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Bukowina-Mythos

Beitrag und Foto von Lisa Braun

„Wer diese Stadt durchwandert, dem treten so merkwürdig verschiedene, überaus bunte Bilder vor die Augen, daß er sich immer wieder verwundert fragt, ob es dieselbe Stadt ist, in der er wandelt. Ost und West, Nord und Süd, und alle erdenklichen Kulturgrade finden sich hier vereinigt.“ (Pollak, 2016, S.152.)  
Das berichtet Karl Emil Franzos aus seiner Zeit im Czernowitz des 19. Jahrhunderts.     
                       
Vor der Okkupation durch die Habsburger Monarchie 1774 war Czernowitz eine unbedeutende Handelsstadt an der Grenze zu Rumänien und Moldawien. Unter dem Einfluss Josephs II. und dessen Reformwillen im Zuge des aufgeklärten Absolutismus kam es zum wirtschaftlichen, demographischen und städtebaulichen Aufschwung in der Region. Auf dieses „Neue“ waren die Bewohner sehr stolz, was den Grundstein für den Lokalpatriotismus legen sollte, der über die nationalen Differenzen hinausging. Die Stadt wurde nach habsburgischem Vorbild gebaut und zu einem Sammelbecken verschiedener Nationalitäten und Kulturen, die sich über 144 Jahre frei entfalten konnten.         

Im Jahr 1910 zählte Czernowitz 85.000 Einwohner, von denen 30 Prozent Juden, 18 Prozent Ukrainer, 17 Prozent Polen, 15 Prozent Rumänen sowie 16 Prozent Deutsche waren, um nur die zahlenmäßig am stärksten vertretenen Gruppen zu nennen. Czernowitz war also eine multikulturelle, multinationale, multikonfessionelle österreichische Stadt, deren Bewohner es sich friedlich nebeneinander eingerichtet hatten, tolerant den anderen ethnischen Gruppen gegenüber – das macht bis heute den Mythos von Czernowitz aus.       

An ihren Traditionen und Kulturen hielten die Volksgruppen fest. So bildeten sich in Czernowitz unzählige Vereine und Organisationen, auch hatte fast jede Volksgruppe ein eigenes Theater. Doch bei solch einer Dichte konnten die Ethnien kaum isoliert bleiben, sodass sich die Kulturen gegenseitig beeinflussten. Die öffentliche und private Kommunikation, der ständige Gedankenaustausch sowie der ununterbrochene Dialog gehörten zu den gesellschaftlichen Verkehrsformen, von denen alle Kulturen profitierten. Hierbei bildete die deutsche Sprache das Bindeglied zwischen den Nationalitäten; auch die Czernowitzer Intellektuellen bedienten sich an ihr.      

Ein Spezifikum des geistigen Lebens in Czernowitz war die hohe Präsenz der Juden. Diese waren ungeheuer kreativ und hinterließen ein beachtliches Werk in verschiedenen Kultursphären, insbesondere auf dem Gebiet der Literatur: Eliezer Steinbarg (jiddisch), Paul Celan und Rose Ausländer (deutsch), um nur einige zu nennen. Diese und viele andere Literaten ließen sich von Ideen, originellen Theorien und Talenten, von denen es in Czernowitz nur so wimmelte, inspirieren. Diese kulturelle Vielfalt sollte jedoch durch die beiden Weltkriege ihr jähes Ende finden und zu einem geschichtlichen Mythos werden.      

Eine Chronologie der Tragöde  
1918 stand der Untergang der Habsburger Monarchie fest, die Bukowina wurde durch das rumänische Militär besetzt, was die rigorose Rumänisierung auf allen Ebenen der Gesellschaft zur Folge hatte. Die deutsche Sprache wurde in den Folgejahren kriminalisiert und es entwickelten sich nationalistische und faschistische Strömungen. Es kam zur rechtsstaatlichen sowie zivilrechtlichen Diskriminierung der nationalen Minderheiten. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Nordbukowina 1940 durch die Sowjets besetzt (Hitler-Stalin-Pakt). 100.000 Bewohner der deutschen Volkgruppe mussten die Bukowina unter dem Slogan „Heim ins Reich“ verlassen; die jüdische Bevölkerung wurde in Lager nach Transnistrien deportiert, während sich die rumänische Bevölkerung in die Südbukowina absetzte. Im weiteren Verlauf des Krieges wurde die Bukowina erneut von rumänischen Truppen in Kollaboration mit den Deutschen eingenommen. Es folgte die Vertreibung der Juden aus der Bukowina in Ghettos oder Arbeitslager.

Die Gegend „in der Menschen und Bücher lebten“ (Paul Celan), verlor ihre tragenden Lebensstützen. Die Nordbukowina wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Teil der Sowjetunion, wodurch eine unbekannte Epoche dieser ehemals pulsierenden Stadt und der Region im Allgemeinen begann: Entwicklungen, Verhältnisse, Konflikte und inneres Gefüge, politischer Status der Stadt, sein soziales Selbstverständnis und kulturelles Bewusstsein sind uns weitgehend unbekannt geblieben. Heute verstehen sich im Gebiet Czernowitz 70 Prozent als Ukrainer, nur noch 1,8 Prozent als Juden und gerade einmal 0,02 Prozent als Deutsche.

           
„Czernowitz wurde in seinem Inneren zerstört. Versunken ist ja nicht die Stadt, ihr Leib, ihr Körper, ihr Gehäuse, ihre Topographie. Dies alles gerade eben nicht. Verloren gegangen sind ihr die Menschen, der Geist der Stadt.“ (Braun, 2006, S.145.)

Mit der Beendigung der Teilung Europas in Ost und West und der zunehmenden europäischen Integration beginnt heute die Beschäftigung mit der wechselvollen Geschichte der Bukowina wieder. Hierbei sollten, vor allem im aktuellen politischen Diskurs, Czernowitz und die Bukowina als Beispiel für das friedliche, zivilisierte und weitgehend nach rechtsstaatlichen Überzeugungen organisierte Zusammenleben unterschiedlicher Völker mit diversen Sprachen, unter verschiedenen Glaubensbekenntnissen, auf überschaubarem Raum, dienen; eine geschichtliche Flaschenpost also.    

Die Stadt Czernowitz hat bereits herausgefunden, wie sie an ihre Vergangenheit erinnern kann. Zwar sucht man auch hier vergebens nach der ehemaligen Bevölkerung und braucht Experten auf der Suche nach der jüdischen bzw. multikulturellen Vergangenheit, dennoch zeigen Festivals wie das „Meridian“, das auf Ukrainisch und Deutsch abgehalten wird, inwieweit die deutsche Sprache diese Stadt einmal prägte.

Braun_Bukowina

Die Bukowina mit ihrer multikulturellen Vergangenheit wird zum Marketingobjekt und Czernowitz zum Aushängeschild der Region. Wir selbst haben als Gruppe in der Diskussion allerdings festgestellt, dass zum Teil leider ein unzureichendes Bild der Geschichte vermittelt wird, welches die Habsburger Monarchie zu verklären scheint. Sicherlich führte die Habsburger Okkupation zur Blüte der Region; jedoch gab es Konflikte, Ungerechtigkeiten und Probleme zwischen den verschiedenen Kulturen. Trotzdem denke ich auch nach der Reise, dass uns das multiethnische Zusammenleben in Czernowitz im heutigen Europa ein Vorbild sein kann. Gleichzeitig muss aber (auch vor Ort) ein differenziertes Bild der Vergangenheit dargelegt werden, denn nur dann kann man aus der Geschichte lernen.

 

 

Literatur
Afsari, Ariane und Martin Pollack: Czernowitz Mythos, Potsdam 2008.

Braun, Helmut (Hg.): Czernowitz. Die Geschichte einer untergegangenen Kulturmetropole, Berlin 2006.

Pollack, Martin: Galizien, Berlin 2016.