Das Ende des 19. Jahrhunderts steht im alten Europa unter dem Zeichen des Niedergangs. Die noch bis zur Jahrhundertmitte gültige Idee der Perfektibilität wird pensioniert. Fortschritt und Gutmenschentum – von der Religion ganz zu schweigen – werden von Seiten der politischen Ökonomie (Marx), der Naturwissenschaft (Darwin) und nicht zuletzt von der deterministischen Psychologie ante Freud für obsolet erklärt. Im Falle Frankreichs trägt die als katastrophal empfundene Niederlage gegen das deutsche Heer nicht unerheblich dazu bei, dass sich ein Bewusstsein der Dekadenz ausbreitet, ein Gefühl biologisch-kultureller Degeneration, das sich trotz oder vielleicht gerade wegen einer pläsierlichen Pariser Freizeitindustrie nur noch verstärkte. Gegen diese normauflösenden, zentrifugalen Tendenzen formieren sich um die Jahrhundertwende neue normbegründende Diskurse, die zwar auf ganz unterschiedlichen Feldern wirksam werden, jedoch einen gemeinsamen Fluchtpunkt aufweisen: die Wiedergeburt Frankreichs im Zeichen einer schillernden Lebensphilosophie. Dabei wird die lebensphilosophische Erweckung der Nation auf den unterschiedlichsten Diskursfeldern in ähnlicher Weise vermittelt. Ob nun auf dem Gebiet der Philosophie (Bergson, Nietzsche-Rezeption), der Literatur (Barrès, Zola), der neuen Körperdiskurse (Olympische Spiele, Tour de France) oder auch auf dem der Gedächtniskultur und politischen Theorie (Jeanne d'Arc-Kult, Boulangisme, Action française) – in der Regel folgen zeitgenössische Bestandsaufnahmen oder ästhetisch vermittelte Artefakte einem strukturellen Dreischritt: Der facettenreichen Beschreibung von Degenerationserscheinungen folgt der drohende oder tatsächliche Untergang, der nur durch heroische Akte aufgehalten oder kompensiert werden kann. Da Frankreichs 'Roman de l'énergie nationale' (Barrès) eine kaum untersuchte Langzeitwirkung entfaltet, sind auch Beiträge zur faschistischen Krisensemantik in der Literatur der 20er und 30er Jahre (Brasillach, Drieu La Rochelle, Céline) erwünscht.
Koordination:
Prof. Dr. Stephan Leopold (Mainz)
Email: leopold@uni-mainz.de
Dr. Dietrich Scholler (Ruhr-Universität Bochum)
Email: dietrich.scholler@ruhr-uni-bochum.de
Guy Ducrey (Strasbourg)
Quitter la Décadence à petits pas. Sur quelques représentations littéraires de danseuses entre 1890 et 1910
S’il est vrai, comme on l’a souvent affirmé après Jankélévitch (et comme le suggère le titre même de l’atelier Von der Dekadenz zu den neuen Lebensdiskursen), que l’idée de Décadence obéit à un modèle organique et met en jeu, avant tout, le corps, alors la danse s’offre assurément comme un instrument privilégié pour l’examiner et peut-être la définir. À la fin du XIXe siècle, des textes littéraires par centaines (romans, nouvelles, poèmes) se saisissent de la danseuse pour formuler une représentation apocalyptique du monde. De Louis Legrand (Cours de danse fin-de-siècle, 1892) aux romans de Lorrain, de Mourey, et d’innombrables autres la danseuse s’offre comme le prétexte à de vastes développements sur la décadence (des mœurs, des sociétés, de la morale). Surtout, elle offre aux écrivains l’occasion d’une poétique de la crise: devant l’indicible du mouvement chorégraphique, le langage se cherche, et parfois fait faillite, pour céder la place au blanc, aux points de suspension, voire à l’irruption de l’image graphique dans le livre. La danse n’est donc pas seulement l’occasion d’une réflexion sur la fin des sociétés, mais peut-être aussi sur la fin de la littérature.
Or, peu après le tournant du siècle, sous l’effet conjugué de nouvelles chorégraphies (celle, surtout, d’Isadora Duncan), une révolution semble se produire, et renverser cette représentation crépusculaire : le pied nu de la danseuse, son refus du costume traditionnel au profit du peplos grec, fascinent les écrivains, qui trouvent ici une vérité roborative et une leçon de vie. Les textes de Pierre Louÿs, avant ceux de Valéry, le montrent bien, qui savent prendre ce tournant. Mais c’est surtout la jeune Colette, écrivain tout autant que danseuse et mime, qui parvient dans ses textes des années 1910-1912, à montrer (y compris par une poétique renouvelée) comment la danse peut devenir, à cent lieues des mélancolies fin-de-siècle, un moyen de prendre congé de la Décadence.
Jörg Dünne (Erfurt)
Céline und die Katastrophe
Trotz aller Versuche der Literaturwissenschaft, die politischen Pamphlete Célines aus der Dreißigerjahren von seinen fiktionalen Texten getrennt zu halten, hat Céline seine Poetik im Rahmen eines ressentimentgeladenen Katastrophismus entwickelt, der die Kehrseite der vitalistischen bzw. biopolitischen Diskurse in Frankreich seit der Jahrhundertwende darstellt. Wie sehr dieser Katastrophismus Célines Ästhetik prägt, soll ausgehend von seinem weitgehend unerforschten „Ballet-mime“ mit dem Titel Voyou Paul. Brave Virginie untersucht werden, das ursprünglich 1937 in dem Pamphlet Bagatelles pour un massacre erschienen ist. Ausgehend davon lässt sich zeigen, wie Céline auch in seinem literarischen Werk an einer katastrophischen Mediologie arbeitet, die die grundlegende Frage nach dem Verhältnis von Schreiben und technischen Medien im Zeitalter der Biopolitik aufwirft.
Robert Folger (Utrecht)
Décadence und prekäre Maskulinität: Joris-Karl Huysmans' Marthe, histoire d’une fille und A rebours
Joris-Karl Huysmans' A rebours (1884) ist eines der herausragenden Zeugnisse der literarischen Dekadenz des Fin de siècle. Während dieses Werk zu Zeiten des Autors Kultstatus erlangte, wurde sein Erstlingsroman, Marthe, histoire d’une fille, aufgrund der drastischen Darstellung "weiblicher Dekadenz" von den Zeitgenossen heftig kritisiert. Dieser Beitrag untersucht das Zusammenspiel von misogyner moralischer "Verworfenheit" und maskuliner Degeneration in der Konstruktion einer prekären Maskulinität, und ihrer finalen Transzendierung in religiöser Erweckung.
Judith Frömmer (München)
Fleurs du Mal? Betörende und betäubende Blumen im französischen Roman des Fin de Siècle
„En même temps que ses goûts littéraires, que ses préoccupations d’art, s’étaient affinés, ne s’attachant plus qu’aux œuvres tirées à l’étamine, distillées par des cerveaux tourmentés et subtils; en même temps aussi que sa lassitude des idées répandues s’était affirmée, son affection pour les fleurs s’était dégagée de tout résidu, de toute lie, s’était clarifiée, en quelque sorte, rectifiée“, heißt es über Jean des Esseintes, den Protagonisten von Huysmans A rebours. In der „extravagance de la flore“, der in diesem Roman ein ganzes Kapitel gewidmet ist, wuchern nicht nur die „paradis artificiels“ des dekadenten Gärtners. In den rhetorischen Blüten, welche die exotischen Namen und Pflanzen von des Esseintes’ Sammlung natürlicher und künstlicher Blumen treiben, verdichtet sich vor allem auch eine literarische Tradition. So sind im französischen Roman des 19. Jahrhunderts Botanik und Schreiben, natürliches Wachstum und organischer Verfall, Zeugung und Tod in den wuchernden Signifikantenketten botanischer Beschreibungen topisch miteinander verschlungen. Der symbolische Umweg „durch die Blume“, wie ihn insbesondere die Romantiker einschlugen, wird im Roman des Realismus und der Décadence zu einem Labyrinth, in dem sich bereits die Protagonisten von Balzacs Le Lys dans la vallée zu verirren, ja an dem sie am Ende irr zu werden drohen. In den Romanen Zolas differenziert sich der „monde étrange des plantes“ zu literarischen Biotopen und Heterotopien aus, in denen mit den „noces puissantes de la terre“ biopolitische Phantasmen und sexuelle Perversionen gleichermaßen gedeihen können.
Susanne Goumegou (Bochum)
«Paysage affligé de tuberculose» – die Darstellung der Schwindsucht in der Lyrik und den autobiographischen Texten von Jules Laforgue
Die Dichtung der Dekadenz mit ihrem Hang zum Morbiden nutzt bekanntermaßen das kulturelle Konnotationspotential von Krankheit, um Normen in Frage zu stellen. Krankheit wird dabei auch zum Attribut des dekadenten Dichters, und so wird Jules Laforgue, der mit 27 Jahren an Tuberkulose verstorben ist, zu einer Figur, bei der Leben und Werk in der Krankheit zu konvergieren scheinen. In seinen Erzählungen ebenso wie in der Lyrik mit ihrer oft gegen linguistische und metrische Normen verstoßenden Sprache nutzt er u. a. das reiche Konnotationspotential dieser Krankheit, um die kulturelle Degeneration seiner Umwelt in mitunter sehr provokativer Weise zur Darstellung zu bringen. Dem geplanten Vortrag liegt die These zugrunde, daß dabei die Krankheit auf die Umgebung projiziert wird, daß sich in der erhaltenen Korrespondenz jedoch zeigt, wie er die durch die Krankheit verursachte, am eigenen Körper erlebte biologische Degeneration auf Distanz zu halten versucht. Werden im einen Fall die normauflösenden Tendenzen der an einer Auflösungs- und Verzehrungsmetaphorik reichen Krankheit genutzt, so versucht der Briefschreiber, der Krankheit durch getreuliches Befolgen der ärztlichen Vorschriften zu entkommen bzw. das von ihr ausgehende Beunruhigungspotential für sich und seine Adressaten gering zu halten.
Kurt Hahn (Eichstätt)
Komische Verzerrungen zwischen Vitalismus und Mortalismus – Zur kulturhistorischen Symptomatologie von A. Jarrys Ubu-Figur
Die ästhetische Produktivität des Fin de siècle hat ihre Kehrseite in der Ambiguität politischer Haltungen. Die Anfälligkeit für Nationalismus und Faschismus schlägt sich in den Biographien eines Barrès, D’Annunzio oder Hamsun nieder, während Nietzsches Hass auf den Bildungsphilister und das „Herdenvieh“ dem Chauvinismus generell in die Hände spielt. Auch abseits der harten Fälle wirkt so manche Reaktion befremdlich: Angetreten als revolutionärer „travailleur“ verschwindet Rimbaud schließlich ins koloniale Afrika; Mallarmé pfeift vorderhand auf die „cacophonie de la rue“, verfasst zugleich aber pläsierliche Modejournale und Huysmans nimmt seine morbide Kontrafaktur der bourgeoisen Scheinwelt letztlich in die mystische Verklärung zurück. Wo aber die soziokulturelle Labilität regiert, ergibt sich immer schon eine Angriffsfläche für Komik, deren moderne Variante weniger als brimade sociale denn als Relativierung normativer Positionen agiert. Mit Ubu roi (1896) kreiert A. Jarry einen epochalen Typus, gerade weil die marionettenhafte Überzeichnung eine politisch eindeutige Referenz dementiert. Ubus Umtriebe als Satire des Imperialismus oder Vorahnung totalitärer Vernichtungsindustrien zu deuten, bleibt daher ebenso einseitig, wie sie als acte gratuit zu feiern. Symptomatisch, so sucht der Beitrag zu zeigen, ist vielmehr das respektlose Spiel mit den dominanten Stimmungslagen, mit den Degenerationsphänomenen einerseits und dem élan vital andererseits. Verfalls- und Körperkult bilanziert Jarrys Stück auf der niedrigsten Stufe, wenn Ubu die Todesphantasmen des Fin de siècle auf triviale Gewalt, auf Morden und Brandschatzen reduziert und die vitalistische Aufwertung des Physischen im hemmungslosen Fressen, Saufen und Fäkalfetischismus ausagiert. Hier verliert der dekadente Mortalismus seine Aura und ist eine ideologische Indienstnahme der Lebensphilosophie von vorneherein ausgeschlossen. Was bleibt, sind Ubus groteske Verzerrungen, die keine karnevaleske Enklave mehr markieren, sondern das Vexierbild einer kulturellen Umbruchsphase am Abgrund zeichnen.
Katja Hettich (Bochum)
Transgression poetologischer Normen: Emotionalisierungsstrategien im naturalistischen Roman
Die Dekadenz-Literatur ist bestimmt durch ihre radikale poetologische Absage an die Möglichkeit positivistischer Welterfassung. Doch bereits ihre vermeintliche Negativfolie, der naturalistische Roman, bricht häufig aus einem ‚objektiven’ Erkenntnis- und Darstellungsmodus aus. Durch suggestive Beschreibungen macht er Elemente der Realität emotional erfahrbar, die sich der naturwissenschaftlichen observation und dem rationalen Verstehen entziehen: Instinkte und Leidenschaften – die in der naturalistischen Anthropologie entscheidenden Antriebskräfte menschlichen Handelns. Die Funktionen emotionalisierender Textstrategien im Dienste der naturalistischen Literaturkonzeption sollen anhand der Inszenierung des Ehebruch-Topos in Romanen des späten 19. Jahrhunderts verdeutlicht werden.
Reinhard Krüger (Stuttgart)
Androiden, Athleten und Aviatiker bei Jarry, Apollinaire und Marinetti: Der Übermensch in seiner Kunstwelt
Als Nietzsche die Idee des Übermenschen – erneut muß man sagen – propagiert, schreibt er gegen die nicht nur von Rousseau und Darwin gehobene Tatsache an, daß der Mensch ein Wesen sei, das aus dem Mangel heraus operiere und sich nur so habe entwickeln können. Das ausgehende 19. und das beginnende 20. Jahrhundert stellt durch technische, lebensmittelchemische und körperkulturelle Praktiken ein ganzes Paradigma zur Verfügung, welches die Möglichkeit anzuzeigen schien, daß der Mensch als Hyperanthropos tatsächlich seine stammesgeschichtliche Verbindung zum Affen abtrennen könne. Der technisch-apparativ aufgerüstete Mensch, ob nun als Velozipedist, als Automobilist, als Aviatiker oder als jemand, der die Telegraphie und das Telephon benutzt, schien jemand zu sein, in dem die Idee F.T. Marinettis von einer “moltiplicazione dell’uomo per la macchina” Realität zu werden sich anschickte. Ebenso war ein Modell dafür der Athlet, der speziell seit den 1. nachantiken Olympischen Spielen des Jahres 1896 in Athen oder seit den ersten 6-Tagerennen als Velozipedist seinen Körper zu einer Energieverarbeitungsmaschine wandelte und ggf. mit Jarrys fiktivem perpetuum-motion food aus seiner Erzählung Le Surmâle (1901) fütterte und damit begann, das Ideal dieses Übermenschen einzuholen. Dieser Übermensch bildet sich selbst, indem er seine Potentiale in Gestalt einer technischen Semiose nachbildet und umformt und damit als Schreibmaschinenschreiber, als Telegraphist, als Radfahrer, als Automobilist, als Aviatiker oder sportlicher Rekordhalter ein neues Dasein als Mensch erreicht. Der Velozipedist erschiene somit aus Apollinaires Perspektive als ein Surrealist der technischen Innovation, denn, so Apollinaire im Vorwort zu seinem drame surréaliste Les mammelles de Tirésias: “quand l’homme a voulu imiter la marche, il a inventé la roue qui ne ressemble pas à une jambe. Il a fait ainsi du surréalisme sans le savoir.”
Die Grenze vom technisch aufgerüsteten Übermenschen zum Android wird fließend und es stellt sich die Frage, inwiefern die machine célibataire (Duchamp), welche die ‘äffische’ Notwendigkeit der Zeugung im Kontakt mit einem anderen hinter sich läßt, in dieser Perspektive zu betrachten sei.
Darüber hinaus kann diese Entwicklung als eine Archäologie der Marvel-Helden wie Superman, Captain America, Batman, Spiderman etc. verstanden werden, und zwar in dem Maße, wie die denkbare Perfektionierung des Menschen mit technischen Apparaten, durch die Verschmelzung mit ihnen oder durch biomedizinische Transformation und Mutation erreicht wird. Kategorien wie das “Androgyn” oder der “Hermaphroditos”, die nach Mircea Eliade zwei grundverschiedene Typen von Synthese repräsentieren, könnten hier hilfreich sein, um Ordnung in den Phänomenen der Übermenschenwelt zu schaffen.
Stephan Leopold (Mainz)
Un amour pour la force et la santé: Zolas Quatre Evangiles
Begreift man Vitalismus im Sinne Michel Foucaults als ein diskursives Oberflächenphänomen, das sich wesentlich aus der ,Tiefenepisteme‘ des Mortalismus speist, so ist Zolas Romanwerk von Anbeginn vitalistisch. Seine gewaltige Degenerationssaga Les Rougon Macquart erzählt von Figuren, die trotz oder gerade aufgrund ihres Erbmakels für die Entfesselung einer Lebenskraft bürgen, die um so unheimlicher wirkt, als sie sich immer sub specie mortis vollzieht. Zola ist ein vom Tod besessener Autor, der nicht nur Zerfall in immer neuen Paradigmata ausagiert, sondern mit seiner unerschöpflichen Produktivität auch gegen diesen Zerfall anschreibt. Diese für Zola so wesentliche Spannung unterscheidet sein Werk von der lustvollen Hinfälligkeit der Dekadenz ebenso wie von der restauratorischen Heilsbotschaft des renouveau catholique. Nichtsdestoweniger verdankt es sich wie diese jener historischen Zäsur, die mit der Niederlage von Sedan die Frage nach einer neuen normativen Ausrichtung Frankreichs dringlich werden läßt. Wenn Zola diese Norm in den Rougon Macquart weithin vermissen läßt und er etwa einem konsequenten Sozialismus immer wieder ausweicht, so zeichnet sich mit Le docteur Pascal ein nunmehr um den Mortalismus gebrachter Vitalismus ab, in dem der späte Zola eine neue Norm für das kommende 20. Jahrhundert erblickt. Interessant ist hier nicht zuletzt, wie er damit die heilsgeschichtliche Dimension des renouveau catholique für eine Programmatik dienstbar macht, die gesunde Zucht, Arbeit, Wahrheit und Gerechtigkeit ineins setzt und so in der Tat weit ins 20. Jahrhundert weist.
Wolfgang Matzat (Tübingen)
Ich-Erzählsituation und Marginalisierung in Célines Voyage au bout de la nuit
Die ideologische Orientierungslosigkeit, die Célines vehemente Kritik der Moderne in Voyage au bout de la nuit prägt und seine spätere Neigung zum Faschismus erklärbar macht, ist in der Kritik schon recht genau erfasst worden. Weniger Aufmerksamkeit geschenkt wurde demgegenüber der von Céline in seinem Roman gewählten Ich-Erzählsituation und damit gerade dem Merkmal der narrativen Struktur, durch das sich Céline besonders deutlich von dem für ihn richtungweisenden Naturalismus absetzt. Die Bedeutung dieses Erzählverfahrens soll erfasst werden, indem deutlicher als bisher geschehen der Zusammenhang mit dem pikaresken Erzählen - und d.h.: mit dem dialogisch-provokativen Verhältnis des Picaros zum Leser und zu der von ihm vertretenen Gesellschaft - hergestellt wird. Vor diesem Hintergrund soll beschrieben werden, wie das Modell der Marginalisierung in einer noch vorbürgerlichen Gesellschaft auf die Verhältnisse in einer spätbürgerlichen Gesellschaft übertragen und die soziale Ortlosigkeit des Picaro zu einer ideologischen Ortlosigkeit transformiert wird.
Angela Oster (München)
Zur Dialektik von Dekadenz und Vitalismus bei André Gide
Die literarische Entwicklung des jungen André Gide weist typisch dekadente Züge auf. Mit exzessiven Nervenkrisen und esoterischem Ästhetizismus inszeniert sich der frühe Gide als eine Art des Esseintes ‚à rebours’. Seine Vorliebe für das ‚fin de siècle’ und für Oscar Wilde manifestiert sich im „Traité du Narcisse“ (1891). Von Anfang an wird die Dekadenz Gides jedoch von selbstironischen Reflexionen und heroischen Persiflagen begleitet, die seine Suche nach dem ‚wahren Leben’ motivieren.
Auf diesem Weg sind die Diskursfelder bzw. Chiffren des Reisens („Le Voyage d’Urien“; 1893) und der Homosexualität („Corydon“; veröffentlicht 1911) sowie die Lektüre der Schriften Bourgets, Schopenhauers und Nietzsches prägend. Programmatischen Ausdruck findet Gides neue Lebensphilosophie in „Les Nourritures terrestres“ (1897) und in „L’Immoraliste“ (1902). Der Vortrag versucht, die dialektische Spannung zwischen Dekadenz und ‚élan vital’, zwischen klassischer Norm und liberalistischem ‚acte gratuit’, zwischen hedonistischem Individualismus und asketischem Kommunismus in Gides Schriften genauer zu analysieren.
Véronique Porra (Mainz)
« L’arbre de M. Taine »
Quelques réflexions sur la productivité d’une métaphore
Si l’on excepte certaines sphères culturelles idéologiquement très marquées, les références explicites à Maurice Barrès dans les milieux culturels sont de nos jours marginales. Cependant, son œuvre a laissé des traces fondamentales dans la culture française, entre autres au travers de son influence sur la littérature fasciste de l’entre-deux-guerres et plus généralement sur l’imaginaire qui nourrit le discours nationaliste. Et quand, en 1995, un auteur de langue française originaire d’Argentine, Hector Bianciotti, célèbre l’auteur d’origine russe Andreï Makine moins comme un « déraciné » que comme un « transplanté », il ne fait rien moins que se référer à l’écho maurassien de la métaphore barrèsienne dans la querelle ayant opposé Maurice Barrès à André Gide à propos des Déracinés en 1898.
Au-delà de la réception, qui souvent réduit l’image à sa valeur d’allusion en l’évidant de sa signification profonde, nous nous attacherons à démontrer en quoi cette métaphore de l’arbre, si souvent reprise, incarne la pensée anti-décadente de Maurice Barrès. Le chapitre intitulé « L’arbre de M. Taine », qui figure au cœur des Déracinés, nous servira alors de grille de lecture de la nouvelle vision du monde développée dans les deux trilogies : Le Culte du moi et Le Roman de l’énergie nationale.
Lars Schneider (München)
Baukunst am lebenden Objekt: Städtebau und Biopolitik bei Le Corbusier
Der Beitrag basiert auf der Lektüre dreier thematisch eng miteinander verbundener Werke aus der Feder Charles-Edouard Jeanneret-Gris’ alias Le Corbusier (1887–1965): Vers une architecture (1923), Urbanisme (1925), und L’art décoratif d’aujourd’hui (1925). Sein Anliegen besteht darin, das Modell einer Kulturgeschichte herauszuarbeiten, die als Geschichte der medialen Erweiterung des menschlichen Körpers gelesen werden kann. Die Pflege des kulturellen Organismus liegt dabei in Händen einer Biopolitik. Diese zielt auf den Erhalt und die kontinuierliche Stärkung der körpereigenen Vitalkraft. Die Besonderheit des Städtebaus als biopolitischer Maßnahme liegt jedoch darin, dass er keiner bestehenden (Rechts-)Ordnung, sondern einem (Zeit-)Geist verpflichtet ist, der den Städtebauer dazu befähigt, im Notfall souverän die chirurgischen Maßnahmen zu ergreifen, die das Überleben des urbanen Organismus gewährleisten. Die Architekturtheorie Le Corbusiers in den 20er Jahren speist sich sowohl aus dem klinischen, als auch aus dem politischen Diskurs der Zeit, die in der Figur des Ausnahmezustands miteinander verschränkt werden.
Dietrich Scholler (Bochum)
Arché und Charisma im Zeitalter der Gleichheit.
Vitalistische Tendenzen in Maurice Barrès' Romantrilogie Le roman de l'énergie nationale
In den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts scheint das republikanische Frankreich endgültig angekommen zu sein im Zeitalter der Gleichheit. Unter der Ägide Jules Ferrys entsteht die moderne, durchpädagogisierte III. Republik mit ihren ausdifferenzierten Institutionen, republikanischen Riten, Gedächtnisorten und zivilisierenden Normen. Die Religion wird endgültig aus allen staatlichen Bereichen herausgedrängt. Es hat sich damit ein Staat herausgebildet, der sich weitgehend selbst legitimiert und genau dadurch in Legitimationsnot gerät. In der politischen Geschichte Frankreichs entsteht ein Vakuum, das durch neue, teils autoritäre, teils archaisch-biologistische Ideologeme wie Scholle, Rasse, Kampf und Heldentum aufgefüllt wird. Diese historische Umbruchssituation wird beispeilhaft im Spätwerk des heute vergessenen Schriftstellers Maurice Barrès widergespiegelt bzw. literarisch gebrochen. Nach seiner Konversion vom Dandy des Culte du moi zum charismatischen 'Prinz der Jugend' erkundet Barrès neue geistig-moralische Kraftquellen für das erschöpfte Vaterland, eine Suche nach Normen, die häufig zur Konstruktion und Verbreitung neuer Kollektivmythen führt – was am Beispiel seiner literarischen und journalistischen Schriftstellerei herausgearbeitet werden soll.
Eva Siebenborn (Bochum)
Verbrennungsmetaphorik(en) im medizinisch-literarischen Diskurs des späten 19. Jahrhunderts
Die Rede von der „Verbrennung“ („combustion“) hat im 19. Jahrhundert ihren Ort an der Schnittstelle des physikalischen, medizinischen, technischen, literarischen Diskurses und unterlegt ihren Bezeichnungsakten ein tendenziell vitalistisches Substrat. Vom medizinischen Diskurs des frühen 19. Jahrhunderts als Metapher für die Lebenskräfte vorgebracht (Bichat), ist der Verbrennung als emphatischem Denkbild einerseits die Vorstellung einer potentiell transgressiven Fülle, andererseits die (selbst-)destruktive Kraft der Lebensäußerungen eingeschrieben. Technische Erfindungen wie der Verbrennungsmotor durch Barsante/Matteucci (1853) bzw. Otto (1876) oder die Glühbirne durch Edison (1880) erhöhen die Evidenz der Verbrennungsbildlichkeit als Grundstruktur energetischer Transformationsprozesse.
Vor diesem Hintergrund wendet sich der Beitrag dem entsprechenden Bildfeld im medizinischen und literarischen Bereich zu und analysiert dort an exemplarischen pathologischen Fallbeschreibungen (Alkoholismus und Schwindsucht/Tuberkulose) die ästhetisierende Verwendung von Verbrennungsmetaphoriken und ihre (konnotative) Semantik mit dem Ziel, deren Ambivalenzen im rhetorischen Wirkungspotential zwischen vitalistisch markierter Euphorie und degenerativ markierter Schreckensvision auszuloten.
Linda Simonis (Bochum)
Konservative ‘Konversion’? Normensuche und Figuren der Autorisierung bei Charles Péguy
Péguy steht exemplarisch für eine um 1900 sich abzeichnende Krise kultureller Normen und Werte. Auf diesen Verlust an sozialem ‘Sinn’, der sich biographisch in der gescheiterten agrégation (in Philosophie) kristallisiert, antworten die Schriften Péguys mit einem pointierten ‘Exodusimpuls’ (N. Bolz). Jener Auszug aus der Welt der Tradition bestimmt sich dabei zunächst negativ als Absage an ein durch die Allianz von Herkunft, Besitz und Bildung geprägtes Lebensprogramm, bevor er in der Folge, in den philosophischen, politischen und literarischen Projekten Péguys, eine radikalisierte Suchbewegung einleitet, die nicht bei einer einmal gefundenen Lösung bzw. Position verweilt, sondern eine Pendelbewegung zwischen verschiedenen Extremen vollführt. Der Gestus dieses Denkens scheint der einer Radikalität zu sein, die um ihrer selbst bzw. ihrer Impulsivität willen gepflegt wird. Die wechselnden Signifikate – la république, la foi, la patrie – die Péguy im Zuge seiner politisch-literarischen Karriere auf seine Fahnen schreibt, sind insofern nurmehr unterschiedliche semantische Besetzungen, die die anvisierte Figur des Extrems in verschiedenen Etappen seines Œuvre erfährt.
Lieselotte Steinbrügge (Bochum)
Die Schriftstellerin als „dekadenter“ und „rettender“ Sozialisationstypus
Störungen der Geschlechterordnung werden häufig als Symptom, wenn nicht gar als Ursache für gesellschaftlichen Niedergang wahrgenommen. Als Inkarnation dieser Dekadenzerscheinung gelten im 19. Jahrhundert Schriftstellerinnen, insbesondere jene, die sich erfolgreich auf dem expandierenden Literaturmarkt behaupten. Die in Männerkleidung auftretende und unter männlichem Pseudonym publizierende Bestsellerautorin George Sand war nur das spektakulärste Beispiel für die akute Bedrohung der strengen „Dissoziation der Geschlechtscharaktere“ (Hausen), die alle Bereiche der bürgerlichen Gesellschaft prägte. An den literaturkritischen Studien von Barbey d’Aurevilly (Les bas bleus, 1878) und Jean Larnac (Histoire de la littérature féminine en France, 1929) sollen zwei unterschiedliche Reaktionen auf weibliche Autorschaft vorgestellt werden.
Jing Xuan (München)
Die Juden, die Armen und die Heilige Jungfrau: Figuren des Renouveau catholique von Léon Bloy
Léon Bloy (1846–1917) ist ein ebenso prominenter wie exzentrischer Vertreter des renouveau catholique. Seine Konversion zum Christentum, die sich, ähnlich wie bei vielen seiner Gesinnungsgenossen, nach einer ästhezistisch-nihilistischen Phase zuträgt, zeitigt indes mehr als einen Stil- und Richtungswechsel im literarischen Sinne. Gleichsam ein Imitator der Bettler-Heiligen – Alexius, Franz von Assisi etc. – führt der bekehrte Bloy ein unkonventionelles Leben in großer Armut, oft ohne Heim und Hof. Damit schreibt er sich nicht nur in die Tradition der pauperes Christi ein, sondern sichert sich einen moralisch soliden Rede-Ort, um von dort aus als „intoleranter Katholik“ (Bloy) eine radikale Zeitkritik zu verlautbaren und die Naherwartung der Apokalypse immer wieder prophetisch zu verkünden. Ein besonderer Stellewert kommt in diesem Zusammenhang seinen Schriften Le Salut par les Juifs (1892), Le sang du Pauvre (1909) und Jeanne D’Arc et L’Allemagne (1915) zu. Hier übersetzt Bloy die gesellschaftlich bzw. politisch brisanten Themen seiner Epoche – die großkapitalistische Ausbeutung, den deutsch-französischen Krieg, die Dreyfuß-Affäre – in ein christliches Dispositiv. Mit den Leitfiguren der (Geld-)Juden, der reinen Armen sowie der Nationalheiligen Jeanne d’Arc bringt Bloy einige Denktendenzen zum Vorschein, die in einem Kunst-Katholizismus bis dahin verhüllt bleiben, deren Wirkung sich jedoch in der Zeit der entre deux guerres als umso nachhaltiger erweist.