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Erfahrungsbericht Cadiz 3


Studienbericht über das Auslandssemester in Cadiz im Sommersemester 2005

Wahrscheinlich geht es allen so, die einen solchen Bericht über ihr Auslandssemester schreiben sollen: man weiß überhaupt nicht, wo man eigentlich anfangen soll. Vor allem vergisst man wegen der vielen mitgebrachten Eindrücke oft die Probleme, die es im Vorfeld gab. In meinem Fall hatte das Erasmusbüro der Uni Augsburg mich und noch einige weitere Kommilitoninnen zu spät an den ausländischen Universitäten angemeldet – leider waren an der Uni Cadiz schon alle Erasmusplätze vergeben und unser Auslandssemester wäre knapp einen Monat vor geplanter Abreise fast geplatzt. Glücklicherweise hatte man in Cadiz Mitleid mit uns und nahm und trotzdem auf. Deshalb meine dringende Empfehlung an alle, die ein Erasmus-Auslandssemester planen: Verlasst euch nicht auf das Erasmusbüro, sondern schickt die Anmeldeformulare zusätzlich selbst zu eurer ausländischen Uni und nehmt rechtzeitig Kontakt mit der dortigen zuständigen Stelle (Relaciones Internacionales) Kontakt auf, um böse Überraschungen zu vermeiden. Nachdem dieser anfängliche Schreck überwunden war, stand also dem Semester in Cadiz, der Hauptstadt einer der acht Provinzen Andalusiens, nichts mehr im Wege.

Über das Wohnungsbüro der Uni Cadiz (Oficina de Alojamiento) hatte ich auch schon vor meiner Ankunft eine Wohnung gefunden, die sich eine spanische Freundin aus Jerez für mich angeschaut und mir Fotos geschickt hat. Mit der Wohnung hatte ich großes Glück, da sie sich nicht nur in herrlicher Lage direkt am Meer befand, sondern groß, hell und ordentlich war. Ich habe im Gegensatz zu vielen anderen alleine in der Wohnung gewohnt, da ich drei Hausarbeiten aus Deutschland mitgenommen habe und diese in Ruhe schreiben wollte, außerdem war ich vier Monate länger dort und konnte so auch bequem Besuch unterbringen. Generell ist es kein Problem, über die Aushänge an den Fakultäten und das Wohnungsbüro zu Semesterbeginn ein preiswertes Zimmer oder Wohnung zu finden. Man sollte aber v.a. in der Altstadt aufpassen, denn dort sind die Häuser teilweise schon recht marode und es werden mit Vorliebe kleine Zimmer ohne Fenster an verzweifelte Studenten auf Wohnungssuche vermietet. Nach meiner Ankunft am 14.2.2005 auf dem gemütlichen, kleinen Flughafen der Sherrystadt Jerez de la Frontera konnte ich dann gleich in meine Wohnung einziehen, und mich um die Anmeldung an der Uni kümmern. Dazu muss man sich im Erasmusbüro (Relaciones Internacionales) im Rektoratsgebäude melden, wo man außer einem freundlichen Empfang noch einen Studentenausweis, Stadtplan und Stadtführer, ein T-Shirt der Uni und einen persönlichen Erasmustutor bekommt. Dieser Erasmusbetreuer ist vor allem dazu da, bei Problemen mit dem Stundenplan zu helfen, bzw. diesen abzusegnen. Am besten ist es aber, schon zu Hause einen Blick auf den im Internet zugängliche Stundenplan zu werfen und sich diesen von einem Studenten erklären zu lassen, der vorher schon in Cadiz war, denn auf den ersten Blick ist dieser Plan sehr verwirrend. In der Uni Cadiz ist außerdem ein Student aus einem höheren Semester als Ansprechpartner für alle weiteren Fragen da.

Den Spanischkurs, der an der Uni für die Erasmusstudenten angeboten wird, habe ich nicht besucht, da ich vorher schon sieben Jahre lang Spanisch gelernt habe. Die Meinungen über diesen Kurs sind recht geteilt, Einigkeit herrscht nur darüber, dass er billiger als ein privater Kurs ist und nützlich sein kann, um Leute kennen zu lernen. Man sollte aber daran denken, dass man dort nur Erasmusstudenten kennen lernt, und dann schnell Gefahr läuft, in eine solche Gruppe hineinzurutschen und von den gaditanos, den Bewohnern von Cadiz, selbst gar nichts mitzubekommen. Das wäre sehr schade, denn die gaditanos sind nicht nur sehr nett und hilfsbereit, sondern auf diese Weise bekommt man auch den besten Einblick in Land und Leute und gewöhnt sich am schnellsten an den anfangs oft hinderlichen Dialekt. Ich habe viele gehört, die sich beschwert habe, dass es schwer sei, mit den spanischen Studenten in Kontakt zu treten. Diese Erfahrung habe ich zum Glück nicht gemacht, aber man darf eben nicht einfach nur darauf warten, von ihnen angesprochen zu werden, sondern man muss selbst auf die Leute zu gehen und ihre Begegnung suchen. Was die Dozenten betrifft, kann ich nur sagen, dass sie stets sehr freundlich und hilfsbereit waren, besonders auch den ausländischen Studierenden gegenüber. Es war stets möglich, in einer der sehr viel zahlreicheren Sprechstunden als in Augsburg, nachzufragen oder sich etwas nochmals erklären zu lassen.

Insgesamt habe ich vier Veranstaltungen aus dem Angebot des Studienfaches Humanidades (Geisteswissenschaften) besucht: - "Arte Iberoamericana" bei Dr. Moreno Puppo, eine 4-stuendige Kunstgeschichtsvorlesung über v.a. die Architektur in Lateinamerika, die von den Kolonisatoren aus Spanien und Portugal importiert wurde. - "La civilización del occidente medieval" bei Prof. Dr. Sanchez Saus, eine 3-stuendige Vorlesung, die wegen der wenigen Teilnehmer fast Seminarcharakter hatte und äußerst interessante Einblicke in Lebensformen und -welten des europäischen Mittelalters gab. - "Literatura española contemporánea" bei Prof. Dr. Martínez Galan, eine 2-stuendige Veranstaltung, in welcher uns die Dozentin mehrere Werke der modernen spanischen Literatur und auch deren Verfilmungen und Theaterinszenierungen näher brachte. - "Introducción a la historia cultural del mundo antiguo" bei Dr. Lapena Marchena, eine 4-stuendige Vorlesung, deren Ziel es war, einen Überblick über die Kulturen der Antike, d.h. Griechenland und Rom, aber auch über Ägypten und Mesopotamien, zu geben. Insgesamt ist die komplette Lehr- und Lernstruktur in der spanischen Universitaet ziemlich anders aufgebaut als in Deutschland und wohl noch mehr am Oberstufenunterricht, wie wir ihn aus der Gymnasialzeit kennen, aufgebaut. Das Arbeiten der Studenten wird noch stärker vom Dozenten angeleitet, Referate der Studenten werden selten verlangt und die meisten Kurse mit Klausuren abgeschlossen. Dementsprechend mager ist auch der Bestand der Bibliothek. Wer eine Hausarbeit aus Deutschland mitbringt, um sie im Ausland zu schreiben, sollte unbedingt sämtliches Material schon mitbringen und sich nicht darauf verlassen, dass ja eine Bibliothek vor Ort vorhanden ist. Veranstaltungen für Erasmusstudenten gab es leider sehr wenige, und diese beschränkten sich meist auf die von den studentischen Tutoren organisierten Fiestas. Langeweile ist bei mir aber trotzdem nie aufgekommen. Nachdem das Semester im Juni zu Ende ging, habe ich die verbleibende Zeit genützt, um meine Hausarbeiten für die Seminare aus Augsburg zu schreiben, denn im Februar hatte ich keine Zeit dazu, da die Uni in Spanien sofort anfing, als sie in Deutschland zu Ende war.

Natürlich habe ich auch ausführlichst Cadiz, die Provinz und ganz Andalusien erkundet. In meinem Fall kamen meine Eltern mit dem Auto zu Besuch und ließen dieses dann bei mir. Das hat zwar viele Vorzüge, aber auch mit Bus, Bahn und Mietwagen kommt man recht billig überall hin. Neben dem Karneval, dessen absolute Hochburg Cadiz ist, sollte man auf keinen Fall die Umzüge der Semana Santa und die zahlreichen Ferias verpassen, die im Frühjahr und im Sommer in sämtlichen Städten und Dörfern Andalusiens stattfinden. Es ist kaum in Worte zu fassen, was die Andersartigkeit des Lebens in Cadiz ausmacht – es ist einfach alles bunter, lauter, wärmer und einfacher. Alles Wichtige spielt sich auf der Straße ab, nur unterbrochen von der obligatorischen Siesta, und im Sommer vor allem abends und nachts und am endlos langen Strand. Bestimmend für die Laune der ganzen Stadt ist in Cadiz der Wind – der Levante – der auch immer wieder mit bis zu 90km/h durch die Strassen fegt, und ohne den angeblich keine drei Tage vergehen. Wer im Winter in Cadiz ist, oder wie ich im Februar dort ankommt, sollte sich warm anziehen: außer dem Levante tun die extrem hohe Luftfeuchtigkeit und die in keiner Wohnung vorhandene Heizungen ein Übriges. Der gaditano kennt zwar keinen Schnee, aber feuchte, klamme Kälte und schlecht isolierte Fenster können schlimmer sein. Der Sommer rekompensiert einen dafür mit fünf regenlosen Monaten mit dauerhaften 45 Grad. Das extreme Klima ist jedoch nichts im Vergleich zur hohen Arbeitslosigkeit und den schlechten Zukunftsaussichten der Jugend. Viele dieser Probleme kommen erst zum Vorschein, wenn man an der Oberfläche der berühmten Lebensfreude kratzt. Besonders erschreckend sticht der Gegensatz ins Auge, wenn man einen Abstecher in eines der unbekannten kleinen Dörfer im Hinterland wagt und anschließend an die Costa del Sol mit ihren Bettenburgen und Jet-Set-Treffs weiterfährt. Es herrscht aber dennoch kein dauerndes Beklagen der schlechten Situation, wenn man sich auch dieser sehr genau bewusst ist. Stattdessen nützt man in Cadiz gerne jede Möglichkeit, um ausgelassen zu feiern, am besten am Strand. Lieblingsanlass der gaditanos ist natürlich ein Sieg ihrer Fußballmannschaft ("ese Cai, ole!")

Am 27.9. bin ich schweren Herzens in Cadiz losgefahren und habe dort viele neue Freunde, viel leckeres Essen und eine Stadt mit einem ganz besonderen Ambiente zurückgelassen. Am 2.10. bin ich nach einem Abstecher nach Granada und Alicante wieder in Augsburg angekommen. Es waren unvergessliche acht Monate, die ich in Cadiz verbracht habe, und ich möchte diese Erfahrung nicht missen, in einem anderen Land zu leben und zu studieren, eine andere Sprache richtig zu sprechen und viele neue Menschen und ihre Lebensweise kennen zu lernen. Cadiz wird auch Fräulein des Meers und Braut des Windes genannt – seitdem ich wieder hier bin, weiß ich, warum.

Meldung vom 18.07.2007