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Hubert Seliger (Universität Augsburg)


„Politische Anwälte?“ Die Verteidiger der Nürnberger Prozesse

 

Ausgehend von Überlegungen Otto Kirchheimers zum „politischen Anwalt“ und zur „politischen Justiz“ unternimmt das im Dezember 2014 abgeschlossene Dissertationsprojekt erstmals eine umfassende biographische Untersuchung der Strafverteidiger in den 13 Nürnberger Prozessen. Insbesondere versucht die Arbeit die Rolle dieser Verteidiger als eigenständige politische Akteure herauszustellen.

Die Dissertation erstellt ein Sozialprofil der über 260 Nürnberger Verteidiger, deren Geburtsjahrgänge von 1877 bis 1923 fast ein halbes Jahrhundert abdeckten. Die Analyse der biographischen Hintergründe lässt vereinfacht ausgedrückt die Aussage zu, dass die in Nürnberg angeklagten Industriellen die verbliebenen Reste der Weimarer Anwaltselite und die Konzernjuristen ihrer eigenen Unternehmen für sich engagieren konnten. In den Militärprozessen hingegen übernahmen frühere Offiziere und Militärrichter unter der Leitung Hans Laternsers die Führung der Verteidigung. Am schwierigsten hatten es die hochrangigen Parteigrößen und Mitglieder der SS, handelte es sich doch bei ihren Verteidigern überwiegend um mehr oder weniger freiwillige Pflichtverteidiger, nicht selten Flüchtlinge, die im Extremfall ihre Abneigung gegen ihre Mandanten offen äußerten.

Wie die auf umfangreicher Quellenbasis untersuchten Eigenpublikationen und ausgewählte Prozessplädoyers belegen, hatten gerade die reinen Pflichtverteidiger, trotz aller Kritik an einzelnen Aspekten der Verfahren, eine durchaus positive Einstellung zu „Nürnberg“ als einem Ort der Gerechtigkeit und der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Mit ihren Mandanten identifizierten sich die Anwälte der Industrie, die unter Berufung auf die vermeintlich totalitäre Herrschaft Hitlers, gegen die Widerstand unmöglich gewesen sei, ihre Mandanten zu exkulpieren suchen.

Dagegen war das Ziel der sogenannten „jungen Radikalen“, die Prozesse als Ganzes zu Fall zu bringen. Gerade für Anwälte wie Laternser und Otto Kranzbühler ging es um die Verteidigung einer bestimmten Lebensweise und Vorstellung von Gesellschaft, in der der Krieg als normales, eine Gesellschaft formendes Wesen verstanden wurde. Mit Rudolf Aschenauer und dem späteren bayerischen CSU-Innenminister Seidl fanden sich zwei junge Berufsanfänger, die in einer Mischung aus beruflicher Profilierung, Radikalität und einem handfesten autoritär geprägten, überschießenden Nationalismus in einem gewissen Sinne in der Tradition „deutschnational“ geprägter Anwälte der Weimarer Republik verteidigten.

Nach dem Ende der Nürnberger Prozesse waren es einige diese „jungen Radikalen“, die einer Generalamnestie das Wort redeten und zusammen mit „Kameradennetzwerken“ ehemaliger hochrangiger NS-Beamter und anderen rechtsextremen Kreisen zu Beginn der sechziger Jahre den Versuch unternahm, eine Gegenbewegung zur „Ludwigsburger Verfolgungswelle“ aufzubauen. Es bildeten einige Nürnberger „Veteranen“ durchaus ein „rechtes Gegenstück“ zu bekannten „Links-Anwälten“ wie Friedrich Karl Kaul.

Es leisteten die Nürnberger Verteidiger, eine zentrale These dieser Arbeit, einen wichtigen Beitrag für die Demokratisierung und die Etablierung eines Rechtsstaates in Deutschland. Dieser Beitrag bedeutet nicht zwangsläufig eine positive Einstellung zur Strafverfolgung von NS-Tätern oder ist einer liberalen, rechtsstaatlich orientierten politischen Haltung zuzuordnen. Indem aber die Nürnberger Verteidiger die Grenzen dessen ausloteten, ob und welches Verhalten im NS-Regime zu rechtfertigen war, erbrachten sie im Zusammenspiel mit den anderen Prozessakteuren bzw. als Mitwirkende in der gesellschaftlichen Debatte um die Vergangenheit eine eigenständige Leistung für die Auseinandersetzung mit dem NS-Regime.

Eine überarbeitete Fassung der Dissertation wird in Kürze in Buchform erscheinen.

Stand November 2015 (eine ältere Projektbeschreibung finden sie hier)

 

Projektbeschreibung als PDF

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