Dass Universität und Wissenschaft in Deutschland am besten nach US-amerikanischem Vorbild umgestaltet werden müssten, um im internationalen Wettbewerb wieder eine Spitzenposition einnehmen zu können, gehört zu den Gemeinplätzen der aktuellen Reformdiskussion auf Hochschulebene. Dies veranschaulicht nicht nur die Etablierung angelsächsischer Studienabschlüsse wie Bachelor und Master, sondern auch die gleichfalls an amerikanischen Vorbildern orientierte Einführung von Präsidialverfassung, Hochschulräten oder Juniorprofessuren.
Allerdings erweisen sich die in diesem Kontext üblicherweise vorgebrachten Argumente und statistischen Befunde bei näherer Betrachtung oftmals als wenig überzeugend und ignorant im Hinblick auf die unterschiedlichen historisch-kulturellen Kontexte. Hinzu kommt, dass sich die aktuelle Debatte durch eine nahezu vollständige Unkenntnis vorhergehender Reformdiskurse und -versuche auszeichnet, die ihrerseits bereits vor Jahrzehnten darauf abzielten, die deutsche Universität zu "amerikanisieren".
An dieser Stelle setzt Paulus' Studie an, die erstmals die amerikanisch-deutschen Interaktionen und den amerikanischen Einfluss auf die deutsche Universitäts- und Wissenschaftspolitik nach 1945 umfassend und quellengestützt beleuchtet.
Aufbauend auf einem Grundlagenkapitel zu den komplexen deutsch-amerikanischen Universitäts- und Wissenschaftsbeziehungen seit 1800 analysiert Paulus unter kultur- und wissenschaftshistorischer Perspektive die Voraussetzungen, den Verlauf und die Ergebnisse des bundesrepublikanischen Reformdiskurses von der Besatzungszeit über die Expansionsphase der 1960er Jahre bis hin zur Verabschiedung des ersten Hochschulrahmengesetzes im Jahre 1976.
Allein die genaue Kenntnis der unterschiedlichen historischen Genese des amerikanischen und deutschen Hochschulsystems sowie deren wechselseitiger Einflüsse in den vergangenen gut 200 Jahren bildet die Grundvoraussetzung schlechthin, um sich der Chancen und Risiken einer gewünschten oder befürchteten "Amerikanisierung" der deutschen Universität bewusst werden zu können. Die geradezu beängstigende Geschichtslosigkeit, welche die gegenwärtige hochschulpolitische Diskussion bis dato kennzeichnet, erhält daher mit dieser Studie ihren dringend erforderlichen Kommentar.
Dr. Stefan Paulus, Jahrgang 1973, ist Wissenschaftlicher Koordinator des Instituts für Europäische Kulturgeschichte und Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Augsburg. Zusammen mit Mathias Listl hat er den 2007 erschienenen Band "Ein Campus für Regensburg. Konzeption - Architektur - Kunst. 40 Jahre Universität Regensburg 1967-2007" kozipiert und redigiert und darin selbst "Zur Idee der Campus-Universität im Kontext westdeutscher Universitätsneugründungen der 1960er Jahre" geschrieben. Zusammen mit Werner Lengger und Wolfgang E. J. Weber arbeitet er derzeit an der Herausgabe des Bandes "Stätte des Wissens. Die Universität Augsburg 1970-2010: Traditionen, Entwicklungen, Perspektiven", der im kommenden Herbst im Verlag Schnell + Steiner erscheinen wird.
Stefan Paulus, Vorbild USA? Amerikanisierung von Universität und Wissenschaft in Westdeutschland 1945 - 1976 (= Studien zur Zeitgeschichte, Bd. 81), München 2010, 617 S., 84,80 Euro,
ISBN 978-3-486-59642-7
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Meldung vom 11.05.2010