch Nicht-Juden aufgrund Schülermangels besuchen dürfen. Hier werden jüdische Traditionen vermittelt und Hebräisch unterrichtet. Es gibt mehrere Wohltätigkeitseinrichtungen für mittellose und ältere Juden, wie dem Verein Chessed Schuschana, der mithilfe des Joint (American Jewish Joint Distribution Committee) für eine medizinische Betreuung sorgt.
           
Für die jüdische Gemeinde im österreichischen Czernowitz, rumänischen Cernăuţi, russischen Черновцы (Tschernowzy) beziehungsweise ukrainischne Чернiвцi (Tscherniwzi) hatte die Stadt im Verlauf der Geschichte viele Gesichter:

„ein Schwarzwalddorf, ein podolisches Ghetto, eine kleine Wiener Vorstadt, ein Stück tiefstes Russland und ein Stück modernes Amerika“ (Karl Emil Franzos).

Heute spielt sich der Alltag noch lebender Czernowitzer Juden und ihrer Nachfahren überwiegend in der Diaspora ab, auch wenn sie sich immer wieder auf Spurensuchen nach Czernowitz begeben. Sie pflegen das jüdische kulturelle Erbe der Stadt, indem sie zum Beispiel Erinnerungen, Fotos, Rezepte und Berichte zu aktuellen Projekten – wie der Pflege des jüdischen Friedhofs – auf der Seite http://czernowitz.ehpes.com/ teilen, diskutieren und Reunions organisieren. Hedwig Brenner (1918 – 2017), die sich zu ihren Lebzeiten auch auf der Seite zu Wort meldete, erläuterte in ihrem Werk „Mein altes Czernowitz“:

„Ja, Czernowitz, die Weltstadt! Für diese übertrieben anmutende Formulierung gibt es eine einfache Erklärung. Die Czernowitzer findet man über die ganze Welt verstreut! Kriegswirren und schnell wechselnde Eroberer haben die Einwohner vertrieben. Selbst wenn diese längst nicht mehr am Leben sind, so tragen ihre Nachkommen, Kinder, Enkel, Urenkel, in ihren Herzen die Liebe und Sehnsucht nach der einstiegen Heimat der Vorfahren. Genau wie Moslems nach Mekka pilgern und Juden sich nach Jerusalem sehnen, so pilgern alle in die Bukowina, Deutsche, Juden, ausgewanderte Ukrainer.“ (Brenner, 2010, S. 123.)

Rosa Zuckermann (1908–2002), Protagonisten des preisgekrönten Dokumentarfilms Herr Zwilling und Frau Zuckermann (1999) von Volker Koepp und eine der wenigen in Czernowitz gebliebenen Juden, verdeutlichte ihre Verbundenheit zu ihrer Heimatstadt und deren wechselvolle Geschichte aus jüdischer Perspektive:

„Ich bin Jüdin, so wie früher. Ich habe viele Leben gelebt, ein österreichisches, ein rumänisches, ein staatenloses und allen Gewalten des Schicksals ausgeliefertes, ein sowjetisches und jetzt ein ukrainisches Leben. Sterben werde ich als Jüdin, und auf dem jüdischen Friedhof von Czernowitz werde ich begraben sein.“ (Winkler, 2008, S. 221.)

In der Stadt leben derzeit nur noch etwa 1.000 Juden. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es circa 60 Synagogen, heute bestehen nur noch zwei aktive Synagogen: die Benjamin-Synagoge und die neue Synagoge Korn Shil, in der sich auch eine kleine Mikwe befindet. Auf dem Türkenplatz, wo früher eine Mikwe stand, befindet sich heute ein öffentliches Schwimmbad. Einer der beiden Rabbiner von Czernowitz missioniert unter den Juden, die größtenteils Senioren sind. Die orthodoxe Kirche empfindet die Synagogen in der Stadt zum Teil als wirtschaftliche Konkurrenz, was aber nicht der Fall ist. Die neue Synagoge Korn Shil verfügt zum Beispiel nicht einmal über finanzielle Ressourcen für Wachpersonal. Im Jüdischen Volkshaus, wo sich heute im Erdgeschoss die Dauerausstellung des jüdischen Museums befindet, treffen sich in den oberen Stockwerken Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Doch das jüdische Leben in Czernowitz spielt sich hauptsächlich in der Korn Shil Synagoge ab. Die Stadt verfügt aktuell über ein koscheres Restaurant, das direkt an die Synagoge angegliedert ist. Weiter kann man in der ehemaligen Herrengasse im Restaurant Panska Guralnya, welches an ein altes österreichisches Kaffeehaus erinnert, ein typisches ostjüdisches Gericht auf der Speisekarte finden: Gefillte Fisch. Dr. Mykola Kuschnir, Leiter des Museums für jüdische Geschichte und Kultur der Bukowina, welches im Jüdischen Volkshaus untergebracht ist, führte uns durch das ehemalige jüdische Viertel und Ghetto, sowie über den jüdischen Friedhof. Im Umkreis der Stadt besuchten wir zudem das ehemalige Zentrum des Chassidismus in Sadagora, von dem heute nur noch eine Synagoge bestehen geblieben ist, die renoviert wird. Kushnir bietet regelmäßig Führungen zum jüdischen Czernowitz an. Diese Entwicklungen lassen hoffen, dass das jüdische Erbe der Stadt für Einheimische, Touristen und in der Diaspora lebende Nachfahren noch stärker sichtbargemacht und gezielter bewahrt wird.

 

 

Literatur
Brenner, Hedwig: Mein altes Czernowitz. In: Brenner, Hedwig/Wiehn, Erhard Roy (Hg.): Mein altes Czernowitz. Erinnerungen aus mehr als neun Jahrzehnten 1918-2010. Unter Mitarbeit von Marie-Elisabetz Rehn. Konstanz 2010, S. 19–124.

Corbea-Hoişie, Andrei: Czernowitz. Jüdisches Städtebild. Frankfurt am Main 1998.

Hausleitner, Mariana: Eine wechselvolle Geschichte. Die Bukowina und die Stadt Czernowitz vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. In: Braun, Helmut (Hg.): Czernowitz. Die Geschichte einer untergegangenen Kulturmetropole. Berlin 2006, S. 31–81.        

Rychlo, Peter: Zum Problem der Synthese der Bukowiner Multikultur. In: Rubel, Alexander/Corbea-Hoişie, Andrei (Hg.): „Czernowitz bei Sadagora“. Identitäten und kulturelles Gedächtnis im mitteleuropäischen Raum (= Contribuţii Ieşene de Germanistică, Bd. 10). Iaşi/Konstanz 2006, S. 183–192.

Sha'ary, David: Die jüdische Gemeinde von Czernowitz. In: Heppner, Harald (Hg.): Czernowitz. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Stadt. Köln 2000, S. 103–128.

Heilingsetzer, Georg Christoph: Eine versunkene Welt – der Mythos von Czernowitz (12.01.2013),        <https://www.welt.de/reise/staedtereisen/article112703923/Eine-versunkene-Welt-der-Mythos-von-Czernowitz.html> (05.07.2017).

The czernowitz.ehpes.com Website, <http://czernowitz.ehpes.com/> (01.07.2017).

Winkler, Markus: Jüdische Identitäten im kommunikativen Raum: Presse, Sprache und Theater in Czernowitz bis 1923 (= Die jüdische Presse – Kommunikationsgeschichte im europäischen Raum, Bd. 4). Bremen 2007.

Winkler, Markus: Czernowitzer Judentum. Ein Mythos am Rande Europas?, in: Ost-West. Europäische Perspektiven 9.3 (2008), S.216-222.