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Editionsprojekt Theodor Heuss


Erschienen: "Theodor Heuss. Stuttgarter Ausgabe", Briefe 3: "Im politischen Abseits. 1933-1945", hrg. von Elke Seefried, München 2009

Projektstart: 01.10.2004
Projektträger: Stiftung Bundespräsident Theodor-Heuss-Haus (Stuttgart)
Projektverantwortung vor Ort: Dr. Elke Seefried

Zusammenfassung

Das Projekt einer Edition der Briefe von Theodor Heuss steht unter der Gesamtleitung der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus (Stuttgart).

Beschreibung

Die Geschichte der bürgerlichen Demokratie in Deutschland kommt in kaum einem Lebensweg so paradigmatisch zum Ausdruck wie in jenem von Theodor Heuss. Als Spross einer liberal-bürgerlichen Familie 1884 im württembergischen Brackenheim geboren, wurde der junge Heuss um die Jahrhundertwende zum Anhänger und Mitarbeiter Friedrich Naumanns, der Liberalismus, Sozialpolitik und Nation zu versöhnen, einen Brückenschlag von „Bassermann bis Bebel“ zu wagen suchte. Die Verbindung liberaler, demokratischer und nationaler Ideen prägte auch das Denken und Handeln des Weimarer Politikers bzw. Journalisten Heuss, der u.a. als Reichstagsabgeordneter der DDP bzw. Deutschen Staatspartei, als Dozent an der renommierten „Deutschen Hochschule für Politik“ und als Schriftleiter verschiedener liberaler Blätter wie der „Deutschen Politik“ tätig war. Nach dem 30. Januar 1933 geriet Heuss rasch ins politische Abseits: Dem Ermächtigungsgesetz stimmten die Reichstagsabgeordneten der Staatspartei und auch Heuss nach internen Querelen und unter äußerem Druck zu – die wohl größte Fehlentscheidung in Heuss’ Laufbahn. Schlag auf Schlag verlor er alle Ämter. So blieben ihm nur die Herausgeberschaft der Naumannschen Zeitung „Die Hilfe“ und die freie Journalistik: Er wurde „ein freier Schriftsteller in einem unfreien Staat“ (Eberhard Pikart). Erst nach dem Ende des „Dritten Reiches“ kehrte Heuss ins politische Rampenlicht zurück: als Lizenzträger der „Rhein-Neckar-Zeitung“, als Kultusminister in Württemberg-Baden, als Vorsitzender der gesamtdeutschen DPD bzw. FDP und als einer der „Väter“ des Grundgesetzes im Parlamentarischen Rat. Nach seiner Wahl zum ersten Bundespräsidenten sollte er schließlich die bürgerlich-demokratische politische Kultur der frühen Bundesrepublik mit begründen.

Das Projekt einer Edition der Briefe von Theodor Heuss steht unter der Gesamtleitung der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus (Stuttgart). Die sogenannte „Stuttgarter Ausgabe“, zunächst auf acht Bände angelegt, soll als wissenschaftliche, aber leserfreundliche Studienausgabe Theodor Heuss und einen besonders sensiblen Abschnitt deutscher Demokratiegeschichte einem größeren Publikum näher bringen. Zugleich verbindet sich damit die Intention, Forschungen zu Theodor Heuss und zur Geschichte des deutschen Liberalismus anzuregen, ist doch die liberale Bewegung des 19. Jahrhunderts noch immer weitaus gründlicher erforscht als diejenige des Liberalismus im 20. Jahrhundert. Als gleichsam passionierter Briefschreiber und homme de lettres hinterließ Theodor Heuss eine überaus umfangreiche, noch weitgehend unveröffentlichte Korrespondenz. Jeder Band enthält etwa 200 ausgewählte Schreiben, die kommentiert wurden. Der Kommentar soll im textkritischen Sinne Merkmale der Vorlage und dokumentenbezogene Zusätze charakterisieren, aber auch auf inhaltlicher Ebene eine Verständnishilfe bieten, die dem Informationsbedürfnis eines breiten Leserkreises gerecht wird. Dementsprechend liefert er Erläuterungen zu historischen Begriffen, Sachverhalten und Zusammenhängen sowie, falls für das Verständnis hilfreich, Auszüge aus der Gegenkorrespondenz.

Der hier vorgestellte Band der Briefedition umfasst die Zeitspanne vom 30. Januar 1933 bis zur Besetzung Heidelbergs, wo Heuss zuletzt wohnhaft war, durch amerikanische Truppen am 30. März 1945. Durch Recherchen in den drei Nachlassteilen von Theodor Heuss (Bundesarchiv Koblenz, Deutsches Literaturarchiv Marbach, Familienarchiv Basel) sowie umfangreichen Forschungen in zahlreichen weiteren Archiven, die den Nachlässen der Korrespondenzpartner galten, konnten knapp 2000 Briefe, Karten und Telegramme von Heuss ermittelt werden. Ausgewählt wurden 194 Schreiben an 104 Korrespondenzpartner.

Zu den zentralen inhaltlichen Aspekten dieser Schreiben zählt zunächst Heuss’ Weg ins politische Abseits, wie er sich im Ermächtigungsgesetz, im Verlust der Dozentur an der „Deutschen Hochschule für Politik“, in der Bücherverbrennung und in der Aberkennung des Reichstagsmandates manifestierte. Im Mittelpunkt steht ferner die Perzeption des Nationalsozialismus durch Heuss und sein „Verhältnis“ zum NS-Regime. In Briefen des Jahres 1933 urteilte Heuss noch relativ offen über die neuen Machthaber, so dass hier vielschichtige und ambivalente Urteile zum Ausdruck kommen. Erst Ende 1933 erhielt Heuss Hinweise auf Kontrollen seiner Post und hatte nun vorsichtiger, gleichsam zwischen den Zeilen, zu kommentieren. Ausgewählte Briefe sollen Heuss’ Wahrnehmung der NS-Ideologie, des NS-Regimes, der dauernden Überwachung und Diffamierung, seine Resistenz gegenüber dem Regime, aber auch begrenzte Kooperationsbereitschaft – wie sie in der Mitarbeit für die NS-Wochenzeitung „Das Reich“ evident wird – dokumentieren. Mithin manifestiert sich ein weiterer wichtiger Aspekt des Briefbandes in Heuss’ beruflichem Wirken als Journalist und Autor vielgelesener historisch-politischer Werke, nämlich von Biographien über Friedrich Naumann, den Architekten Hans Poelzig, den Zoologen Anton Dohrn und den Unternehmer Robert Bosch. Grundsätzlich sollen die Briefe Heuss’ historisch-politisches Koordinatensystem wiederspiegeln, das im System der Zensur genuin politische Bedeutung gewinnt. Fassbar wird dies an seinen Urteilen über das Kaiserreich, den Wilhelminismus, die Revolution 1918/19 und die Weimarer Republik, hier insbesondere an der brieflichen Auseinandersetzung mit ehemaligen Parteifreunden um die Gründe des Scheiterns von Weimar. Grundsätzlich ist es ferner ein wichtiges Anliegen der Edition, den „privaten“ Heuss zum Ausdruck kommen zu lassen. In diesem Briefband soll deshalb die bürgerliche Lebenswelt im Angesicht der totalitären Bedrohung widergespiegelt werden; das Augenmerk gilt der Familie Heuss – und hier insbesondere der gleichsam aus existenziellen Überlegungen geborenen Tätigkeit seiner Frau Elly Heuss-Knapp in der Wirtschaftswerbung –, finanziellen und Wohnverhältnissen, bürgerlichem Selbstverständnis, sozialer Alltagspraxis und bürgerlicher Vergemeinschaftung. Dies führt zur Frage nach Netzwerken „alter“ Liberaler und insbesondere der „Naumannianer“, der Anhänger Friedrich Naumanns, die nach Naumanns Tod 1919 in der Weimarer Republik liberale Politik, Presse und Bildungsarbeit prägten und im „Dritten Reich“ intensiven Kontakt pflegten. Bildete die bürgerliche kulturelle Vergemeinschaftung schon seit dem 19. Jahrhundert einen zentralen Teil von „Bürgerlichkeit“, so lässt sich für den Kreis der Naumannianer die Kultur des privaten Beisammenseins als ein Spezifikum bürgerlicher Lebenswelt im totalitären Staat aufzeigen. Seine wohl letzte Dynamisierung erfuhr das Netzwerk im Jahre 1937/38 mit der Heuss’schen Publikation der Biographie über Naumann. Kaum von der Frage nach Netzwerken und Vergemeinschaftung zu trennen sind sodann die Verbindungslinien in den deutschen Widerstand, also die Kontakte zur Bekennenden Kirche, zu liberalen Oppositionszirkeln um Fritz Elsas und zu Kreisen um den 20. Juli 1944, war doch Heuss auch als Pressechef für eine Regierung Carl Friedrich Goerdelers nach einem gelungenen Attentat im Gespräch. Schließlich offenbaren die Briefe Einblicke in die Kriegszeit, in Heuss’ Leben und Überleben im Zeichen des Bombenkrieges, sie dokumentieren seine Perzeption des Krieges und seine Überlegungen für eine deutsche Zukunft im Angesicht der Niederlage, die für ihn auch Erlösung war.

Zum Editionsprojekt der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus:

www.stiftung-heuss-haus.de