Archiv der Neuerscheinungen 2001-2007
Wirsching / Eder (Hg.): Vernunftrepublikanismus in der Weimarer Republik
Markus Seemann, Kolonialismus in der Heimat - Kolonialpolitik und Kolonialkultur in Bayern 1882 - 1943, Berlin (Ch. Links Verlag) 2011, 488 S., ISBN 978-3-85153-626-0

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ließ man sich auch in Bayern von der Kolonialeuphorie anstecken und entwickelte mannigfache Aktivitäten auf lokaler und regionaler Ebene. Man gründete Ortsgruppen der Deutschen Kolonialgesellschaft, organisierte Kolonialschauen, veranstaltete Heimatabende, deren Erlöse an die »Schutztruppensoldaten« gingen, plante eine Kolonialausstellung in München sowie ein Kolonial- und Donauhandelsmuseum in Regensburg.
Markus Seemann eröffnet mit dieser ersten umfassenden Regionalstudie zum Kolonialismus neue Perspektiven auf das Verhältnis von »Kolonie« und »Heimat«, benennt die Protagonisten und die konkreten Kolonialprojekte und zeigt, wie der heimische Raum eine neue Deutung im kolonialistischen Sinne erfuhr.
Kristian Buchna, Nationale Sammlung an Rhein und Ruhr. Friedrich Middelhauve und die nordrhein-westfälische FDP 1945-1953 (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd. 101), München (Oldenbourg) 2010, 248 S., ISBN 978-3-486-59802-5

Nationale Sammlung – das Schlagwort stand zu Beginn der Bundesrepublik für das politische Ziel, einen dritten Block rechts von CDU/CSU und SPD zu schaffen. Vordenker und Protagonist dieser Politik war Friedrich Middelhauve. Der Vorsitzende der nordrhein-westfälischen FDP wollte seinen Landesverband zum Ausgangspunkt einer rechtsnationalen Sammlungsbewegung machen und gewann für sein Vorhaben zahlreiche ehemalige Nationalsozialisten. Die Gefahr einer „Nazi-FDP“ (Theodor Heuss) konnte erst 1953 in Folge der sog. Naumann-Affäre gebannt werden, in der rechtsextreme Aktivisten mit Kontakten zum Umfeld Middelhauves durch die britische Besatzungsmacht verhaftet wurden. Kristian Buchna untersucht akribisch die Geschichte eines höchst umstrittenen politischen Projekts und stellt den Versuch der Nationalen Sammlung in die ideengeschichtlichen Traditionen des deutschen Liberalismus.
Sarah Bornhorst, Selbstversorger. Jugendkriminalität während des Ersten Weltkriegs im Landgerichtsbezirk Ulm, Konstanz (UVK) 2010, 374 S., ISBN 978-3-86764-249-1

Die »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« wirkte sich massiv auf die Lebensbedingungen der Bevölkerung an der sogenannten »Heimatfront« aus. Am Beispiel eines süddeutschen Landgerichtsbezirks werden die speziellen Auswirkungen des Ersten Weltkrieges auf die Kriminalität Jugendlicher analysiert: Einerseits werden deren Erscheinungsformen in den Blick genommen, andererseits wird nach dem Umgang der Richter mit den vor ihnen stehenden delinquenten Jugendlichen gefragt. Denn »Jugend« und »Kriminalität« waren Themen, die die wilhelminische Gesellschaft in besonderem Maße beschäftigten – gerade unter den Bedingungen des Krieges.
Mit der vorliegenden Arbeit, die mit dem Geschichtspreis der Museumsgesellschaft Ulm e.V. ausgezeichnet wurde, promovierte die Autorin 2008 an der Universität Augsburg.
Martina Steber, Ethnische Gewissheiten. Die Ordnung des Regionalen im bayerischen Schwaben vom Kaiserreich bis zum NS-Regime (Bürgertum, Neue Folge 9), Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2010, 638 S., ISBN 978-3-525-36847-3

Vom Kaiserreich bis in die NS-Zeit prägten kleinräumige Lebenswelten das Dasein. Für die Zeitgenossen war das alltägliche Handeln im kleinen Raum selbstverständlich. In einer sich wandelnden Welt stifteten die eigene Gemeinde, Stadt und Region Identität und Sinn. In welchem Verhältnis standen hierbei regionale Identität und andere identitäre Bezugssysteme, welche Ideen verbanden sich mit dem Entwurf des Regionalen und welchen Einfluss übte er auf Gesellschaft und Politik aus? Martina Steber verfolgt am Beispiel des bayerischen Schwaben die mentale Konstruktion des Regionalen und taxiert seine Funktion und Relevanz in eben jenem Zeitraum, in dem sich die Ambivalenz der Moderne so schillernd und grauenvoll zugleich zeigte.
Dr. Martina Steber ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Historischen Institut London.Franz Josef Merkl, General Simon. Lebensgeschichten eines SS-Führers, Augsburg (Wißner) 2010, 600 S., ISBN 978-3-89639-743-0

1899 in Breslau geboren, nahm Max Simon ab 1917 als Sanitäter am Ersten Weltkrieg und danach an Grenzschutzeinsätzen in Schlesien teil. Er trat in die Reichswehr über und schied nach zwölfjähriger Dienstzeit als Wachtmeister in einem Reiterregiment aus. Seit 1932 Mitglied der NSDAP, trat er 1933 der SS bei und machte in den KZ-Wachmannschaften eine erstaunliche Karriere. In den Mörderschulen Sachsenburg und Dachau hatte er wesentlichen Anteil an der Kriminalisierung, Brutalisierung und Militarisierung der jungen SS-Männer. Seine Karriere setzte er trotz des Fehlens jeder mehr als nur handwerklichen militärischen Qualifikation in der Waffen-SS fort, kam in Frankreich, der Sowjetunion, Norditalien und Süddeutschland zum Einsatz und brachte es bis Kriegsende zum Kommandierenden General eines SS-Armeekorps.
Nach dem Krieg wurde er wegen Massenmorden seiner Division an der Zivilbevölkerung in Norditalien zum Tod verurteilt, mehrfach begnadigt und 1954 aus politischen Gründen aus britischer Haft entlassen. Ein sowjetisches Verfahren gegen ihn fand trotz schwerer Vorwürfe nicht statt. Zwischen 1955 und 1960 sprachen ihn drei bayerische Schwurgerichte vom Vorwurf des Mordes an den drei „Männern von Brettheim" frei. Die deutsche Öffentlichkeit begleitete die skandalösen Verfahren kritisch. Einem vierten Prozess kam Simons überraschender Tod 1961 zuvor.
Die in fast allen Lebensgeschichten Simons unübersehbar enge Verbindung von exzessiver, oft krimineller Gewalt mit gleichzeitigem Statusgewinn legt eine Orientierung an der neueren Täterforschung nahe. Simons enge Kooperation mit der Wehrmacht und das spätere Eintreten ranghoher Offiziere für ihn ermöglichen zudem einen Blick auf das gar nicht so schlechte Verhältnis zwischen Wehrmacht und Waffen-SS. Der Umgang der Justiz mit ihm zeigt die vergangenheitspolitische Milde der jungen Bundesrepublik. Max Simons schärfster Gegner wurde die deutsche Öffentlichkeit, die den Mord an ihren Brettheimer Landsleuten geahndet sehen, aber von seiner Rolle im KZ-System und während des Krieges nichts wissen wollte. Trotzdem brachte der Streit um Simons deutsche Opfer die Diskussion um die „unbewältigte Vergangenheit" wesentlich voran.
Stefan Paulus, Vorbild USA? Amerikanisierung von Universität und Wissenschaft in Westdeutschland 1945 - 1976, herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte, Bd. 81, München (Oldenbourg) 2010, 617 S., ISBN 978-3-486-59642-7

Die aktuelle Debatte über die Reform der Hochschulen ist offensichtlich an US-amerikanischen Vorbildern ausgerichtet. Überraschen mag, dass diese Auseinandersetzung bis in die unmittelbare Nachkriegszeit zurückreicht. Stefan Paulus beleuchtet erstmals die amerikanisch-deutschen Interaktionen und den amerikanischen Einfluss auf die deutsche Universitäts- und Wissenschaftspolitik nach 1945. unter kultur- und wissenschaftshistorischer Perspektive werden die Voraussetzungen, der Verlauf bis zur Verabschiedung des ersten Hochschulrahmengesetzes im Jahre 1976 analysiert. Die Orientierung an amerikanischen Modellen wird dabei stets thematisiert.
Volker Dotterweich / Karl Filser (Hg.), Landsberg in der Zeitgeschichte - Zeitgeschichte in Landsberg, München (Vögel) 2010, 556 S., ISBN: 978-3-89650-310-7

Zeitgeschichte in Landsberg - im 20. Jahrhundert wird Landsberg in einer wohl einzigartigen Verdichtung zum Schauplatz der großen Geschichte: als Ort der Festungshaftanstalt, in der Hitler und weitere Akteure des Novemberputsches von 1923 wegen Hochverrats einsaßen; als Ort der Außenlager des KZ Dachau, an dem Tausende überwiegend jüdischer Häftlingsarbeiter einem wahnwitzigen Rüstungsprojekt zum Opfer fielen; als Ort eines der bedeutendsten Auffanglager für Überlebende des Holocaust (Displaced Persons Camp); und als Ort des Kriegsverbrechergefängnisses Nr. 1 der amerikanischen Besatzungsmacht, in dem bis 1951 nicht weniger als 285 Todesurteile vollstreckt wurden. Zeitgeschichte in Landsberg - das sind Szenarien der Vergangenheit,die den Namen der Stadt weltweit bekannt gemacht haben.
Landsberg in der Zeitgeschichte - das ist der Weg einer Bayerischen Kleinstadt ins 20. Jahrhundert und ihre Entwicklung vom Ersten Weltkrieg über die Weimarer Republik und das Dritte Reich bis in die Nachkriegszeit. Landsberg in der Zeitgeschichte, das sind die großen historischen Zäsuren "vor Ort": der Umsturz der Revolution von 1918 /19, das Scheitern der ersten deutschen Demokratie, die nationalsozialistische Diktatur und der Neubeginn und Neuaufbau nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, nach Flucht, Vertreibung und politischer Säuberung, das sind auch individuelle Entscheidungen und Lebenslinien im historischen Kontext, nicht aber moralische und politische Verantwortlichkeiten der Gesamtbevölkerung einer Stadt, die es als moralisch und politisch verantwortliches Kollektiv hier - wie andernorts - ohnehin nicht gibt.
Landsberg in der Zeitgeschichte - Zeitgeschichte in Landsberg umfasst auch die Frage, wie Mitlebende die Momente der Geschichte des 20. Jahrhunderts wahrgenommen haben.
Stig Förster / Christian Jansen / Günther Kronenbitter (Hrsg.), Rückkehr der Condottieri? Krieg und Millitär zwischen staatlichem Monopol und Privatisierung, Paderborn (Schöningh), 326 S., ISBN: 978-3506767547

Spätestens mit dem Krieg der USA im Irak ist die bedeutende Rolle privater Sicherheitsfirmen im modernen Krieg deutlich geworden. Ist die Zeit der großen Armeen zu Ende, kehrt die der privaten "Unternehmer des Krieges" zurück?
Der Band untersucht das historische Spannungsverhältnis zwischen privaten Truppen, Söldnern, Condottieri und Kriegsherren einerseits und der Monopolisierung der bewaffneten Macht, des Krieges und der Kriegsführung durch den Staat andererseits, von der Antike bis zur Gegenwart.
Stefan Grüner: Geplantes "Wirtschaftswunder"? Industrie- und Strukturpolitik in Bayern 1945 bis 1973, München (Oldenbourg) 2010, 493 S., ISBN: 978-3-486-56600-0

Die "Goldenden Jahre" hohen Wirtschaftswachstums und beschleunigten strukturellen Wandels nach dem zweiten Weltkrieg zählen zu den prägnantesten Abschnitten der Zeitgeschichte. Zwischen den ausgehenden 1940er Jahren und der Rezession nach 1973/74 erlebten die westlichen Industriestaaten eine beispiellose Phase der Prosperität. Allerdings verlief der begleitende sozialökonomische Wandlungsprozess in den Teilräumen der Bundesrepublik keineswegs einheitlich, wie Stefan Grüner am Beispiel Bayerns nachweist. Bayern stieg vom Agrargland zu einer führenden Industrie- und Dienstleistungsregion auf und entwickelte sich bis in die 1980er Jahre neben Baden-Württemberg zum wirtschaftlich dynamischsten Bundesland. Im Mittelpunkt der Analyse steht die Frage nach den Möglichkeiten, aber auch den Grenzen politischer Steuerung: Welche Rolle spielten dabei Perzeptionen und Leitbilder? Wie stand es um das Verhältnis von Lenkungskonzeptionen und deren Umsetzung, wie um die Verflechtung von finanzpolitischen, raumordnenden und regionalwirtschaflichen Strategien?
Andreas Wirsching (Hrsg.): Das Jahr 1933. Die nationalsozialistische Machteroberung und die deutsche Gesellschaft. Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte, Göttingen (Wallstein) 2009, 284 S., ISBN: 978-3-8353-0512-0

Das Jahr 1933 bildet einen klassischen Gegenstand der zeitgeschichtlichen Forschung. Anknüpfend an ältere Forschungsergebnisse, erweitern die Autorinnen und Autoren dieses Bandes das Spektrum und fragen vor allem nach den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen der nationalsozialistischen Machtdurchsetzung und den unmittelbaren Reaktionen auf Hitlers Herrschaft. Welche gesellschaftlichen Zustimmungspotenziale gab es? Wie bedeutsam war politisch und materiell geleiteter Opportunismus? Welche Rolle spielten staatliche Repression und Gewalt?
Welches Gewicht diesen Elementen im einzelnen zukam und wie sie sich zueinander verhielten, ist eine wichtige Forschungsfrage, die freilich nicht abschließend geklärt ist. Die Einzelbeiträge des Bandes untersuchen sie aus unterschiedlichen Perspektiven und thematisieren unter anderem die Rolle der Eliten, sozialer Interessengruppen und Verwaltungsinstanzen. Übergreifende Deutungen werden dabei mit Forschungsergebnissen zur Regionalgeschichte verknüpft.
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Elke Seefied (Hrsg.), Theodor Heuss. In der Defensive. Briefe 1933 - 1945, München (K. G. Saur) 2009, 646 S., ISBN: 978-3-598-25124-5

Unter dem nationalsozialistischen Regime geriet Theodor Heuss rasch in die Defensive. Er verlor fast alle seine öffentlichen Ämter und Funktionen. Doch als Publizist verteidigte Heuss seine liberalen Überzeugungen. Wir begegnen einem Bildungsbürger, der versuchte, sich in einer feindlichen politischen Umwelt Freiräume zu erkämpfen. In den 194 ausgewählten, zumeist unbekannten Briefen spiegeln sich seine aufregende Biographie und die dramatischen Zeitläufe von der Machtübertragung an die Nationalsozialisten im Jahr 1933 bis zum Kriegsende 1945.
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Thomas Raithel, Andreas Rödder, Andreas Wirsching (Hrsg.), Auf dem Weg in eine neue Moderne? Die Bundesrepublik Deutschland in den siebziger und achtziger Jahren, München (Oldenbourg) 2009, 205 S., ISBN: 978-3-486-59004-3.

Die jüngste Geschichte der westlichen Staaten ist von einem fundamentalen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Transformationsprozess gekennzeichnet. Welche Faktoren können es in diesem Zusammenhang rechtfertigen, den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts einen besonderen Ort zuzuweisen? Und umgekehrt, welche Aspekte sprechen dagegen, von einer eigenständigen Periode auszugehen? Solche Fragen am Beispiel der Bundesrepublik, zu diskutieren, ist das Anliegen dieses Bandes.
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Jürgen Finger, Sven Keller und Andreas Wirsching, Vom Recht zur Geschichte. Akten aus NS-Prozessen als Quellen der Zeitgeschichte, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2009, 301 S., 4 Abb., ISBN 978-3-525-35500-8.

Die juristische Aufarbeitung war ein zentrales Element des Ringens um einen adäquaten Umgang mit der NS-Vergangenheit. Die aus der Strafverfolgung von NS-Verbrechen hervorgegangenen Justizakten werden von der zeithistorischen Forschung längst als unverzichtbare Quelle für die Erforschung der nationalsozialistischen Verbrechen und der Vernichtungspolitik des NS-Regimes herangezogen.
In diesem Band schildern ausgewiesene Historiker Hintergründe der Strafverfolgung von NS-Verbrechen. Auf der Basis ihrer eigenen Forschungsinteressen stellen sie quellenkritische und methodische Überlegungen an, reflektieren Möglichkeiten und Grenzen der Verwendung juristischen Aktenmaterials aus NS-Prozessen als Quelle und geben Anregungen und praktische Hinweise für künftige Forschungen.
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Andreas Wirsching, Die Weimarer Republik. Politik und Gesellschaft (Enzyklopädie Deutscher Geschichte 58), 2., um einen Nachtrag erweiterte Auflage, München (Oldenbourg) 2008, 198 S., ISBN 978-3-486-58736-4.
In der zweiten Auflage diskutiert Andreas Wirsching in einem ausführlichen Nachtrag die Schwerpunkte der seit 2000 zu verzeichnenden Forschung und ergänzt die seitdem erschienene Literatur. Er führt dem Leser eingehend vor Augen, wie viele unterschiedliche Faktoren beim Untergang der Weimarer Republik zusammenwirkten. Zu keinem Zeitpunkt war das Scheitern der ersten deutschen Demokratie unausweichlich vorprogrammiert; doch ihr fehlte die Zeit, um aus der Krise von Weltkriegsniederlage und Revolution gestärkt hervorzugehen und zu einer stabilen "Normalität" zu gelangen. Dieses Grundproblem der Weimarer Republik schlug sich in ihrer ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklung gleichermaßen nieder. Wichtige Stichworte hierfür lauten: Probleme des Parlamentarismus und des Parteiensystems, die Überforderung der Weimarer Republik als Sozialstaat, die überwiegend prekäre wirtschaftliche Situation, Probleme der politischen Kultur, schließlich der politische Extremismus.
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Richard Heigl, Oppositionspolitik. Wolfgang Abendroth und die Entstehung der Neuen Linken (1950-1968) ( Berliner Beiträge zur kritischen Theorie Bd. 6), Hamburg (Argument) 2008, 372 S., ISBN 978-3-88619-333-2.
Das Jahr 1968 war der Höhepunkt einer weltweiten politischen Mobilisierung. Bis heute prägen viele Erkenntnisse, politische Handlungsmuster und das Geschichtsbild jener Jahre die außerparlamentarische Politik und Kultur. Die globale Epochenwende von 1968 verlief allerdings sehr unterschiedlich. Die Entwicklung in Deutschland wird im kollektiven Gedächtnis weitgehend mit der antiautoritären Neuen Linken und ihren Symbolfiguren Rudi Dutschke und Fritz Teufel identifiziert. So konzentrierte sich die historische Forschung auf die Revolte von 1967/68 und die von der antiautoritären Linken durchgesetzten politisch-kulturellen Neuerungen. Damit war der Blick auf die linkssozialistische Strömung verstellt, die nicht nur maßgeblichen Anteil an der »intellektuellen Gründung der Bundesrepublik« hatte, sondern für die Bildung der außerparlamentarischen Opposition unverzichtbar war. Am Beispiel des Marburger Juristen und Politologen Wolfgang Abendroth (1906–1985) rekonstruiert und veranschaulicht Richard Heigl in einer historisch-kritischen Studie linkssozialistische Theorie und Praxis.
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Andreas Wirsching (Hrsg.) und Jürgen Eder (Hrsg.), Vernunftrepublikanismus in der Weimarer Republik. Politik, Literatur, Wissenschaft (Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus. Wissenschaftliche Reihe, Bd. 9), Stuttgart (Steiner) 2008, 330 S., ISBN 978-3-515-09110-7.
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Der vorliegende Band stellt diesen über lange Jahre bestehenden Forschungskonsens in Frage, indem er den Begriff des „Vernunftrepublikanismus“ zum Ausgangspunkt der Reflexion macht. „Vernunftrepublikanismus“ war bislang ein konturloses Schlagwort, das sich lediglich auf einige bürgerlich-liberale Intellektuelle bezog und diese mit dem Vorwurf konfrontierte, die Weimarer Republik nicht mit dem „Herzen“ verteidigt zu haben.
Die Autorinnen und Autoren des Bandes erweitern dieses enge Begriffsverständnis und untersuchen, inwieweit „vernunftrepublikanische“ Haltungen in unterschiedlichen Segmenten von Politik, Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft der Weimarer Republik zu identifizieren sind. Der Begriff des „Vernunftrepublikanismus“ gewinnt dadurch an Tiefenschärfe und eröffnet die Chance, die Geschichte der Weimarer Republik unter neuen Gesichtspunkten zu diskutieren.
Inhaltsverzeichnis des Bandes (pdf, 100KB).
Tagungsbericht von Martina Steber bei H-Soz-u-Kult v. 5.11.2006 oder bei der AHF: AHF-Information Nr. 152/2006 v. 17.10.2006 (pdf, KB).